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Wenn etwas zu schön ist, um wahr zu sein ...

Die Geschichte der Elizabeth Holmes und ihres Unternehmens Theranos ist in jeder Hinsicht märchenhaft – und das, obwohl ihr „educational status“ wie folgt beschrieben wird: Drop out, Stanford University.

By
Felix
Cornelius

Die Geschichte der Elizabeth Holmes und ihres Unternehmens Theranos ist in jeder Hinsicht märchenhaft. In der maßgeblichen Liste „The World’s Billionaires“ auf forbes.com lesen wir zum Beispiel, dass ihr „Echtzeit-Nettovermögen“ bei 3,6 Mrd. US$ liegt, dass sie 32 Jahre alt ist (Single!), und dass ihr „Self-made Score“ bei 8 liegt, sie sich das viele Geld also ganz allein verdient hat – und das, obwohl ihr „educational status“ wie folgt beschrieben wird: Drop out, Stanford University.

Wahrscheinlich können wir dieses Märchen in naher Zukunft sogar mit „Es war einmal“ beginnen. Ein erstes Indiz: Während ich diese Zeilen schreibe, sinkt der Rang von Liz Holmes in der Liste der Milliardäre der Welt von #435 auf #516 – und das ist offenbar ein stabiler Trend, denn ihre beste Position (#121) hatte sie erst im vergangenen Jahr. Dieser Absturz von fast 400 Plätzen hat leider einen seriösen Grund. Theranos verspricht, einen Tropfen kapillaren Blutes aus der Fingerspitze, der in einer Drogerie abgenommen und an das Unternehmen in Kalifornien geschickt wird, in vergleichbarer Breite (= Anzahl Parameter) und Qualität analysieren zu können, wie etablierte Blutlabore es mit relativ großen Mengen venösen Blutes tun. Möglicherweise stimmt diese Behauptung nicht. Ich komme jedenfalls zu diesem Schluss, wenn ich die aktuelle Presse zu Theranos verfolge.

Damit Sie sich nicht länger wundern, warum sich diese Kolumne bislang auf Klatschpressen-Niveau bewegt, versuche ich, die Verbindung zum Thema Healthcare-IT zu kriegen: Neben der (potenziell vermeintlichen) laboranalytischen Innovation ist Theranos vor allem als eHealth-Innovator angetreten: Das Modell sieht vor, dass Patienten die Blutabnahme ohne Umweg über einen Hausarzt direkt veranlassen, dass sie die Ergebnisse auf ihrem Smartphone sehen und an ihre Ärzte weiterleiten können, und dass sie von Theranos in der Auswertung ihrer Laborwerte durch Software unterstützt werden. Ich fürchte, dass der absehbare Niedergang diesen Aspekt des Fortschritts ebenfalls bremsen wird – dabei wäre es auch ohne den Theranos-Zauber höchste Zeit, Labordiagnostik zu modernisieren.

Drei Beispielszenarien zur Illustration dieser Notwendigkeit: (1) Laborwerte sind multidimensional. Dass nur ein einziger Laborparameter erhoben wird, ist seltene Ausnahme. Wenn aber bspw. das „große Blutbild“ erhoben wird, erhält der Arzt, der das Blut entnommen hat, lediglich einen Hinweis auf eindimensionale Ausreißer. Ist LDL über 100, wird der Wert rot gedruckt. Alle in der Kombination vieler Werte stehenden Erkenntnisse werden ignoriert. eHealth könnte das sehr leicht ändern. (2) Menschen mit hohem Versorgungsbedarf werden häufig untersucht. Sie haben deshalb meistens eine lange Kette sich entwickelnder Laborwerte, die sich mit anderen Beobachtungen kombinieren und auswerten ließen. Mit einem „eHealth-Labor“ wäre das eine Selbstverständlichkeit. Umgesetzt wird davon nahezu nichts. Zentraler Grund ist, dass die Labore nicht miteinander kompatibel sind und jeder Arzt sein eigenes Labor beauftragt, ohne seine Patienten in diese Entscheidung einzubeziehen. (3) Laborwerte kombiniert mit allen anderen Informationen über einen Patienten sind prinzipiell eine interessante Basis für wissenschaftliche Erkenntnis. Doch wenn ein Arzt hierzulande einem Patienten Blut abnimmt, landen weder das Analyseergebnis noch andere Informationen zu dem Patienten in einer Datenbank, die zu generellem Erkenntnisgewinn genutzt würde. Dabei wäre das so einfach. Und so hilfreich.

Ich hoffe sehr, dass die Theranos-Krise den konservativen Gegenkräften nicht weitere 10 Jahre Ruhe verschafft. Nirgends wäre eine grundlegende eHealth-Innovation nötiger und hilfreicher als in der Laboratoriumsmedizin, und an keiner Stelle wäre sie leichter umzusetzen.

Felix Cornelius

Geschäftsführer, Spreeufer Consult GmbH

Felix Cornelius ist Geschäftsführer der Spreeufer Consult GmbH, die sich auf Projekte spezialisiert hat, in denen ärztliches und betriebswirtschaftliches Denken versöhnt werden sollen. Er ist auch Mitgründer und Vorstand des Verbandes digitale Gesundheit (VdigG).

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