Vernetzen im Interesse des Patienten

Mit dem 10. Swiss eHealth Summit fand am 21. und 22. September das nationale eHealth-Event erstmals in Lausanne statt. Der Summit präsentierte aktuelle Entwicklungen des „New Age“ im Gesundheitswesen.

Auf der Fachkonferenz für ICT im Schweizer Gesundheitswesen standen zwei für die Zukunft entscheidende Elemente im Zentrum: die digitale Innovationen zur Effizienzsteigerung der Behandlungspfade und die zügige Einführung des elektronischen Patientendossiers. Spannend waren zudem die kontroversen Diskussionen zur Perspektive von Precision Medicine und der Ausblick auf den Einsatz von Blockchain im Gesundheitswesen.

Das SwissTech Convention Center in Lausanne bot für die Akteure der Schweizer eHealth-Branche einen passenden Rahmen, um über Innovation und Vernetzung durch IT zu Gunsten von Patienten und Beschäftigten im Gesundheitswesen zu sprechen. Keynotes, Workshops und Roundtables boten einen breiten Überblick über die aktuellen digitalen Technologien und die Implementierung des elektronischen Patientendossiers ePD. Gleichermaßen wurde kräftig über den Tellerrand geschaut: Was ist relevant für die Schweiz, was wird international geboten?

Den Takt bestimmte die Keynote von Prof. Antoine Geissbuehler vom Universitätsspital Genf. Über Jahrzehnte hätte dank Vernetzung biomedizinsicher Informationen in verschiedenen Disziplinen ein vorteilhaftes Umfeld geschaffen werden können, das bereit für einen Wechsel sei. „Digitalisierte Medizin, datengetriebene biomedizinische Forschung und Einbezug künstlicher Intelligenz beeinflussen das Gesundheitssystem heute wesentlich, dies obwohl die fundamentalen Grundzüge überraschenderweise ebenso unveränderbar sind wie die ausschlaggebenden Herausforderungen.“ Daher werde es besonders interessant sein, die Anforderungen der täglichen Arbeit, der qualitativ hochwertigen Therapie der Patienten, mit den Möglichkeiten von digital health in Einklang zu bringen.

„In Lausanne ist es gelungen, IT-Trends wie personalisierte Medizin, Big Data und Population Health Management – jetzt als ‚New Age’ der Medizin gefeiert – ausgiebig zu beleuchten und wertvolle Erfahrungen aus Schweizer und internationaler Sicht auszutauschen“, betonte Rainer Herzog, General Manager des Veranstalters HIMSS Europe.

Lebenswichtige Infos für Patienten fördern

Dr. Bertrand Kiefer (Revue Médicale Suisse), Christine Bienvenu (Patient Empowerment Foundation Europe), Alexander Ihls (InterSystems) und Karin Holm (Patient Advocates for Cancer Research & Treatment, PACRT) diskutierten unter Leitung von Dr. Pascal Walliser (Fluance AG) wie personalisierte Medizin Wirklichkeit werden könne. Das gelinge nur dann, so Karin Holm, „wenn wir es endlich schaffen die Patienten dorthin zu rücken wo sie eigentlich hingehören – nämlich ins Zentrum des ärztlichen Wirkens. Und wichtig ist dabei auch, dass wir Mittel zur Verfügung haben, um lebenswichtige Informationen für Patienten untereinander besser teilen zu können.“

Die Implementierung des ePD: Adrian Schmid (eHealth Suisse) zeigte mittels konkreter Fallbeispiele Best-Practice-Erfahrungen von CIOs, Ärzten und Spitälern.

Die digitale Vernetzung als Enabler

In der zweiteiligen Session „Die Digitale Vernetzung als Enabler“ gingen Cornelia Lüber (Spital Thurgau AG), Roland Blätter (Kantonsspital Obwalden), Manuel Gublervom (Kantonsspital St. Gallen) und Matthias Bryner (Luzerner Kantonsspital) unter Moderation von Jürg Lindenmann (VGIch) und Enrico Kopatz (simeio.ch) der Frage nach, wie bei der Einführung des ePD eine wertschöpfende Vernetzung unter den Leistungserbringern möglich wird.

 „Über 7 Dimensionen musst Du geh’n“, betonte Jürg Lindenmann in seiner Betrachtung zur Einführung des ePD: „Sie sind Politik, Regulation, Organisation, Transformation, Ökonomie, Technologie und Kommunikation.“ Der routinierte Berater blickte auch auf die ursprünglichen Ziele von eHealth Suisse zurück. 2007 hiess es dort im Strategie-Papier: „eHealth ermöglicht einen Mehrwert, weil das Gesundheitswesen durch die  Koordination der Akteure und der Prozesse effizienter wird. Aus industrieller Sicht sind die IKT ein geeignetes Instrument in Branchen mit hoher Informationsintensität und einem großen Bedarf nach Koordination und Prozessoptimierung. Ein Gesundheitssystem mit effizienten Prozessen hat auch positive Auswirkungen auf die Gesundheitskosten.“ – Dies umzusetzen sei, gerade aufgrund der hohen und möglicherweise zu umfangreichen „Technischen und Organisatorischen Zertifizierungsvoraussetzungen (TOZ)“, alles andere als einfach, denn, so Lindenmann, „Transformation wie Digitalisierung lassen sich nicht klein hoffen.“

eMedikation, ein entscheidender Faktor

Die Verteilung von Medikamenten ist ein zentraler Bestandteil der Patientenbehandlung. Bei der Umsetzung des ePD kommt daher der digitalen Medikamentenversorgung eine wichtige Rolle zu. Dabei stünden sowohl die Primärversorger wie gerade auch die Patienten im Fokus, argumentierte Dr. Matthias Sonnenschein (HCI Solutions). „Wie können sie von der digitalen Form der Medikamentenverordnung profitieren?", lautet die entscheidende Frage. Dabei seien die klinischen Aspekte der eMedikation gleichermassen wichtig wie das Lösen zahlreicher Schnittstellen.

Die Gefahr von Cyberattacken

Das Gesundheitswesen hat es bereits in etlichen Ländern erfahren: Mit Cyberattacken ist nicht zu spaßen, weil sie einen ganzen Spitalbetrieb und die Vernetzung der Akteure ernsthaft blockieren können. Daniel Rudin (MELANI/GovCERT.ch), zeigte den Auftrag seiner Institution, kritische Infrastrukturen der Schweiz vor Cyberangriffen zu schützen. In dieser Funktion hat MELANI einen einzigartigen Einblick in die Gefährdungslage des Gesundheitswesens gewonnen. Aktuell sei die Risikolandschaft beträchtlich und gegen die Bedrohungslage seien intensive Maßnahmen nötig – eine besondere Herausforderung auf breiter Flur: Vorbeugen ist besser als Heilen, zumal Cyberattacken oft auch gewaltige Reputationsschäden hervorrufen.

Innovationen breiter nutzen

Neben stark erhöhten Sicherheitsanforderungen, die erst ein dringend nötiges Klima des Vertrauens bei Versicherten wie Patienten schaffen, ist es insbesondere für die Letztgenannten von ausschlaggebender Bedeutung, dass der innovative Nutzen von digital health breit gestreut ist. Wichtige Daten sollen sicher wie effizient verteilt werden, die Akteure ebenso erstklassig vernetzt sein und die Bürgerinnen und Bürger müssen darauf bauen können, dass ihre Daten bei Aufkommen von Big Data-Auswertungen einen echten Nutzen für ihre Behandlung erhalten. Das nahm eine Diskussionsrunde unter der Moderation von Rainer Herzog sehr ernst. Darüber waren sich Karin Holm, Fréderic Ehrler (Universitätsspital Genf), Ralf-Gordon Jahns (research2guidance), Prof. Marcel Salathé (EPFL), und Dr. Reto Krummenacher (ITH icoserve technology for healthcare) einig.

Während die Digitalisierung unser Gesundheitswesen weiter stark verändern wird, gelte es, innovative digitale Dienste und Lösungen für Ärzte und Patienten in ambulanter und stationärer Behandlung zu optimieren. Digitale Lösungen für personalisierte Medizin, Population Health Management und Predictive Analytics spielen dabei eine große Rolle.

Perspektiven zu Precision Medicine

Patientenzentrierung und das Ziel, aber auch die Herausforderungen einer integrativen, personalisierten Medizin bildeten weitere Schwerpunkte, die teilweise kontrovers diskutiert wurden. Bob Siegerink (Charité Universitätsmedizin / Berlin Institute of Health) fokussierte in seiner Keynote mit dem provokativen Titel “The Empty Promise of Personalized Medicine” auf die heute oft noch sehr limitierte individuelle Aussagekraft der neuen Therapieansätze auf der Basis von Datenaggregation und Analyse auf molekularer Genom-Ebene. Im Gegensatz dazu präsentierte der Biomedizininformatiker Prof. Gunnar Rätsch (ETH Zürich) in seinem Vortrag „Precision Medicine with Big Data and Molecular Insight“ einen optimistischeren Ausblick über die neuen Möglichkeiten der vorhersagenden Medizin.

New Kids on the Blockchain

Einen fulminanten Schlussakkord setzten Dr. Rober Learney (Imperial College for Cryptocurrency Research and Engineering, UK), und Bryan Ford (EPFL) unter Moderater Prof. Jürg Blaser (SGMI). Die Wissenschafter stellten Blockchain als „jüngere Schwester“ von Bitcoin vor, was zusehends an Bedeutung gewinne. Blockchain ist ein Konzept, mit dem ein Buchführungssystem und daraus folgende Abgeltungen dezentral geführt werden und gleichermaßen ein Konsens über den richtigen Zustand der Buchführung erzielt wird, obwohl viele Teilnehmer an dieser kryptografischen Buchführung beteiligt sind.

Es gehe dabei um die effizientere Interoperabilität von oft noch sehr unterschiedlichen IT-Systemen, deren Verbindung immer noch unter enormen Schnittstellenproblemen leide. Dabei gelte es doch gerade heute, die vermehrt vorhandenen Chancen des Informationsaustauschs und Nutzens von Big Data gezielt zu nutzen. Obschon heute noch diverse technische Aspekte noch nicht optimal umgesetzt sind, biete Blockchain, so die Referenten, einen großen Nutzen für den Einbezug dezentralisierter Daten und erhöhe die Sicherheit im Datenaustausch. „Das“, so Learney, „macht den Einsatz von Blockchain ja dermaßen interessant fürs Gesundheitswesen. Eine ausgezeichnete Interoperabilität bildet ein gutes Fundament für eine nutzenbringende Vernetzung aller Akteure in der Behandlungskette – und das selbstverständlich in erster Linie zum Nutzen der Patienten.“

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