Foto: Shutterstock (Everett Collection)

Wie schlimm sind 10 Jahre Fortschrittsverzicht?

Glauben wir Google, verdanken wir Bill Gates die Einsicht: Most people overestimate what they can do in one year and underestimate what they can do in ten years.

By
Felix
Cornelius

Von Axel Wehmeier (Deutsche Telekom) finden wir passend im Netz: Das Gesundheitssystem in Deutschland hinkt bei der Digitalisierung im Vergleich zur Autoindustrie mindestens ein Jahrzehnt hinterher.

Wenn beides stimmt, besteht Anlass zur Sorge. Es bedeutet, dass wir Wehmeier zwar glauben, aber dass wir das beschriebene Problem bei Weitem nicht schlimm genug finden, dass wir die Situation verändern wollten. Wenn wir unterschätzen, was in 10 Jahren zu schaffen ist, schätzen wir auch falsch ein, worauf wir verzichten. Dieses Wahrnehmungsproblem ist ebenfalls hausgemacht. Für die eGK, ursprüngliches  Einführungsdatum 01.01.2006 – vor 10 Jahren also –, gilt die bittere Umkehr von Gates’ Aussage: Wir unterschätzen, was in unserem Gesundheitswesen in 10 Jahren nicht getan wurde.

Beim für die Bewertung von Fortschritt maßgeblichen IQWiG ist eine Entwicklung für die GKV relevant, wenn sie Mortalität oder Morbidität verringert oder Lebensqualität erhöht. Als Querschnittsvorteil gilt weiterhin höhere Wirtschaftlichkeit, also geringere Preise oder bessere Leistung zu gleichen Kosten. Ironischerweise hat die zitierte Autoindustrie – obwohl offensichtlich kein Teil des Gesundheitswesens – erhebliche Vorteile in genau diesen IQWiG-Kriterien gebracht. Die Aufzählung dieser Errungenschaften gibt uns eine Ahnung davon, was im Gesundheitswesen möglich gewesen wäre, das sich in diesen Bereichen schließlich hauptamtlich um Verbesserungen kümmern sollte.

Mortalität: Im Jahr 2000 betrug die Zahl der Verkehrstoten in Deutschland 7.503 (alle Zahlen: Statistisches Bundesamt und eigene Berechnungen). Zehn Jahre später, im Jahr 2010, waren es nur noch 3.648, ein Rückgang um 51,4 Prozent. Zum Vergleich: Die Zahl der Brustkrebstoten ist im selben Zeitraum von 18.035 auf 17.573 zurückgegangen – lediglich 2,6 Prozent!

Morbidität: Im Jahr 2000 wurden 507.074 Menschen im Straßenverkehr verletzt. 2010 waren es nur noch 371.170: minus 26,8 Prozent. 2000 erkrankten 57.464 (überwiegend) Frauen erstmals an Brustkrebs. 2010 lag die Zahl bei 71.874 – 25,1 Prozent mehr!

Lebensqualität: Der Golf IV kam im Oktober 1997 auf den Markt. In seiner einfachsten Variante Basic serienmäßig mit 4 Airbags und ABS ausgestattet. Demgegenüber war die einfachste Version des Golf VI im August 2008 bereits ab Werk ausgestattet mit: ESP, EDS, ASR, MSR, Bremsassistent, 7 Airbags, Comfort-Servolenkung, Fensterheber und Außenspiegel elektrisch, Zentralverriegelung und Klimaanlage. Hat sich die Lebensqualität der Patienten in Bezug auf die reguläre ambulante oder stationäre Versorgung in den vergangenen 20 Jahren verbessert? Besonders augenfällig ist das nicht.

Wirtschaftlichkeit: Ein Artikel aus der ZEIT (unter „So teuer sind Neuwagen gar nicht geworden“ im Netz zu finden) vergleicht einen VW Golf aus dem Jahr 1994 mit einem VW Polo Baujahr 2012. Beide Autos sind nahezu gleich groß – aber der Polo (natürlich auch viel besser ausgestattet) kostete 17.900 Euro, inflationsbereinigt 6.901 Euro weniger als 1994 der Vergleichs-Golf, in knapp zwei Jahrzehnten ein Preisvorteil von 27,8 Prozent. Zum Vergleich: Die GKV-Ausgaben betrugen 1994 117,38 Mrd. Euro – inflationsbereinigt waren das 2012 154,47 Mrd. Tatsächlich lagen die Ausgaben 2012 bei 184,25 Mrd., 19,38 Prozent höher.

Die Autoindustrie hat zu erheblichen Steigerungen der Wirtschaftlichkeit, zu massiv gesunkener Mortalität und Morbidität und zu eindrucksvoller Steigerung der Lebensqualität geführt. Gleichzeitig ist das Gesundheitswesen (real!) um fast ein Fünftel teurer geworden, bei steigender Morbidität, kaum gesunkener Mortalität und höchstens gleich hoher Lebensqualität. Das beantwortet dann wohl die im Titel gestellte Frage.

Felix Cornelius

Geschäftsführer, Spreeufer Consult GmbH

Felix Cornelius ist Geschäftsführer der Spreeufer Consult GmbH, die sich auf Projekte spezialisiert hat, in denen ärztliches und betriebswirtschaftliches Denken versöhnt werden sollen. Er ist auch Mitgründer und Vorstand des Verbandes digitale Gesundheit (VdigG).

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