Gesundheitswesen: "Ohne Vernetzung geht es nicht“

Digital, umfassend vernetzt – und das über Sektorengrenzen hinweg, so sieht die Zukunft der Gesundheitswirtschaft aus. Warum sich Philips mit seinem Portfolio für die Entwicklung gut aufgestellt sieht, erklärt Gerrit Schick, Business Group Manager Healthcare Informatics Solutions Services Philips DACH, im Gespräch mit HealthTech Wire.

Herr Schick, so manch einer, der die jüngsten Aktivitäten von Philips beobachtete, mag aufgehorcht haben: Ihr Unternehmen, bekannt als ein gestandener Medizingerätehersteller, hat zuletzt einen Spezialanbieter für IT-Interoperabilität und einen Plattform-Entwickler akquiriert. Was geschieht hier?

Diese Käufe sind Ausdruck unserer Überzeugung, dass sich das Gesundheitswesen in den nächsten Jahren zusehends verändern wird: Wo heute noch auf Papier gearbeitet wird, werden sich digitale Prozesse etablieren; wo derzeit noch in geschlossenen Systemen relevante Patienteninformationen schlummern, werden in Zukunft Daten ausgetauscht, gebündelt, ausgewertet, für Analysen und Vorhersagen genutzt werden. Kurz: Der Gesundheitswelt steht eine nahtlose Vernetzung bevor. Es zeigt sich immer deutlicher: Informatik und Analytik sind die zwei großen Themenfelder, mit denen sich unsere Kunden aus dem Klinikumfeld heute beschäftigen.

Aber, auch das möchte ich sagen: Neu ist die Ausrichtung auf Digitalisierung in unserem Haus nicht: Das Philips-IT-Portfolio, gerade für Leistungserbringer im Gesundheitswesen, ist schon seit geraumer Zeit sehr breit aufgestellt. Schon vor sieben Jahren haben wir in Brasilien den – dort marktführenden – KIS-Hersteller Tasy gekauft, im letzten Jahr haben wir das System im deutschen KIS-Markt eingeführt. Ein strategisch nur logischer Schritt.

Wie wird diese „nahtlose Vernetzung im Gesundheitswesen“, die Sie prognostizieren, aus Ihrer Sicht aussehen? Und was bringt sie Krankenhäusern und Ärzten?

Eine tiefgehende Vernetzung ist Voraussetzung für Therapieformen, die sich an klinischer Entscheidungsunterstützung orientieren. Doch nur, wenn man in der Lage ist, Daten zu aggregieren, sie in einen Kontext zu bringen – und zwar unabhängig davon, aus welchem Quellsystem sie stammen –, lässt sich diese Form des Entscheidungssupports bereitstellen.

Spielen Sie damit auf Big Data an? Auf künstliche Intelligenz, selbstlernende Systeme?

Soweit muss man gar nicht gehen, um den Nutzen für das Gesundheitswesen herauszustellen. Sicher, Deep-Learning-Algorithmen können wertvolle Erkenntnisse für die Versorgung und die Forschung liefern. Aber schon allein an der richtigen Stelle die richtigen Informationen zur Verfügung zu haben – das hilft gerade Krankenhäusern, aber auch den behandelnden niedergelassenen Ärzten ungemein: Wenn der Arzt oder die Pflegekraft schon mal vorselektieren oder vorfiltern und auf Basis der Daten die richtige Entscheidung für Therapie oder Pflegehandlungen treffen kann, ist viel gewonnen.

Darüber hinaus bereitet eine Vernetzung, wie wir sie sehen, den Boden für dringend benötigte Frühwarnsysteme: Ein Patient, der heute mit einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall in die Notaufnahme kommt, hat häufig eine Vorgeschichte, die über seine Risiken hätte Auskunft geben können. Statt ihn nun reaktiv, das heißt ungeplant und deshalb meist auch wenig effizient, behandeln zu müssen, hätte er schon ab dem Zeitpunkt des erkannten Risikos proaktiv begleitet werden können. Das frühzeitige Erkennen von Risiken und einer schleichenden Verschlechterung des Zustands ist ein großer möglicher Nutzen einer IT-gestützten Vernetzung. So können kritische Situationen vermieden werden.

...die dann doch aber intersektoral erfolgen muss? Neben den Krankenhäusern sind dann mindestens auch Hausärzte und niedergelassene Fachärzte gefragt, müssen Apps eingebunden werden...

Sicher, und die Erkenntnis, dass die Sektorengrenzen überwunden werden müssen, ist ja auch klar auf der gesetzgebenden und rahmenschaffenden Ebene angekommen: Es ist den meisten Akteuren bewusst, dass das Werkzeug der integrierten Versorgungsverträge die Nadel des Gesundheitssystems nur minimal bewegt hat und sie auch nur minimal bewegen kann. Mit dem Innovationsfonds ist ein neuer Ansatz gefunden worden, um intersektorale – und auf digitalen Lösungen aufsetzenden – Versorgungsansätze zu stimulieren. Solche also, die schon früh in einen Behandlungsprozess eingreifen – und nicht erst, wenn eine einmal begonnene Therapie nachjustiert und optimiert werden muss.

Nochmal zurück zu den Krankenhäusern: Wie profitieren die Einrichtungen ganz konkret von einer Vernetzung?

Rückfrage: Wie werden denn heute Therapieentscheidungen getroffen? Da sitzt doch schon lange nicht mehr der einzelne Klinikarzt an seinem Schreibtisch und überlegt, welche Behandlung für seinen Patienten die richtige wäre. Nein, es stimmen sich Experten verschiedener Fachrichtungen gemeinsam ab, schließen sich Spezialisten interdisziplinär in Konferenzen kurz, zum Beispiel in Tumorboards, und diskutieren hier die Fälle. Eine häufige Herausforderung dabei: Jeder bringt seine Sicht mit, seine Daten, die dann erst mühsam, oft händisch, mit denen der Kollegen zusammengeführt werden müssen. Hier können Dashboards mit Visualisierungslösungen helfen. Die Voraussetzung für eine solche Visualisierung ist aber, dass man die Daten nicht mühsam aus einzelnen Systemen zusammensuchen muss, sondern sie – von Beginn an – automatisch und strukturiert an die Hand bekommt. Vernetzung kann genau das leisten.

Was braucht es dafür? Oder anders gefragt: Welche technischen Hindernisse sehen Sie?

In der Gesundheitswelt wird noch eine ganze Reihe an IT-Systemen eingesetzt, die lediglich über proprietäre Schnittstellen kommunizieren. Das heißt: In diesen Systemen stecken zwar wertvolle Daten, doch oft wurden diese nur für einen bestimmten Fall, eine bestimmte Patientengruppe oder ein bestimmtes Ziel, etwa die Leistungsabrechnung, erhoben – und können nicht anderweitig weiterverarbeitet werden. Daher muss vom Leistungserbringer zunächst adressiert werden, dass ein zweckgebundener Datenaustausch unter Einhaltung aller Datenschutzrichtlinien und mit Zustimmung des Patienten erfolgt.

Was bedeutet das technisch?

Die erforderlichen Daten aus einem System herauszulösen, ist die erste technische Aufgabe. Das muss aber, und das ist eine Herausforderung, semantisch greif- und interpretierbar geschehen. Ganz plastisch: Es muss eine Information über die Bedeutung des Datenelements vorliegen, also der Hinweis, dass es sich hier zum Beispiel um einen Blutdruckwert handelt – denn nur dann kann ein anderes, fremdes System etwas damit anfangen. Gleiches gilt für die Zuordnung von Patienten: Jedes Arztinformationssystem oder KIS hat ein anderes Kennzeichnungssystem für die Personen, deren Daten es führt. Die müssen korrekt und wiederholbar über entsprechende Indices zusammengeführt werden. Die zwei technischen Herausforderungen sind also: Man muss auf Patientenebene die Verbindung zwischen den verschiedenen Systemen herstellen können, und man muss die Daten interpretierbar machen. Deshalb haben wir uns auch Partner gesucht,...  

...jetzt spielen Sie auf Ihre Akquisitionen im vergangenen Dezember an: Forcare, VitalHealth...

...die uns hierbei unterstützen werden, genau. Die Firma Forcare ist darauf spezialisiert, Daten aus einem proprietären Gesundheits-IT-System herauszulösen und nach dem IHE-Standard so zu annotieren, dass sie austauschbar werden. Und zwar sowohl in ein System hinein als auch aus einem System heraus. Mit den Forcare-Komponenten sind wir in der Lage, eine Verbindung unserer eigenen Systeme mit der Systemlandschaft innerhalb einer Einrichtung oder eines Netzwerks herzustellen – und das so, dass die einzelnen Datenelemente strukturiert und interpretierbar ausgetauscht werden können.

Und VitalHealth?

Die niederländische Firma stellt eine Plattform bereit, über die Patienten interagieren und über die Patientendaten einem Leistungserbringer zur Verfügung gestellt werden und komplette integrierte Versorgungsnetze abgebildet werden können. Das allein ist schon spannend. Außerdem lassen sich mit der VitalHealth-Plattform – setzt man sie auf ein KIS auf – Prozesse anstoßen, modellieren und digital abbilden. Darüber eröffnen sich viele weitere Anwendungsfelder: vom Einsatz bei einer OP-Vorbereitung bis hin zum Entlassmanagement.

Wann wird die Plattform bei Philips-Kunden eingesetzt werden?

Sie ist bereits bei zahlreichen Kunden im europäischen und internationalen Ausland im Einsatz. Wir haben das Ziel, sie noch in diesem Jahr bei ersten Kunden in Deutschland zu implementieren. Übrigens nicht nur bei Bestandskunden, sondern durchaus auch in Häusern, die vielleicht noch nicht zum Philips-Kundenkreis zählen.

Mit der Ausrichtung auf digital vernetzte Gesundheitsversorgung stehen Sie nicht wirklich allein in Ihrem Wettbewerbsumfeld. Wie, glauben Sie, grenzen Sie sich dennoch ab?

Sie haben uns eingangs als gestandenen Medizingerätehersteller bezeichnet, was nicht falsch ist. Medizinprodukte, vor allem die Bildgebung, sind unser Kerngeschäft. Doch unsere Herkunft ist ja genau besehen die eines Konsumgüterherstellers: Fernseher, Lampen, elektrische Zahnbürsten – Produkte für den Verbraucher also, da kommen wir ursprünglich her. Das greift nun Hand in Hand mit unserer Health-Philosophie: Gesundheit, so sagen wir, beginnt mit dem Erhalten von gesundem Leben – und zwar bereits in den eigenen vier Wänden, beim Verbraucher, beim Patienten. Diese gebündelte Kompetenz aus Gerätebusiness, IT-Know-how und Verbraucherprodukte-Historie, kommt – so glauben wir und dafür arbeiten wir – am Ende dort an, wo sie ankommen muss: beim Menschen.  

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Weitere Informationen: Die neue VitalHealth-Plattform mitsamt Anwendungsbeispielen stellt Philips erstmals auf der conhIT 2018 (Halle 4.2 C-104) vor.

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Philips

Royal Philips (NYSE: PHG, AEX: PHIA) ist ein führender Anbieter im Bereich der Gesundheitstechnologie. Ziel des Unternehmens mit Hauptsitz in den Niederlanden ist es, die Gesundheit der Menschen zu verbessern und sie mit entsprechenden Produkten und Lösungen in allen Phasen des Gesundheitskontinuums zu begleiten: während des gesunden Lebens, aber auch in der Prävention, Diagnostik, Therapie sowie der häuslichen Pflege. Die Entwicklungsgrundlagen dieser integrierten Lösungen sind fortschrittliche Technologien sowie ein tiefgreifendes Verständnis für die Bedürfnisse von medizinischem Fachpersonal und Konsumenten. Das Unternehmen ist führend in diagnostischer Bildgebung, bildgestützter Therapie, Patientenmonitoring und Gesundheits-IT sowie bei Gesundheitsprodukten für Verbraucher und in der häuslichen Pflege. Philips beschäftigt etwa 74.000 Mitarbeiter in mehr als 100 Ländern und erzielte mit seinem Gesundheitstechnologie-Portfolio in 2017 einen Umsatz von 17,8 Milliarden Euro. Mehr über Philips im Internet: www.philips.de

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