Triage-Chatbots – avancieren sie zum neuen Pflegestandard?

Fortschrittliche Krankenhäuser wie das Boston Children‘s Hospital in den USA und einige im britischen NHS arbeiten mit Chatbot-Start-ups zusammen, um neue Optionen an der Schnittstelle Patient-Gesundheitsversorgern zu schaffen.

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Laura
Lovett

Es ist eine nur allzu bekannte Szene – 2 Uhr morgens und der Computerbildschirm ist für eine Googlesuche geöffnet, die dem Benutzer alle möglichen Diagnosen und damit verbundene Schrecken vor Augen führt. Auf Basis dieser Ergebnisse muss der Patient dann entscheiden, ob ein Besuch der Notaufnahme erforderlich ist oder nicht.

Das ist genau der Punkt, an dem die auf künstlicher Intelligenz (KI) beruhenden Chatbots ansetzen. Immer mehr im e-Health-Umfeld tätige Unternehmen spezialisieren sich darauf, Patienten einen Ort für die Triage ihrer Symptome zu offerieren und wenn nötig, medizinische Hilfe anzubieten. „Es ist wirklich schwer für Menschen einzuschätzen, ob sie in die Notaufnahme gehen sollen oder aber sich an eine Einzelhandelsklinik, eine telemedizinisch praktizierende Einrichtung oder eine Krankenschwesternhotline wenden sollen", gibt Dr. Andrew Le, CEO und Mitbegründer von Buoy Health, zu bedenken. „Es ist schwer für Leute zu wissen, welche dieser Optionen angemessen ist".

Triage-Chatbots werden als Alternative zur Suche nach Symptomen im Internet angepriesen. Ein Patient kann typischerweise Informationen in ein Chatbot eingeben und letzterer wird dann anhand der Symptome dem Nutzer eine Reihe von Fragen stellen. Am Ende einer Sitzung kann der Bot dem Benutzer mehr Informationen über seinen Zustand und Vorschläge für die nächsten Schritte geben. Einige Chatbots sind direkt mit einer Videochat Funktion oder einem Patientenbuchungssystem verlinkt, während andere lediglich Vorschläge machen, an wen sich Patienten um Hilfe wenden können.

Das Hauptanliegen liegt darauf, Menschen bei der Suche nach medizinischer Hilfe zu unterstützen. Während seines letzten Jahres im Medizinstudium wurde Le durch die Erkrankung seines Vaters dazu inspiriert, seine Firma zu gründen.

In den meisten Fällen erheben KI-Triage-Chatbots nicht den Anspruch, einen Arzt zu ersetzen. Tatsächlich diagnostizieren viele überhaupt nicht. „Wir diagnostizieren keine Menschen", sagt Le, „wir versuchen nur, ihnen zu helfen, zu verstehen, was am wahrscheinlichsten mit ihnen los ist, damit sie zur richtigen Zeit die richtige Art von Unterstützung bekommen."

Unterstützung für den Arzt

Viele Bots wollen die Arbeit der Ärzte unterstützen, statt diese zu ersetzen; die Idee ist, Ärzte und Ärzteteams zu entlasten. Pascal Zuta, CEO von Gyant, erläutert, dass der Triage-Chatbot seines Unternehmens Aufgaben erledigt, die oft wesentlich zum Burn-out von Klinikern beitragen, wie Graphen erstellen und Dokumentieren, dem Beantworten von Patienten-E-Mails und die Nachbereitung einer Konsultation. „Wir möchten KI nutzen, um die Fähigkeit eines Klinikers, konsistente und genaue Diagnosen zu erstellen, zu verbessern; mehr Patienten zu sehen und insbesondere den Patienten die Versorgung angedeihen zu lassen, die sie brauchen", findet Zuta.

Das in Großbritannien ansässige Unternehmen Babylon ermöglicht es Nutzern, eine Reihe von Fragen über den Chatbot zu beantworten; gegebenenfalls wird der Patient per Videoanruf zu einem Arzt weitergeleitet. „In unserem Gesundheitssystem teilen wir bereits die Gesundheitsversorgung zwischen Personen mit unterschiedlichen Fähigkeiten auf. Nicht alle Patienten werden von einem Arzt betreut oder beraten, viele von ihnen werden von ausgezeichneten Krankenschwestern oder sogar von Verwaltungsmitarbeitern, die möglicherweise ein Merkblatt aushändigen, behandelt“. Im Juni 2018 machte Babylon Schlagzeilen als bekannt wurde, dass seine Technologie die Leistung der Medizinstudenten, die sich einem fingierten Examen des britischen Member of the Royal College of General Practitioners (MRCGP) unterzogen, im Durchschnitt übertraf. Laut Babylon bestand die eigene Technologie das fingierte Examen mit 81 Prozent, was neun Prozentpunkte über dem durchschnittlichen Ergebnis der angehenden Mediziner, die den Test bestanden hatten, lag.

KI- und Chatbot-Partnerschaften

Führende Unternehmen im Umfeld der Triage-Chatbot Technologie haben begonnen, sich mit wichtigen Gesundheitsinstitutionen und -systemen zusammenzuschließen. Im August 2018 kündigte Buoy eine neue Partnerschaft mit dem Boston Children´s Hospital an. Als Teil dieser Zusammenarbeit wird Buoy Health eine Version seines Produkts für die Website des Krankenhauses erstellen und Ärzte des Krankenhauses werden den von Buoy verwendeten pädiatrischen Algorithmus evaluieren.

Chatbots sind nicht unumstritten

Nachdem Babylon positive Schlagzeilen gemacht hatte, musste das Unternehmen einem herben Rückschlag einstecken, als Martin Marshall, stellvertretender Vorsitzender des Royal College of General Practitioners, in einer Erklärung feststellte: „Das Potenzial der Technologie, Ärzte bei der Bereitstellung der bestmöglichen Patientenversorgung zu unterstützen, ist fantastisch. Aber letztendlich sind Computer nur Computer und Hausärzte sind hoch qualifizierte medizinische Profis: Die beiden können nicht miteinander verglichen werden, und die Erstgenannten mögen die Letztgenannten unterstützen, sie aber niemals ersetzen. Vieles von dem, was ein Hausarzt macht, basiert auf einer vertrauensvollen Beziehung zwischen einem Patienten und einem Mediziner. Untersuchungen haben gezeigt, dass Hausärzte ein ‘Bauchgefühl‘ haben, wenn sie nur wissen, dass etwas bei einem Patienten nicht stimmt“.

Meistens jedoch führen Triage-Chatbots Menschen zu einer ärztlichen Betreuung hin, anstatt diese vollständig zu ersetzen. Aber manche sagen, dass bereits das Geben von Ratschlägen problematisch sein kann.

„Es ist ein Balanceakt, zum einen möchten sie Innovationen nicht behindern. Auf der anderen Seite handelt es sich um sogenannte Medizinprodukte mit geringem Risiko“, gibt Michael Millenson, Präsident von Health Quality Advisors LLC und außerordentlicher Professor an der Feinberg School of Medicine der Northwestern University, zu bedenken. „Ich finde, es ist eine besorgniserregende Situation, wenn sie jemandem sagen, ‘dies ist nur ein Rat‘ und implizit ist da ein Zwinkern zu hören. Wenn Menschen einen Arzt aufsuchen sollen, sollten Sie ein Verzeichnis von Dermatologen anbieten statt einer App, mit der ich meine Läsion fotografieren kann“.

Wie geht es mit Chatbots weiter?

Bezüglich seines Geschäftsmodells sieht Le die Möglichkeit für eine zukünftige Zusammenarbeit mit Versicherern und Arbeitgebern. Während das kostenlose Modell von Buoy Health Menschen helfen soll, herauszufinden, was mit ihnen nicht stimmt und an wen sie sich wenden können, arbeitet das Unternehmen jetzt mit Arbeitgebern zusammen, um Patienten einen Überblick über die Einrichtungen in ihrem Netzwerk, die sie aufsuchen können, an die Hand zu geben.

Während der Fokus dieser Bots auf Ländern liegt, die über eine der modernsten Gesundheitseinrichtungen der Welt verfügen, weisen einige Entwickler auf das Potenzial dieser Systeme hin, medizinische Hilfe an schwer zugänglichen Orten anzubieten. „Die Menschen in den Industrieländern wissen normalerweise gar nicht, dass laut WHO die Mehrheit der Menschen auf der Welt so gut wie keinen Zugang zu angemessener Gesundheitsversorgung hat. Es ist unsere Mission, dieses Problem anzugehen. Wie können wir die Gesundheitsversorgung für Menschen zugänglich und erschwinglich machen, die normalerweise einen ganzen Tag lang reisen müssen, um mit jemandem über ihre Gesundheit zu sprechen? Warum nicht Menschen Triage-Ratschläge und andere medizinische Informationen über die ihnen zur Verfügung stehende Technologien bereitstellen?“ fragt Nils Y. Hammerla, PhD, Machine Leaning Specialist, Babylon.

Unabhängig davon, ob man für oder gegen die aufstrebende Technologie ist, sagen viele mit dieser Thematik Vertraute, dass sie unvermeidlich ist. Daher sei es am besten, mit diesen Mitteln zu arbeiten, statt gegen sie.

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Hierbei handelt es sich um eine fast vollständige Übersetzung des Artikels "Triage Bots - Are they tracking towards standard of care?" von Laura Lovett, der in der HIMSS Insights 7.2 erschienen ist.

 

Laura Lovett

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