Von der Prävention zur Prognose

Die HIMSS18 zeigt, wie die Progression der digitalen Transformation des Gesundheitswesens verlaufen kann. Dabei ist technologische Innovation ein wichtiger Baustein, das Gesundheitssystem effizienter und sicherer zu gestalten, aber bei Weitem nicht ausreichend.

By
Cornelia
Wels-Maug

Was ist neu?

Auf den ersten Blick ins Programmheft der jährlich stattfindenden HIMSS-Konferenz in den USA scheinen die zentralen Themen unverändert: Elektronische Patientenakte, Interoperabilität, Sicherheit, Cloud, Telemedizin, Innovation gehören schon seit längerem zum Standardkanon. Künstliche Intelligenz (KI), Maschinenlernen, Virtuelle und Erweiterte Realität, Blockchain, Präzisionsmedizin sowie Patientenbeteiligung sind Thematiken, die erst in der jüngeren Zeit zum Repertoire der Kernthemen hinzugekommen sind. Dazu gehört auch die zunehmend um sich greifende Auffassung, dass ein Patient ein Kunde des Gesundheitswesens ist, der nun auch vermehrt einen verbraucherfreundlichen Zugang zu und Umgang mit Gesundheitsdienstleistungen erwartet (Stichwort „Consumerism“).

Und doch verschieben sich jedes Jahr die Akzente innerhalb der einzelnen Thematiken und damit die Diskussionen, denn in der Zeit zwischen den HIMSS-Konferenzen liegen 365 Tage des Praktizierens und Lernens, der Produktentwicklung und des technologischen Fortschritts.

Elektronische Patientenakten mit Künstlicher Intelligenz besser nutzen

Aus amerikanischer Perspektive sind elektronische Patientenakten nicht mehr aus dem Gesundheitswesen wegzudenken, weit mehr als 80 Prozent der amerikanischen Krankenhäuser haben diese Technologie mittlerweile eingeführt. Oft aber liegen die Daten „brach“. Im Prozess der digitalen Transformation gilt es nun, diese gesammelten Informationen mithilfe von Künstlicher Intelligenz und Maschinenlernen so zu nutzen, dass man aus ihnen Schlüsse ziehen, beziehungsweise Prognosen über den zu erwartenden Krankheitsverlauf eines Patienten erstellen kann. Dies erlaubt, zum Beispiel, eine mit einer hohen Wahrscheinlichkeit eintretende Verschlechterung des Zustandes eines Patienten durch rechtzeitige Interventionen zu konterkarieren. Eric Schmidt, Technical Advisor und vormals Executive Chairman von Alphabet Inc., verwies in seiner Ansprache zur Eröffnung der HIMSS18 auf die potenzielle Durchschlagskraft dieser Entwicklung: “Ich will Prognosen, um früher intervenieren zu können.“ Dabei betont er: “Wir wollen nicht besser als die Ärzte sein, wir versuchen, sie zu stärken.“

Dass dies keine ferne Zukunftsmusik mehr ist, bewiesen die auf der HIMSS vorgestellten Lösungen, die unstrukturierte sowie strukturierte Daten aus den elektronischen Patientenakten analysieren und dem medizinischen Personal potenzielle Probleme anzeigen, wie beispielsweise Clew Medical, die eine Web-Plattform sowie mobile App zur Früherkennung lebensbedrohlicher Komplikationen bei Patienten auf der Intensivstation vorführte. Die Lösung ist mittlerweile auch schon in zwei größeren US-Hospitälern im Einsatz. Ein weiteres Anwendungsfeld für Künstliche Intelligenz ist, sie zur Identifizierung von geeigneten Patienten für klinische Studien als auch zu deren Standortwahl einzusetzen. In diesem Zusammenhang wies Bobbie Rimel, MD, Cedars Sinai Medical Center, in ihrem Vortrag auf ihre diesbezüglichen positiven Erfahrungen im Rahmen von gynäkologischen klinischen Studien hin.

Erhebe die Stimme!

Unbestreitbar ist der Erfolg von Amazons „Alexa“ in den USA und darüber hinaus. Auch im Gesundheitswesen erfährt der Einsatz der Stimme großes Interesse. Die Stimme ist das natürliche Kommunikationsmedium, wirbt Jay Maxwell, Direktor für Gesundheitsinformationen der Mayo Clinic auf der HIMSS. Er ergänzt: „Sie ist schneller als Tippen und zugänglich.“ Die Technik ist da, Mikrofone sind gut, Cloud-Technologie ist vorhanden, findet Maxwell.

Bedeutet dies, dass wir jetzt einen Wendepunkt erreicht haben und nun der Stimme eine ganz neue Rolle im Gesundheitswesen zukommt? Zumindest ist Maxwell davon überzeugt und auch Schmidt hat hehre Pläne, was das Potenzial der Stimme angeht. So wirft Schmidt die Frage in den Raum, ob nicht der Übergang von workflowbasierten zu sprachbasierten Anwendungen die Killerapp ist, die benötigt wird, um die Gangart der digitalen Transformation auch im Gesundheitswesen zu beschleunigen. Zumindest gab es heute schon interessante Anwendungen zu bestaunen, so zum Beispiel Beyondverbals Gebrauch der Stimme als ein Medium zum Identifizieren von Biomarkern, von denen angenommen wird, dass sie auf unmittelbar bevorstehende kardiovaskuläre Ereignisse bei einem Patienten hinweisen.

Neue Spieler mit neuen Ideen mischen im Gesundheitswesen mit

Gerade rechtzeitig zur HIMSS, am 1.März 2018, ging Uber Health an den Start, was für viel Gesprächsstoff auf der HIMSS sorgte. Mit jährlich 3.6 Millionen versäumten Arztterminen, geschuldet der Tatsache, dass Patienten keine Möglichkeit haben, zum Arzt zu gelangen, schien dies für Uber eine opportune Gelegenheit, ihr Geschäft speziell auf Gesundheitsdienstleister auszuweiten. Mit der neuen Geschäftseinheit Uber Health offeriert die Firma Kliniken, Krankenhäusern und Rehazentren ihren Fahrbuchungsservice. Diese wiederum können nun von einem zentralen Dashboard aus Patienten Fahrten zuordnen, ohne dass ein Patient über die Uber App oder ein Smartphone verfügen muss und stattdessen durch einen Anruf auf einem traditionellen Telefon benachrichtigt werden kann. Die größte Herausforderung für Uber Health war es, dass die Transaktionen auf eine HIPAA konforme Art und Weise abgewickelt und gespeichert werden. Leor Shtull-Leber, Client Success Manager, Uber Health, verriet, dass Uber rund eineinhalb Jahre daran arbeitete, bis die Daten der zu einem Arzttermin Chauffierten gemäß der geltenden HIPPA Regelungen aufbewahrt werden konnten. Allerdings muss der Patient in der Lage sein, ohne fremde Hilfe sein Haus verlassen zu können. Das dies nicht immer möglich ist, weiß auch Uber Health. So wird in einem nächsten Schritt eine spezielle Assistenzdienstleistung verfügbar gemacht werden.

Noch weitere Dynamik auf dem US-Gesundheitsmarkt wird von zwei anderen Ankündigungen erwartet, die im Vorfeld der HIMSS18 stattfanden: Apple gab im Februar die Gründung von Gesundheitszentren für die eigenen Mitarbeiter bekannt und Ende Januar teilte der Online-Gigant Amazon mit, dass er gemeinsam mit der größten US-Bank JPMorgan Chase sowie Warren Buffetts Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway einen Weg finden will, der steigenden Gesundheitskosten Herr zu werden. Dazu wollen sie eine unabhängige und nicht gewinnorientierte Firma auf den Markt bringen. Diese soll technologische Lösungen finden, um Mitarbeitern eine günstigere Gesundheitsversorgung zu bieten.

Das dafür notwendige technologische Rüstzeug―sicherlich wird Cloud Computing, Analyse von Langzeitdaten, Maschinenlernen, Künstliche Intelligenz dazugehören ― wurde in der ein oder anderen Form auf der HIMSS präsentiert. Aber das ist nur ein Aspekt. Es bedarf noch weit mehr und es ist kein Zufall, dass dieses Know-how dazu von Industrien stammt, die die digitale Transformation schon seit Längerem erfolgreich umgesetzt haben. "Die drei Konzerne haben außergewöhnliche Ressourcen, unser Ziel ist es, Lösungen zugunsten unserer US-Angestellten, ihrer Familien und – möglicherweise – aller Amerikaner zu finden", lässt Jamie Dimon, CEO und Chairman JPMorgan Chase & Co., wissen.

Das wäre wirklich neu!

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Save The Date: HIMSS19 findet vom 11-15 Februar 2019 in Orlando, FL, statt.

Cornelia Wels-Maug

erforscht seit 21 Jahren den Einsatz von IT in diversen Industriesektoren und hat sich vor fast zehn Jahren auf den Gesundheitsmarkt spezialisiert. Sie verfasst Artikel, Fallstudien und Weißbücher über den weltweiten Markt für IT im Gesundheitswesen undhält Vorträge und Webinare. Gleichzeitig ist sie auch als Analystin für den internationalen Gesundheitsmarkt bei einer englischen Firma tätig.

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