Verheißungen der Präzisionsmedizin waren noch nie so greifbar nah!

Wissenschaftler überdenken die Furore um Präzisionsmedizin. Kann sie wirklich in absehbarer Zeit helfen, Krankheiten gezielter auf den Leib zu rücken oder wären gesundheitspolitische Programme zur Prävention von Krankheiten nicht viel erfolgversprechender für die breite Masse?

By
Cornelia
Wels-Maug

Der Name Präzisionsmedizin (PM) erinnert stark an das Bestreben unzähliger Mediziner und Patienten, Zugang zu Diagnosen und Behandlungsmethoden zu haben, die Krankheiten identifizieren, behandeln und sie mit der Präzision einer Nadel vernichten.

Aber wie realistisch ist dieses Ziel, oder anders formuliert, wie viele Hindernisse müssen noch aus dem Weg geräumt werden, bis wir das Vertrauen haben können, dass diese neuen medizinischen Werkzeuge als vertrauenswürdig angesehen werden können?

In einem Mitte Februar 2017 erschienenen Blog in der Zeitschrift ‚Health Affairs‘ schildern Jonathan Darrow, Aaron Kesselheim und Jessica Lasky-Su, zwei Professoren an der Harvard Medical School und eine Genetik Forscherin, das große Tamtam und die enormen Erwartungen, die mit der Ankündigung der ‚Precision Medicine Initiative‘ respektive des ‚Krebs Mondflugs‘ (‚Cancer Moonshot‘) in Präsident Barack Obamas Ansprachen zur Lage der Nation im Jahre 2015 und 2016 einhergingen. Ungeachtet aller Bemühungen, das Sammeln und Analysieren von Daten so einzusetzen, dass man die exakten Ursachen von und Heilmethoden für eine Krankheit bestimmen kann, trotz der bereits investierten Hoffnungen und Ressourcen mahnen die Autoren zu Vorsicht. Insbesondere, wenn es darum geht, wie schnell man mit einer Umsetzung der PM in den Klinikalltag rechnen kann.

Herausforderungen und Beschränkungen

Kritiker des Rummels um PM haben zu Bedenken gegeben, ob man PM nicht akkurater als ein Phänomen der Hoffnung und des Medienrummels ansehen solle? Begrifflichkeiten wie „Ein Ende des Krebses, wie wir ihn kennen“, die das Potenzial von PM hochjubeln, können zu unrealistischen, völlig überzogenen Erwartungen führen. Obgleich die wissenschaftliche Grundlage für PM über die letzten Jahre hinweg signifikant zugenommen hat, ist es ein schweres Unterfangen, diese Ergebnisse so in den klinischen Alltag umzusetzen, dass sie wirklich die Behandlung von Patienten verändern. Es bedarf noch mehr Zeit und zusätzlicher Forschung, um diese Ergebnisse in einem klinischen Umfeld einsetzen zu können. Die beträchtliche genetische Heterogenität innerhalb der US-Bevölkerung wird das ihre dazu beitragen, die Charakterisierung von Patientengruppen, für die sich diese neuen Behandlungsmethoden als wirksam erweisen, zu erschweren.

Es wurde bereits schon von anderer Seite darauf aufmerksam gemacht, dass ein zu starker Fokus auf Technik und Forschung nur von den grundlegenden Determinanten der Gesundheit einer Bevölkerung, wie sozioökonomische und geografische Disparitäten oder auch anderen Faktoren, die wenig mit Genetik zu tun haben, aber zu besser messbaren Effekten innerhalb einer Gesellschaft führen, ablenkt. Oft sind genetische Faktoren gar nicht die Hauptursache für chronische Krankheiten, zu denen auch Krebs zählt. Derweil sich die politischen Entscheidungsträger darauf einrichten, PM zum Durchbruch zu verhelfen, sollten sie sich vor Augen führen, dass die größten Fortschritte bei der Bekämpfung von Krankheiten viel eher durch öffentliche Gesundheitsinitiativen, die auf nicht-genetische Faktoren wie Ernährung, Bewegung, Gewichtsverlust, Aufgabe des Rauchens und andere Präventivmaßnahmen zielen, wahrscheinlich einen viel größeren Effekt als PM haben werden.

Ausblick

Und trotzdem, die Chancen für PM standen noch nie so gut wie jetzt: Das Zusammenkommen der Fortschritte in den Feldern wie unter anderem Genetik, Forschungsinstrumenten, Datenaufbewahrung und Datenverarbeitung schaffen ein positives Umfeld mit dem Potenzial, diese Errungenschaften in verbesserte klinische Pflege umzusetzen. Trotz aller Mängel, die Verheißungen von Präzisionsmedizin waren noch nie so greifbar wie jetzt.

Cornelia Wels-Maug

erforscht seit 21 Jahren den Einsatz von IT in diversen Industriesektoren und hat sich vor fast zehn Jahren auf den Gesundheitsmarkt spezialisiert. Sie verfasst Artikel, Fallstudien und Weißbücher über den weltweiten Markt für IT im Gesundheitswesen undhält Vorträge und Webinare. Gleichzeitig ist sie auch als Analystin für den internationalen Gesundheitsmarkt bei einer englischen Firma tätig.

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