Was wir wollen!

E-Health-Gesetz und Innovationsfonds als Meilensteine dieser Legislaturperiode in puncto digitales Gesundheitswesen. Was sollte in der nächsten passieren, damit das Momentum der Digitalisierung an Fahrt gewinnt? Darüber wurde beim letzten HIMSS Frühstück diskutiert.

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Cornelia
Wels-Maug

Die Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens ist in der gegenwärtigen Legislaturperiode mehr in Fahrt gekommen denn je: Das E-Health-Gesetz ist in Kraft getreten und wird nun schrittweise umgesetzt. Der Rollout der Telematik Infrastruktur hat begonnen, teleradiologische Konsilien und die online Videosprechstunde sind Bestandteil der medizinischen Regelversorgung geworden, auch wenn sie bisher nur in sehr geringem Umfang genutzt werden. Der Innovationsfond wurde aufgelegt und 29 Projekte sind vergeben worden, aber auch hier, wie schon bei der Umsetzung des E-Health-Gesetzes, kommt es zu Verzögerungen.

Wie geht es mit der E-Health-Strategie weiter?

Zwei vom Bundesministerium für Gesundheit in Auftrag gegebene Studien sollten die Nutzung digitaler Technologien im deutschen Gesundheitswesen schneller voranbringen. Sie setzen sich mit den Chancen und Risiken von Gesundheitsapps und der Fortführung der E-Health-Strategie auseinander. Die Studie „Weiterentwicklung der eHealth-Strategie“, empfiehlt zwar die Schaffung von neun Arbeitsgruppen zu neun Themen, hat aber „keine konkreten Maßnahmen und Empfehlungen vorgeschlagen“, so das Fazit, das die E-Health-Arbeitsgruppe der HIMSS-DACH-Community zieht, die von Prof. Arno Elmer, InnovationHealthPartners und Nikolaus Huss, KovarHuss Policy Advisors geleitet wird. Die Zwei sind auch die Autoren eines Diskussionspapiers „Minister of Health – Open this Gate!“ in dem sie die Eckpunkte einer E-Health-Strategie für die 19. Legislaturperiode herausgearbeitet haben, die sie im Rahmen einer Veranstaltung der HIMSS Europe anlässlich der conhIT in Berlin im letzten Monat erstmalig der Öffentlichkeit präsentierten.

E-Health ist, was wir daraus machen?

Die staatlich vorangetriebene Digitalisierung in Deutschland hat bisher viel Zeit und Geld verschlungen. Und die sich über Jahre hinweg kumulierten Verzögerungen sind nicht folgenlos geblieben: „Heute denken zentrale Institutionen des deutschen Gesundheitswesens über Health-IT in den Formen von gestern nach“, bedauern die oben genannten Autoren. Aber sie weisen gleichzeitig darauf hin, dass der deutsche Gesundheitsmarkt aus eigener Initiative die Digitalisierung vorangetrieben hat: „In Deutschland haben sich Unternehmen, Investoren, Krankenversicherungen, gesetzliche wie private, Kommunen, Regionen und Bundesländer auf den Weg gemacht. Sie sind dabei, Maßnahmen zu realisieren, die zu einem Quantensprung in der Gesundheitsversorgung führen können“, stellt das Diskussionspapier fest. Die Bundesländer Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen sind den anderen voraus und zeichnen sich schon heute durch ihre eigenen Digitalisierungsprojekte im Gesundheitswesen aus. Auch einige Krankenkassen haben sich in puncto elektronischer Patientenakten schon selbst auf den Weg gemacht, so haben sowohl die Techniker Krankenkasse als auch die AOK Nordost die Ausschreibungen dafür bereits abgeschlossen. Eine vielfältige Start-up Kultur, gerade im Berliner Raum, hat sich etabliert, die auch, aber nicht ausschließlich, mit Pharma- und Medizingeräteherstellern und Dienstleistern die Digitalisierung durch Innovationen voranbringt. „Wir brauchen bei all diesen Mitspielern das Bewusstsein, dass Veränderungen notwendig sind und brauchen sie als Multiplikatoren, die sich dafür einsetzen“, unterstreicht Stefanie Woerns, Vorstand, Stiftung Gesundheit, die ebenfalls an dem Papier mitgearbeitet hat: „Die gesetzlichen Krankenversicherungen sind ein schöner Anfang, sie lassen Apps zu, schreiben Patientenakten aus und gehen Kooperationen ein“, ergänzt sie.

Wie viel Staat braucht E-Health?

So wenig wie möglich und so viel, wie nötig, könnte man vielleicht lapidar die Thesen des Papiers zusammenfassen. Sie fordern, eine E-Health-Strategie solle sich „von Überregulierungen und Gruppenegoismen lösen und den verantwortungsfähigen Akteuren … den notwendigen Freiraum für Innovationen einräumen“. Woerns betont in diesem Zusammenhang: „Man sollte nicht zu sehr regulieren; der Staat ist nur dazu da, die Leitplanken zu ermöglichen und die Player, die es können, einfach zu lassen“. Daher plädieren die Autoren in ihrem Diskussionspapier klar dafür, dass der Staat keine monolithische E-Health-Strategie entwickeln soll, aber stattdessen „zu identifizieren, was läuft, zu definieren, wo Schnittstellen geöffnet werden müssen, damit … eine digitale Gesundheitsinfrastruktur von unten wachsen kann“. Ganz zentral dabei ist die Rolle, die der Patient und dessen Daten dabei spielen: „Es fängt damit an, den Patienten in den Mittelpunkt zu stellen, statt zu versuchen, den Standesorganisationen gerecht zu werden. Der Patient soll entscheiden, was er mit seinen Daten machen möchte,“ bringt es Woerns auf den Punkt und Huss ergänzt, dass eine offene Datenkultur auch bedeutet, dass jeder Patient das Recht auf opt-out statt opt-in haben sollte, sodass „eine Verweigerung keine Blockaden mehr erzeugen kann“. Dies zu verwirklichen, erfordert, dass die „Politik, sich unangenehmen Entscheidungen stellt“, befindet Huss.

„Es braucht kleine Schritte, nicht den großen Wurf“, gibt Huss den Anwesenden mit auf den Weg.

Bis zum 30.5.2017 kann das Papier „Minister of Health – Open this Gate!“ von der Fachöffentlichkeit im Rahmen einer Onlinekonsultation und einem Webinar am 29.5.2017, 14.00 Uhr, diskutiert werden. Im Anschluss daran plant die Arbeitsgruppe, einen finalisierten Vorschlag vorzulegen. Der Zugang zur Onlinekonsultation und zum Webinar befindet sich auf der HIMSS-Dachcommunity-Homepage.

Cornelia Wels-Maug

erforscht seit 21 Jahren den Einsatz von IT in diversen Industriesektoren und hat sich vor fast zehn Jahren auf den Gesundheitsmarkt spezialisiert. Sie verfasst Artikel, Fallstudien und Weißbücher über den weltweiten Markt für IT im Gesundheitswesen undhält Vorträge und Webinare. Gleichzeitig ist sie auch als Analystin für den internationalen Gesundheitsmarkt bei einer englischen Firma tätig.

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