Was man messen kann, kann man steuern!

Angesichts fehlender Leitlinien zur digitalen Transformation ist EMRAM eine hilfreiche Roadmap zur effektiven Einführung und Nutzung von ePatientenakten und ergänzender Systeme. Die EMRAM Zertifizierung hat auch eine werbeträchtige Außenwirkung auf Zuweiser und Patienten.

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Cornelia
Wels-Maug

Die Gesundheitsversorgung ist heute in westlichen Ländern nicht mehr ohne den Einsatz von IT-Systemen und IT gestützten Prozessen zur Verbesserung sowohl der Sicherheit als auch des Behandlungsergebnisses denkbar. Die dadurch erfassten Daten in digitalem Format erleichtern es den Akteuren im Gesundheitswesen, Diagnose- und Therapieentscheidungen auf Basis valider Daten zu treffen. Hierbei hat die Verwendung einer elektronischen Patientenakte ― oder „electronic medical record“ im Englischen ― eine hohe Priorität und wird oft von der Vision eines „papierlosen Krankenhauses“ geleitet. 

„Nur was ich messen kann, kann ich auch steuern“

Das Ausmaß, in dem IT eingesetzt wird, unterscheidet sich von Land zu Land und von Gesundheitseinrichtung zu Gesundheitseinrichtung. Dabei stellt sich auch die Frage, ob man den Digitalisierungsgrad einer Institution messen kann und wie sich dieser im nationalen oder internationalen Vergleich darstellt. „Nur was ich messen kann, kann ich auch steuern“, weiß Lutz Brandt, Abteilungsleiter ICT-Applikationsmanagement, Kantonsspital Graubünden, nur zu gut aus eigener Erfahrung zu berichten. Und dazu bedient sich das Kantonsspital des Electronic Medical Record Adoption Models (EMRAM), einem Werkzeug für die Evaluierung von IT-Systemen im Krankenhaus, das von HIMSS Analytics entwickelt wurde und seit 2010 auf dem europäischen Markt verfügbar ist. „EMRAM ist eine der wenigen Messgrößen, wie man den Digitalisierungsgrad des IT-Einsatzes messen kann. EMRAM ist eine seriöse Geschichte, die von einem Non-Profit-Unternehmen angeboten wird“, fügt Brandt hinzu. Und Claudia Perndl, CIO Ordensklinikum Linz Elisabethinen, ergänzt: “Die anderen Modelle sind nicht so speziell auf ein Krankenhausinformationssystem ausgerichtet wie das EMRAM. Die ISO-Zertifizierung hat nichts Spezielles mit IT zu tun, sondern ist eher eine 2-stündige Prüfung, bei der nur ein paar Punkte abgefragt werden, es handelt sich dabei mehr um ein Tool als Basis für das Qualitätsmanagement“.

EMRAM zur Messung der IT-Durchdringung

EMRAM beschreibt auf einer achtstufigen Skala von 0 bis 7 die IT-Durchdringung eines Krankenhauses anhand der elektronischen Patientenakte und ergänzender Systeme mit dem Ziel, eine papierlose Arbeitsumgebung zu schaffen und die Patientenversorgung durch Technologieeinsatz zu fördern. „Wir verstehen das Modell zum einen als strategische Roadmap zur effektiven Einführung und Nutzung einer elektronischen Patientenakte, was gerade angesichts fehlender Leitlinien zur digitalen Transformation sehr hilfreich ist, zum anderen als europa- und weltweiten Benchmark gegenüber anderen Einrichtungen der Gesundheitsversorgung“, erklärt Jörg Studzinski, Director Research and Advisory Services HIMSS Europe GmbH, HIMSS Analytics. Bisher wurden mehr als 2.500 Kliniken in Europa nach EMRAM bewertet, von denen gegenwärtig in der EU drei Einrichtungen auf Stufe 7 beziehungsweise 35 auf Stufe 6 zertifiziert wurden.

„Ein objektives und allgemein anerkanntes Modell“

„Das EMRAM-Modell ist das einzige Bewertungsmodell, das für mich relevant war. Es ist ein anerkanntes Instrument. Es prüft genau die Qualität der Krankenhausprozesse und zielt auf das Krankenhausinformationssystem und dessen Digitalisierungsgrad ab. Eine HIMSS-EMRAM-Stufe sagt jedem etwas, deshalb hört man auch oft die Frage, „Auf welchem HIMSS-Level seid Ihr?“ legt Perndl die Gründe für die Wahl des EMRAM-Modells zur Messung des Digitalisierungsgrads des Ordensklinikums offen.

Sie findet, dass die schriftliche Bewertung durch eine externe, unabhängige Organisation ein wichtiges Signal an die Zuweiser und Patienten darstellt, was umso wichtiger ist, je mehr Konkurrenz sich in unmittelbarere Nähe einer Klinik befindet: „Wir wollten diese Einschätzung schriftlich haben, im Rahmen eines objektiven und allgemein anerkannten Modells. Man braucht objektive Messinstrumente, um anerkannt zu werden. Diese objektive Bewertung hat eine Außenwirkung auf Zuweiser und Patienten. Wir werden unsere EMRAM Stufe 6 Zertifizierung nun auch in die Öffentlichkeit tragen und unsere Stufe 6 vermarkten“, erläutert Perndl die Strategie ihres Hauses. 

EMRAM als Wegweiser

Dabei ist die Zertifizierung nicht nur relevant für die Krankenhaus-IT als Messlatte für den Erfolg ihres eigenen Einsatzes, sondern auch ein Ausdruck „für die Qualität der Behandlungen und die Sicherheit der Patienten in unserem Haus“, unterstreicht Perndl: „Stufe 6 bedeutet auch, dass wir auf Medication Loop zertifiziert sind“, konkretisiert sie, „Medienbrüche kein Thema mehr sind und die Ärzte die richtigen Informationen auf Anhieb finden“.

Aber EMRAM ist auch ein Wegweiser dafür, welche Verbesserungen auf dem Weg zum papierlosen Krankenhaus noch anstehen: „Es hilft uns zu bestimmen, wo noch etwas fehlt, welche Themen noch Sinn machen anzugehen und welche Qualitätskriterien es generell gibt, die wir noch nicht haben, an denen wir uns orientieren sollten“ findet Perndl.

Cornelia Wels-Maug

erforscht seit 21 Jahren den Einsatz von IT in diversen Industriesektoren und hat sich vor fast zehn Jahren auf den Gesundheitsmarkt spezialisiert. Sie verfasst Artikel, Fallstudien und Weißbücher über den weltweiten Markt für IT im Gesundheitswesen undhält Vorträge und Webinare. Gleichzeitig ist sie auch als Analystin für den internationalen Gesundheitsmarkt bei einer englischen Firma tätig.

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