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Traumatherapie vonnöten

Neulich bei der TELEMED in Berlin. Zwanzigstes Jubiläum einer traditionsreichen Veranstaltung.

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Philipp
Grätzel von Grätz

Alte E-Health-Haudegen waren anwesend, was es für die teils jüngeren Referentinnen, die bei der rein männlich besetzten Erstauflage der TELEMED noch im Teenageralter waren, nicht einfacher machte. Nach einem Bericht zum Stand der Telematikinfrastruktur kam die provokante Frage, warum denn eigentlich niemand mehr vom E-Rezept spreche. Intensives Schweigen im Konferenzglaskasten.

Man darf vielleicht sagen, dass das E-Rezept „made in Germany“ durch das kollektive Versagen von Politik und Selbstverwaltung zu einem Fall für die Psychiatrie geworden ist. Professionell unterstützte Traumabewältigung ist dringend vonnöten. Dies gilt umso mehr, als die Zeiten, in denen es aus deutscher Sicht kein überzeugendes Vorbild für E-Rezepte anderswo gab, definitiv vorbei sind.

Zwar verschicken die Dänen schon ungefähr genauso lang E-Rezepte, wie es die TELEMED gibt. Aber die Dänen konnten wir ja als Vorbild nie wirklich ernst nehmen. Software-Signatur, Authentifizierung à la Amazon. IT-Proleten. Darüber diskutieren wir gar nicht erst. Müssen wir auch nicht, denn es gibt die Finnen. Die schaffen Anfang 2017 das Papierrezept ab. Ärzte und Apotheker authentifizieren sich mit elektronischen Heilberufsausweisen. Signiert wird per Karte. Die Rezepte landen auf einem E-Rezept-Server und die Patienten haben die freie Apothekenwahl. Das kommt dem, was man bei uns haben will und wofür es angeblich nie internationale Vorbilder gab, schon recht nahe.

Aber Finnland! Staatliches Gesundheitswesen. Abwink. Ok. Belgien. Dezentrales Gesundheitswesen. Sozialversicherungssystem. Freiberufliche Ärzte. Da schlägt das deutsche Funktionärsherz höher. Und es gibt das E-Rezept. Pilotprojekt 2014, aktuell Roll-Out. 3.000 von 10.000 Allgemeinmedizinern machen mit. Stand Mitte Juni wurde bereits etwa jedes vierte belgische Rezept elektronisch erstellt. Und: Signiert wird per Smartcard. Für die Signatur wird der elektronische Personalausweis verwendet, den Berufsnachweis besorgt ein von einer E-Health-Behörde ausgestelltes Softzertifikat. Spart Kosten. Entlastet die Ärztekammern. Stiftet weniger Verwirrung als noch eine Signaturkarte.

Jetzt aber doch nochmal zurück zu den Dänen. Die schaffen das E-Rezept nämlich gerade wieder ab. Nein, nicht weil sie die Signatur ändern wollen. Die brauchen das nicht mehr. Die haben mittlerweile eine landesweite elektronische Medikationsakte, in die neue Medikamente einfach eingetragen werden. Der Apotheker schaut sich das an, gibt das Medikament aus. Haken dran. Fertig. Kein zusätzliches Formular mehr nötig. So, und jetzt ab zum Traumatherapeuten.

Philipp Grätzel von Grätz

Philipp Grätzel von Grätz ist Chefredakteur der englischsprachigen Insights aus dem Hause HIMSS Europe. Der schreibende Mediziner ist spezialisiert auf Gesundheitspolitik, besonders in den Themen E-Health und Informationstechnologien für das Gesundheitswesen zu Hause und Autor des Buches „Vernetze Gesundheit“.

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