Foto: UKB

Politik der kleinen Schritte

Mobile Visite ist alles andere als trivial. Weder technisch noch kulturell. Doch wenn sie so konsequent eingesetzt wird wie am Unfallkrankenhaus Berlin (ukb), dann ist sie ein gewaltiger Schritt in Richtung Patientensicherheit.

By
Hans-Christian
Bustorf

Das schöne Schlagwort vom papierlosen Büro war kaum in der Welt, da durfte der äquivalente Begriff des papierlosen Krankenhauses ebenfalls Einzug halten in die deutsche Medienlandschaft. Doch was sich so leicht dahersagen lässt, hat – bis auf wenige Ausnahmen – wenig mit der gelebten Realität in beiden Welten zu tun. Natürlich hat die Digitalisierung Fortschritte gemacht, aber Büros und Krankenhäuser werden nun einmal von Menschen belebt und – so viel kann verraten werden – noch druckt der Mensch ganz gerne.

Ein Umdenken setzt ein, wenn mit der Papierlosigkeit echte Verbesserungen in der Informationslogistik generiert werden. Wenn beispielsweise im Krankenhaus Informationen auf einmal zeitnah, leserlich und ordentlich dokumentiert zur Verfügung (berechtigter) Dritter stehen.

Mobile Visite – Clash der Kulturen

Hat sich in den vergangenen Jahren eine recht ansehnliche digitale Entwicklung in vielen Krankenhäusern vollzogen, blieb ein Bereich doch noch lange Zeit von diesem Fortschritt ausgespart – die sogenannte Fieberkurve. Das Papierdokument für die Visite auf Station, in das handschriftlich Informationen zur Patientenbehandlung eingetragen wurden. Doch auch damit könnte jetzt Schluss sein, wie das Beispiel Unfallkrankenhaus Berlin (ukb) beweist. Hier läuft die mobile Visite seit einiger Zeit tatsächlich papierlos. Darüber hinaus auch noch interdisziplinär und gemeinsam mit der Pflege. Was für andere Industrien womöglich banal klingt – für das Biotop Krankenhaus ist es eine wirkliche Errungenschaft. Der Weg im ukb dorthin allerdings war lang.

2005 ging es eigentlich nur darum, Patienten in der ukb-Rettungsstelle mobil zu erfassen. Es gab zwei Laptops auf je einem kleinen Schiebewagen, die Pflege füllte elektronisch einen Bogen aus, ebenso der Arzt, im System landete das später in einer Patientenakte. Im nächsten Schritt sollte dieses mobile System erweitert werden – für die Stationen. Ziel war Aufnahme- und Entlass-Assessment für die Pflege: Zur besseren Qualitätssicherung sollte die Patientenversorgung elektronisch dokumentiert werden. Recht bald stellte man sich allerdings die Frage, warum nur Pflegekräfte Patientendaten erfassen sollten. Und ob es nicht sinnvoll wäre, dass auch Ärzte auf ein mobiles System zugreifen können – am besten auf das gleiche!

Am Anfang wurde geschraubt und gedreht

Ein dreiviertel Jahr wurde getestet, verworfen, entwickelt, um die mobile Visite alltagstauglich zu machen. „Die Akkulaufzeit musste ausreichen, um eine ganze Station einen Tag lang ohne Nachladung bearbeiten zu können, die Wagen sollten höhenverstellbar sein, die Monitorstellung musste veränderbar sein, damit die Ärzte ihre Patienten noch im direkten Blick haben können“, erinnert sich Felix Katt, Leiter IT im ukb. Zusammen mit Ingenieuren und Technikern der Herstellerfirma modifizierte man den Visitenwagen nach den besonderen Anforderungen der ukb-Experten.
Die Visitenwagen konnten dann ab 2012 das mobil, was das Krankenhausinformations­system (KIS) bislang nur an festen Arbeitsplätzen konnte: in einem gemeinsamen Programm Aufnahme, Auftragsstellung, Befunde, Verlaufsdokumentation, Arztbrief, Entlassung abrufen und bearbeiten. Zwei Probleme waren zu lösen: Es musste auf den Stationen eine lückenlose WLAN-Abdeckung geben, und die mobilen Visitewagen mussten datenschutzgerecht sein. Beides hängt miteinander zusammen. Die lückenlose WLAN-Verbindung ist wichtig, da die Visitenrechner nur über einen Arbeitsspeicher verfügen; die Patientendaten gehen über das Funknetz zu zentralen Servern. Das heißt, es kann zwar der Visitenwagen geklaut werden, nicht aber die Daten – denn die sind woanders sicher gespeichert.

Überhaupt Datenschutz: Die mobilen Systeme sind so geregelt, dass Ärzte im Normalfall nur auf Patienten ihrer Fachrichtung zugreifen können, Pflegekräfte nur auf ihre Station. Darüber hinaus gibt es Konsil-Anforderungen, und auch Notfallzugriffe sind möglich, werden aber dokumentiert.

CLASH DER KULTUREN

Die mobile Visite hat sich zu weitaus mehr gemausert, als anfänglich avisiert. Aus dem Nebeneinander der Funktionsgruppen ist ein gemeinsames Miteinander der Ärzte und Pflege auf der Station geworden. Durch die Kommunikation und den direkten Informationsaustausch am Patientenbett und die lückenlose, leserliche Behandlungsdokumentation profitieren nicht nur die Abläufe und Rechtssicherheit im Krankenhaus. Der größte Gewinn ist wohl die erhöhte Patientensicherheit, die jedoch auch wieder einen großen Einfluss auf das Unternehmensergebnis hat. Ein schönes Beispiel, wie die IT nicht nur die Kommunikation im Krankenhaus, sondern auch die Prozesse unterstützen kann.

Patientensicherheit und Zeitersparnis

Doch so komfortabel die mobile Visite schon war, noch existierte die Fieberkurve auf Papier. Sie wurde ein Jahr später ins Programm integriert, seitdem werden Blutdruck, Temperatur und Medikation nicht mehr auf Papier erfasst. Für mehr Sicherheit bei Ärzten und Patienten sorgt ein Programm zur Arzneimitteltherapie, das vor Überdosierung oder unerwünschten Wechselwirkungen warnt. „Das wirklich Gute ist, dass Ärzte und Pflegepersonal sich auf dem gleichen digitalen Marktplatz treffen und dort alle Informationen finden, die sie suchen“, sagt Arnulf Vogel. Der Assistenzarzt in der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie, der die Entwicklung der mobilen Visite im ukb schon lange begleitet, lobt die Zeitersparnis durch die sofortige Visitendokumentation, da eben auch alle Informationen in Echtzeit vorliegen. Mobil können schon im Patientenzimmer Radiolgie-Anforderungen oder Laborbefunde bestellt werden, selbst die Behandlung durch Physiotherapeuten wird im System dokumentiert. „Ein weiterer Vorteil ist, dass Anordnungen, die früher auf Papier gekritzelt wurden, jetzt interpretationsfrei im System abzulesen sind. Auch das bringt mehr Sicherheit für Patienten und Ärzte“, sagt IT-Experte Katt. Inzwischen sind auf den Stationen im ukb rund 50 mobile Visitenwagen zu finden.

Es geht noch besser

Er entwickelt munter weiter: „Auf neurologischen und internistischen Stationen sind mehrfach am Tag Visiten vorgesehen. Die Ärzte dort wollen am liebsten nur noch diktieren, damit sie in ihrem Zeitplan bleiben.“ Doch Sprachsoftware benötigt Rechnerleistung. Was bei fest installierten Computern aufgrund ihrer Rechnerleistung kein Problem wäre, ist bei mobilen Geräten eine echte Herausforderung.

Doch den größten Entwicklungsschritt birgt die Integration verschiedener IT-Systeme. Zwar versprechen die Hersteller gerne Schnittstellen-Kompatibilität, die Realität sieht aber meistens anders aus. Der Aufwand, diese anzupassen, ist legendenumwoben und führt längst nicht immer zum gewünschten Ergebnis. Katt: „Die Übertragung der Medikation, die auf den Intensivstationen erfolgt, ist sauber in einem PDMS dokumentiert. Wie schön wäre es, wenn diese Informationen bei Verlegung des Patienten auf eine Normalstation so übergeben werden könnten, dass der Stationsarzt sich die Liste nur anschauen und den aktuellen Bedarf per Mausklick anpassen könnte.“ Der Kampf gegen die Papierflut geht weiter.

Hans-Christian Bustorf

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