Translationale Medizin braucht Infrastruktur

Translationale Medizin will grundlegende Forschungserkenntnisse der medizinischen Biologie in die Behandlung von Erkrankungen einfließen lassen. Dies erfordert Austausch zwischen den Beteiligten und funktioniert nur, wenn eine entsprechende Infrastruktur existiert.

By
Cornelia
Wels-Maug

Bessere Versorgung durch mehr Information: „Bench to beside“ …

Die Translationalen Medizin (TM) umfasst interdisziplinäre Aktivitäten, die auf die schnelle und effiziente Umsetzung präklinischer Forschung in die klinische Entwicklung zielen. Das Konzept der TM entstand in den 1990er Jahren und wurde unter der Losung „bench to bedside“, das heißt vom Labortisch des Forschungslabors zum Patientenbett, bekannt. Es ist ein bidirektionaler Ansatz, da die Informationen nicht nur aus dem Forschungslabor in die klinische Praxis, sondern auch von dort zurück ins Forschungslabor fließen. Das heißt, konkret fließen die folgenden Informationsströme:

  • Bench-to-Bedside-Faktoren: sie zielen auf eine Effizienzsteigerung ab, mit der neue, aus der Grundlagenforschung kommende, therapeutische Strategien klinisch getestet werden sollen.

  • Bedside-to-Bench-Faktoren: sie liefern Rückkoppelungen aus der klinischen Praxis an die Forschung in Bezug auf Erfahrungen mit neuen Behandlungsformen sowie Hinweise zu Verbesserungsmöglichkeiten.

Die Definition der Europäischen Gesellschaft für Translational Medicine

Die in Wien beheimatete ‚European Society for Translational Medicine‘ (EUSTM) definiert TM als „ein interdisziplinärer Zweig der Biomedizin, der durch drei Hauptsäulen unterstützt wird: die Forschung im Labor, die Behandlung am Krankenbett und die Gemeinschaft der Wissenschaftler. Das Ziel der TM ist es, verschiedene Disziplinen, Ressourcen, Expertisen und technisches Know-how von Labor/Krankenbett/Wissenschaft(lern) zusammenzubringen, um eine Weiterentwicklung und Verbesserung der Prävention, Diagnose und Therapie zu fördern“ (siehe eutranslationalmedicine.org/about-us).

TM zielt darauf ab, Anwendungen neuen Wissens in der klinischen Praxis zu koordinieren und klinische Beobachtungen und Fragestellungen als wissenschaftliche Hypothesen im Forschungslabor einfließen zu lassen. Sie begünstigt auch die Charakterisierung von Erkrankungsprozessen und die Generierung neuer, auf der direkten Beobachtung am Menschen basierenden, Hypothesen.

Dabei kommt Patienten und Patientenorganisationen eine sehr wichtige Rolle zu, wenn es darum geht, die für den Erfolg unverzichtbare Kontinuität von Feedback und Kommunikation zwischen den verschiedenen Beteiligten sicherzustellen.

Tranlationale Medizin in Deutschland

TM in Deutschland wird insbesondere an den Universitätskliniken betrieben, da man dort über die Verbindung ausreichend große Patientenzahlen sowie Forschungsstärke verfügt. Zusätzlich gibt es aber auch dezidierte Forschungszentren, die das Konzept der TM anwenden, dies sind unter anderem: Deutsches Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK), Deutsches Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK), Deutsches Zentrum für Infektionsforschung (DZI), Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) und das Deutsches Zentrum für Diabetesforschung (DZD).

Als Defizite der Entwicklung der TM in Deutschland weist Prof. Dr. Heyo K. Kroemer, Dekan der Medizinischen Fakultät Universitätsmedizin Göttingen, in seiner Präsentation „Erfolgsfaktoren für die translationale Medizin aus Sicht der Universitätsmedizin“ insbesondere darauf hin, dass es wenig institutionsübergreifende Aktivitäten gibt, die Finanzierung nicht dauerhaft gesichert ist und es vielfach an der Infrastruktur fehlt. Als größtes Hemmnis für die TM im Rahmen der deutschen Universitätsmedizin sieht Kroemer „die unzureichend entwickelte Informationstechnologie“.

Ein Blick in die Praxis

Die Charité – Universitätsmedizin Berlin hat sich mit der Fragestellung beschäftigt, warum viele experimentelle Ansätze für neue Therapien und diagnostische Verfahren bei der Umsetzung in die praktische Anwendung scheitern. Denn in der klinischen Realität erweisen sich derzeit noch viele Therapien, die im Tierversuch Erfolg versprechend erschienen, als unbrauchbar. Gründe hierfür sind unter anderem mangelnde Qualitätsstandards in präklinischen Studien, wie beispielsweise unzureichende Fallzahlen, fehlende Randomisierung oder die Wahl eines unpassenden Studiendesigns, findet eine Studie von Wissenschaftlern der Charité und des Berliner Instituts für Gesundheitsforschung. Dr. Ulrike Grittner, Institut für Biometrie und Klinische Epidemiologie, Charité – Universitätsmedizin Berlin, und Koautorin der Studie, erläutert: „Eine höhere Qualität in der präklinischen Forschung führt zu einer besseren Übertragbarkeit der Studienergebnisse in die klinische Forschung. Dadurch können erfolgversprechende neue Therapiemöglichkeiten schneller erkannt werden und Patienten helfen.“

Cornelia Wels-Maug

erforscht seit 21 Jahren den Einsatz von IT in diversen Industriesektoren und hat sich vor fast zehn Jahren auf den Gesundheitsmarkt spezialisiert. Sie verfasst Artikel, Fallstudien und Weißbücher über den weltweiten Markt für IT im Gesundheitswesen undhält Vorträge und Webinare. Gleichzeitig ist sie auch als Analystin für den internationalen Gesundheitsmarkt bei einer englischen Firma tätig.

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