Dr. Evelyn Kade-Lamprecht von Terra Consulting Partners (TCP) GmbH; Foto: Wally Pruß

Werden Krankenkassen von der Digitalisierung „uber“rollt?

Die vierte Ideenküche legt eine neue Gangart ein. Nur vor sich hin köcheln birgt die Gefahr, durch disruptive Geschäftsmodelle obsolet zu werden, analog zu dem Effekt, den Uber auf dem Taximarkt hat.

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Cornelia
Wels-Maug

Dieses Jahr wurden wieder neue Rezepte in der Ideenküche vorgestellt: Man bringe Krankenkassen, Start-ups und eine Menge Innovationsgeist zusammen und lässt sie köcheln. Ein Jahr später, bei der vierten Ideenküche in Berlin im März 2018 trifft man sich dann, um gelungene Rezepturen, die die Digitalisierung im Gesundheitssektor voranbringen können, auszutauschen.

Welche Rezepte taugen für disruptive Geschäftsmodelle?

Die Chefköchin und Mitgastgeberin, Dr. Evelyn Kade-Lamprecht von Terra Consulting Partners (TCP) GmbH, stellte die Veranstaltung unter das Motto „Der Uber-Moment in der Krankenversicherung“. Damit will sie unterstreichen, wie sich diese einst „innovationsfreien Zonen“, wie Kade-Lamprecht die Versicherer in ihrem Vortrag bezeichnet, nun angesichts der Verfügbarkeit digitaler Patienteninformationen sowie einer „digitalen Infrastruktur, das Tor zu einem Markt, den wir vorher noch nicht gesehen haben“, aufstoßen. Dadurch werden „etablierte Geschäftsmodelle auf den Kopf gestellt“, findet sie und vergleicht das dadurch freigesetzte disruptive Potenzial mit dem Effekt, den Uber im Bereich des Taxigewerbes hat.

TCP will mit der Ideenküche einen Rahmen schaffen, der es den gesetzlichen Krankenkassen (GKV) ermöglicht, nicht selbst von der digitalen Transformation „uber“rollt zu werden, sondern im Zusammenspiel insbesondere mit Start-ups, an nachhaltigen, kundenfreundlichen Lösungen zu arbeiten. Dabei haben die Kunden, also die Krankenversicherten, laut den Ergebnissen einer 1.002 GKV-Versicherten umfassenden Studie, die in diesem Frühjahr von TCP durchgeführt wurde, klare Erwartungen an die Leistungen einer Krankenversicherung: 64 Prozent erhoffen sich „Neue innovative Behandlungsmethoden und Leistungen“, 62 Prozent wollen „Praktische Hilfen, um konkrete Leistungen persönlich nutzen zu können“ und jeweils 60 Prozent der Befragten versprechen sich von ihrem Anbieter „Medizinisches Hintergrundwissen zu Krankheiten, Diagnosen, Therapien“ sowie “Gesunde Lebensweise/Lifestyle“. Zumindest die bei der Ideenküche referierenden Krankenkassen arbeiten in der einen oder anderen Form an Lösungen, um diese Erwartungen zu erfüllen.

Christian Klose, Chief Digital Officer, AOK Nordost

Appetit auf die elektronische Patientenakte?

Christian Klose, Chief Digital Officer, AOK Nordost, nimmt eine positive Bereitschaft auch der über 65-jährigen Internetnutzer wahr, nicht nur, das Internet zu nutzen (bei 71 Prozent), sondern es insbesondere zur Recherche von medizinischen Inhalten zu gebrauchen (67 Prozent). Aber auch 70 Prozent der Ärzteschaft nehmen die Digitalisierung als Chance wahr und 65 Prozent würden eine elektronische Patientenakte willkommen heißen, so die Ergebnisse der 2017 Bitkom Studie „Gesundheit 4.0“. Dies sind gute Voraussetzungen für den Launch der beiden digitalen AOK Pilot-Gesundheitsnetzwerke in Mecklenburg Vorpommern und Berlin, bei denen Sektor übergreifend Daten zwischen Patienten, Niedergelassenen und Kliniken ausgetauscht werden. Kernstück bildet eine digitale Patientenakte. Klose betont, dass das bisherige Gelingen der Projekte dadurch zustande kam, dass von Anfang an alle Beteiligten einen Mehrwert in dem Unterfangen gesehen haben und die Kunden in den Entwicklungsprozess (Stichwort UX Design) eingebunden waren, sowie ein datenschutzkonformer Informationsaustausch und ein sicheres Authentifizierungsverfahren gewählt wurden. Sicherlich ganz zentrale Ingredienzien, die auch schon in an deren Ländern erfolgreich eingesetzt werden.

Und auch Thomas Heilmann von der Techniker Krankenkasse (TK) beleuchtet die verschiedenen Lösungen aus dem Portfolio der TK, die stark auf Innovation beziehungsweise Innovationsförderung als Teil ihrer Unternehmenskultur setzt. Die TK-Lösungen bedienen alle der oben angeführten Erwartungen der Versicherten an eine Krankenkasse: Sie reichen über eine Auswahl an Apps zum Managen verschiedener Krankheitsbilder, über eine Diabetes Tagebuch, einer Patientenakte bis hin zu einem Arztführer.

Sind diese Ansätze ausreichend für die Krankenkassen, einem „Uber“effekt vorauszugreifen. Wir sind gespannt, an welchen Rezepten Start-ups und Versicherer in den kommenden 12 Monaten arbeiten werden, um eine bessere und gleichzeitig nachhaltigere Gesundheitsversorgung zu ermöglichen.

Cornelia Wels-Maug

erforscht seit 21 Jahren den Einsatz von IT in diversen Industriesektoren und hat sich vor fast zehn Jahren auf den Gesundheitsmarkt spezialisiert. Sie verfasst Artikel, Fallstudien und Weißbücher über den weltweiten Markt für IT im Gesundheitswesen undhält Vorträge und Webinare. Gleichzeitig ist sie auch als Analystin für den internationalen Gesundheitsmarkt bei einer englischen Firma tätig.

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