Volker Hofmann, InterSystems

Nur mit Interoperabilität schaffen wir strategisch ein präventives Gesundheitssystem

Vom 21. bis 22. September 2017 wird sich InterSystems als Knowledge Partner am Swiss eHealth Summit präsentieren.

Welche Lösungen rund um die strategische Interoperabilität der globale Softwareanbieter in Lausanne vorstellen wird, verrät Volker Hofmann, Manager of Healthcare bei InterSystems DACH im Gespräch mit HealthTech Wire. Und er erklärt, warum die Schweizer eHealth Strategie eine Blaupause für Deutschland werden könnte, weshalb wir das Versorgungssystem transformieren müssen und welchen Nutzen die informationell vernetzte Medizin für die klinische Forschung birgt.

Herr Hofmann, wie beurteilen Sie den Status Quo zur strategischen Interoperabilität im Schweizer Gesundheitswesen und der DACH-Region?

Die Schweiz ist nach Österreich das zweite deutschsprachige Land, das eine nationale elektronische Patientenakte auf Basis IHE-konformer Interoperabilität einführt. Das ist erfreulich. Deutschland mit seinem selbstverwalteten Gesundheitssystem hat hier eindeutig Nachholbedarf. Zwar werden auch hierzulande verstärkt IHE-konforme Projekte aufgesetzt, doch es fehlen noch treibende gesetzliche oder finanzielle Anreize wie in Österreich und der Schweiz: insbesondere das ePD und die Unterscheidung in Stammgemeinschaften und Gemeinschaften im Konzept der Schweiz könnten zu einer Blaupause für Deutschland werden.

Bei welchen Vernetzungsprojekten im Rahmen von Strategie eHealth Schweiz und ePDG war und ist InterSystems involviert?

Zusammen mit der schweizerischen Bint GmbH haben wir schon vor Jahren im Kanton St. Gallen eine Infrastruktur mit InterSystems Softwareprodukten gelegt. Diese wurde von eHealth Suisse als erste gemeinschaftsübergreifende Plattform in der Schweiz ausgezeichnet. Konkret wurde dabei im Rahmen des Projekts Ponte Vecchio zusammen mit der HIN der Datenaustausch zwischen den öffentlichen Spitälern und der Hausärzteschaft des Kantons ermöglicht.

Aktuell arbeiten wir mit der Bint an der Stammgemeinschaft der Apotheken, der Ofac in Genf:  Ziel ist es, nicht nur den Apotheken und professionellen Gesundheitsdienstleistern vor Ort eine Akte anzubieten, sondern letztlich auch den Schweizer Bürgern den Zugang zu ihren Daten in einer persönlichen Akte zu ermöglichen. Eine erste Version dieses Gesundheitsportals ePD soll der Öffentlichkeit bis Sommer 2018 zur Verfügung stehen.

Fast zeitgleich zum Summit nehmen wir am ePD Projectathon in Bern teil. Dort können alle interessierten Personen und Organisationen ihre IT-Systeme untereinander sowie die ePD in der Vernetzung testen und so die Interoperabilität zwischen den beteiligten Akteuren prüfen. Damit kann sich die Ofac natürlich gut auf den Praxis-Einsatz des ePD vorbereiten, besonders mit Blick auf die notwendige Zertifizierung. Das ist ein sehr spannendes Projekt!

Ein drittes Projekt läuft zusammen mit AD Swiss Net und der HIN: Diese stellen für die ambulanten und stationären Leistungserbringer den sicheren elektronischen Austausch der Patientendaten zur Verfügung. Jeder, der bereits eine HIN-Adresse oder -Identität hat, wird Zugang zu der Plattform erhalten. Dafür haben wir bereits die Infrastruktur umgesetzt und bauen diese nun sukzessive im Sinne eines ePD aus.

Welche Herausforderungen muss die Schweiz noch meistern auf dem Weg zur völligen Interoperabilität?

Aus unserer Sicht ist die Finanzierung noch nicht vollständig geklärt. Ebenso wird es eine Herausforderung sein, die hohe Einführungsgeschwindigkeit des ePD einzuhalten. Wir sehen allerdings jetzt schon, dass die Schweiz sehr strukturiert ist und die Voraussetzungen durch die gemeinsamen Organe des Bundes und der Kantone, nicht zuletzt durch eHealth Suisse, geschaffen sind.

Darüber hinaus sehen wir auch die soziale Akzeptanz einer solchen Plattform als besondere Aufgabe, gerade dann, wenn es um eine Stammgemeinschaft geht und man den Bürger gewinnen möchte. Patient Engagement kann nur gelingen, wenn wir Anreize und Zusatzwerte für die Bürger schaffen, damit diese das Angebot auch nutzen. Denn mit dieser Akzeptanz steht und fällt der Wert einer solchen Plattform. Bei den Spitälern und Pflegeeinrichtungen ist die Akzeptanz per Gesetz gegeben. Doch auch bei diesen ist es nötig, den Nutzen spürbar für alle individuellen Teilnehmer in Use Cases aufzuzeigen.

Welche Bedeutung hat die strategische Vernetzung im Gesundheitswesen für die Versorgung von Bevölkerungsgruppen und des individuellen Patienten?

Angesichts des weltweiten demografischen Wandels, einer alternden Bevölkerung und der Zunahme von chronischen und  komplexen Erkrankungen werden Lebensstil und Verhaltensmuster zunehmend wichtiger, weil wir lange genug leben, um bestimmte Erkrankungen wie Krebs auszubilden. Unter dem Strich haben wir zukünftig mehr Menschen mit einem höheren Bedarf an Versorgung über einen längeren Zeitraum. Wirtschaftlich betrachtet sind die Kosten dafür nicht tragbar.

Das World Economic Forum schätzte 2011, dass fünf chronische Erkrankungen durch verlorene Produktivität in den nächsten zwei Jahrzehnten rund 47 Trillionen Dollar Verluste verursachen. In Großbritannien fließen laut NHS rund 70 Prozent des Gesundheitsbudgets in die Versorgung von Langzeiterkrankungen: Wir werden in der Zukunft schlicht unfähig sein, nützliche neue Behandlungsformen zu finanzieren, weil Milliarden in vermeidbare und vom Lebensstil abhängige Erkrankungen fließen.

Welchen Ausweg sehen Sie?

Wir brauchen eine Transformation von einem Versorgungssystem zu einem präventiven Gesundheitssystem. Dies erreicht man durch die Einbeziehung aller zur Verfügung stehenden Informationen zu einem Bürger. Auf Grundlage einer solchen umfassenden Informationsbasis können Trends abgelesen und Analysen durchgeführt werden. Dies hilft rechtzeitig zu erkennen, wenn eine Erkrankung droht. So können langwierige chronische Erkrankungen vermieden werden. Interoperable Plattformen sind wichtig, damit wir diese ganzheitliche Sicht auf den Einzelnen und die gesamte Population erhalten, um uns rüsten und gegensteuern zu können.

Damit diese Vernetzung vollumfänglich stattfinden kann, brauchen wir international erprobte Standards. Alle Studien der letzten Jahre zeigen, dass wir den demografischen Wandel, die Versorgung in ländlichen Regionen, die personalisierte Medizin und evidenzbasierte Unterstützung der Leistungserbringer sowie die Optimierung von sektorenübergreifenden Prozessen nur auf Basis standardisierter Patientenakten und semantisch strukturierter Dokumentation in den Griff bekommen können.

Ein präventives Gesundheitssystem würde dann Raum und Ressourcen für die Forschung freisetzen?

Genau. Man kann die Ungleichung zwischen Ressourcen und Resultaten nicht verbessern, indem man weitere Ressourcen in das System pumpt. Stattdessen müssen wir die Veränderung aktiv herbeiführen. Tuberkulose beispielsweise ist eine langwierige und oftmals verhaltensabhängige Erkrankung, die ein Kostenproblem darstellt. Denn diese Patienten benötigen oft über Monate und Jahre eine konsistente Behandlung und sind außerdem zunehmend medikamentenresistent. Wir benötigen deshalb eine nachhaltige Forschung zur Entwicklung neuer Behandlungsmodelle – das geht effizient nur mit einer breiten Informationsbasis für die Forschung.

Überdies bietet eine Interoperabilitäts-Plattform als nationale elektronische Patientenakte noch weitere Vorteile für die Forschung: Studien können kosteneffizienter und mit verlässlicher Sicherheit durchgeführt werden, weil Kohorten mit Hilfe von automatisch abfragbaren Kriterienkatalogen unkompliziert gefunden werden. Derzeit kosten Studien-Designs mit bis zu vier Änderungen im Schnitt rund eine Million Dollar zusätzlich, weil kein durchgängiger, elektronischer Prozess und Zugriff auf die Daten existiert.

Abgesehen davon lassen sich mit entsprechender Technologie und Analysemethoden aus diesen Daten auch unstrukturierte Textinformationen aus Arztbriefen auswerten. Das verbessert die Qualität der Kohorten. Wenn wir diese Konvergenz anstreben und aus den Versorgungsdaten eine Grundlage schaffen, kommt dies der klinischen und pharmazeutischen Forschung zu Gute.

Was zeigt InterSystems am diesjährigen Swiss eHealth Summit 2017 in Lausanne?

Wir sind 2017 als Knowledge Partner mit an Bord und werden auf dem Summit unsere Lösungen aus der HealthShare-Familie zeigen. HealthShare bietet zum Einen die lebenslange Sicht auf alle medizinisch relevanten Informationen in Form der Akte und zum Anderen ein Portal, über welches der Arzt, die Pflegekraft und der Patient Einsicht in die Daten nehmen und diese verwalten kann.

Darüber hinaus vereint HealthShare eine Reihe weiterer Funktionalitäten wie eine hochmoderne Datenanalyse für den Forschungsbereich sowie die Nutzung von HL7 FHIR als wichtigem Kommunikationsstandard für den mobilen Datenzugriff. Ein Thema wird sein, dass unsere Lösungen die in der Schweiz künftig verwendeten HL7-CDA-Dokumente automatisiert verarbeiten können und wir dadurch mit den Daten echte Mehrwerte für Ärzte und Pflege anbieten. Konkret wollen wir das Produkt Information Exchange vorstellen für den Aufbau von Affinity Domains als Basis für eine Gemeinschaft oder Stammgemeinschaft.

Zusätzlich werden wir ein Portal für Patienten zeigen, die Personal Community aus der HealthShare Familie, die es Patienten und Angehörigen ermöglicht, die eigene Akte zu verwalten. Mit dem Analytik-Modul Health Insight und unserem Patientenindex widmen wir uns der eindeutigen Identifizierung des Bürgers. Unser Anliegen ist zu zeigen, dass InterSystems bereit dazu ist, im Rahmen der ePD Implementierung eine wichtige Rolle am Schweizer Markt zu spielen.

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InterSystems

InterSystems ist ein weltweit führender Anbieter von Software für ein vernetztes Gesundheitswesen mit Hauptsitz in Cambridge, Massachusetts, USA, und Niederlassungen in 25 Ländern. Seit fast vier Jahrzehnten trägt InterSystems zu erfolgreich vernetzten Gesundheitssystemen bei und hat bis dato mehr als 40 regionale und nationale Gesundheitsvernetzungsprojekte umgesetzt.

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