Robotik greift zu

Bei extremer Pflegebedürftigkeit ein Maß an Patientenautonomie sowie eine Entlastung der Pflegenden zu ermöglichen, ist Ziel von ROBINA. Im Mittelpunkt steht die Entwicklung eines robotischen Assistenten, der spezifische Aufgaben der Assistenzpflege übernimmt.

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Cornelia
Wels-Maug

Ein in der Entwicklung befindliches robotisches System soll künftig Pflegebedürftige mit hochgradigen motorischen Einschränkungen, wie Amyotropher Lateralsklerose (ALS), unterstützten. Die Charité – Universitätsmedizin Berlin und das Pflegewerk Berlin GmbH entwickeln gemeinsam mit verschiedenen Partnern aus der Industrie und der Hilfsmittelversorgung einen Robotikarm, der Betroffenen zu mehr Eigenständigkeit im täglichen Leben verhilft. Die Betroffenen sollen in die Lage versetzt werden, den robotischen Assistenten mit spezifischen Aufgaben der eigenen Pflege, wie Anreichen, Halten oder Stützen, zu betrauen und dadurch unabhängiger von dem permanenten Beistand menschlichen Helfer zu werden. Das sogenannte ROBINA Projekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung bis 2020 mit rund 1,8 Millionen Euro gefördert.

ALS ist eine neurologische Lähmungserkrankung des zentralen Nervensystems, an der in Deutschland ungefähr 7.000 Menschen leiden. Im Krankheitsverlauf kommt es zu einem vollständigen Verlust der Motorik, was zu einer hochgradigen Pflegebedürftigkeit führt. Für Pflegende entstehen schwere Belastungen, die überwiegend aus dem Autonomiebedürfnis der Pflegebedürftigen entstehen. Besonders der stetige Unterstützungsbedarf, wie z. B. das Hantieren mit Gegenständen und das Bewegen des gelähmten Körpers stellen die behandelnden Fachkräfte vor pflegerische und psychosoziale Herausforderungen. Insbesondere die Durchführung von Minimal- und Komforthandlungen wie die minimale Umlagerung von Extremitäten, Kratzen oder Jucken kann aufgrund des oft erheblichen Zeitaufwands, der damit verbunden ist, zu einer Belastung (Burden of Care) oder Demoralisierung von Pflegekräften führen.

Roboter verdrängt nicht die Roller der Pflegekräfte

Genau hier setzt ROBINA an: Auf Basis einer umfassenden Bedürfnisanalyse mit den Kranken sowie einer praxisnahen Visualisierung der notwendigen Versorgungsabläufe wird ein Prototyp eines Roboterarms erstellt, der im Pflegealltag erprobt wird. „Wir wollen mit dem Roboterarm keine Pflegekräfte ersetzen, wir wollen die Ressourcen der Pflegenden gezielter nutzen und den Betroffenen zu mehr Selbstbestimmung verhelfen“, erklärt Jörn Kiselev, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsgruppe Geriatrie der Charité. Ob es darum geht, ein Wasserglas anzuheben oder einen Knopf auf der Fernbedienung zu drücken, der robotergestützte Arm soll an Bett oder Rollstuhl angebracht werden und mittels Augenbewegung oder Gesten gesteuert werden. „Besonders in komplexen Pflegesituationen können so in Zukunft zunehmend Pflegebedürftige und Pflegerinnen und Pfleger von diesem innovativen Ansatz profitieren“, fügt Kiselev hinzu.

Entwicklung multimodaler Bedienansätze

Außerdem verfolgt ROBINA das Ziel, multimodale Bedienmöglichkeiten ― wie sprach-, gesten-, touchbasiert und elektromyografische ― auszutesten, um sicherzustellen, dass die Betroffenen über alle Phasen ihres Krankheitsverlaufs hinweg, das Assistenzsystem bedienen können, von den ersten motorischen Einschränkungen an, bis hin zu schweren Lähmungen und bei einem Verlust von Sprache. Die Unterstützung, Substitution und die Stärkung von Pflege durch Robotik wird im gesamten Pflegeverlauf – von der Intensiv- bis zur Palliativpflege – entwickelt, demonstriert und evaluiert. Die künftige Nutzung des Systems in den verschiedenen Phasen der Erkrankung stellt hohe Anforderungen an Machbarkeit, Akzeptanz und Usability in der Mensch-Technik-Interaktion.

Cornelia Wels-Maug

erforscht seit 21 Jahren den Einsatz von IT in diversen Industriesektoren und hat sich vor fast zehn Jahren auf den Gesundheitsmarkt spezialisiert. Sie verfasst Artikel, Fallstudien und Weißbücher über den weltweiten Markt für IT im Gesundheitswesen undhält Vorträge und Webinare. Gleichzeitig ist sie auch als Analystin für den internationalen Gesundheitsmarkt bei einer englischen Firma tätig.

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