Mitgefühl kontra Computer: Muss es ein Revierkampf sein?

Mitgefühl ist zentral für ein Gesundheitswesen, dies gilt gleichermaßen unter Patienten wie Ärzten, so die Ergebnisse einiger US-Studien. Technologen sollten daher ihre Verantwortung erkennen, Maschinen so zu konstruieren, dass sie Mitgefühl wertschätzen.

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Tonja
Stewart

Oberflächlich betrachtet scheinen zwischenmenschliche Beziehungen zwischen Patienten und Gesundheitsdienstleistern sowie IT im Gesundheitswesen gegeneinander zu arbeiten. Wie kann eine medizinische Fachkraft empathisch sein, während sie ihren Dokumentationspflichten in einem EHR nachkommt? Wie kann ein Patient eine tiefe Beziehung zu seinem Hausarzt aufbauen, wenn diese in erster Linie auf Interaktionen mit einem Patientenportal beruht?

Um eine tiefe Beziehung zwischen Patient und Hausarzt zu unterstützen, hat eine kürzlich in den USA durchgeführte Umfrage unter Patienten und Gesundheitsdienstleistern herausgefunden, dass beide Gruppen Fähigkeiten wie Mitgefühl und Empathie ärztlicherseits einen hohen Stellenwert einräumen. Andere Studien in den USA fanden heraus, dass in Begegnung mit Patienten zu viel Technologie nie eine gute Sache sein kann.

Die erste Umfrage, die untersuchte, was die wichtigsten Elemente bei der Bewertung von Ärzten sind, fand heraus, dass 85 Prozent der Patienten Mitgefühl im Gesundheitswesen wertschätzten. Weitere 85 Prozent der Patienten gaben an, die fachliche Kompetenz eines Arztes hoch zu bewerten.

In einem separaten Teil der Umfrage spiegelten Ärzte ähnliche Werte wider: Während 91 Prozent der Ärzte sagten, dass das Mitgefühl und die Empathie von Medizinern im Gesundheitswesen sehr wichtig seien, gaben 86 Prozent von ihnen an, dass das Gleiche auch für die klinische Kompetenz und das Fachwissen von Medizinern gelte.

Die Umfrage ergab auch, dass die Mehrzahl der Ärzte darin übereinstimmte, dass Mitgefühl hilft, die Patientenversorgung zu verbessern. Vierundneunzig Prozent der befragten Kliniker gaben an, dass Mitgefühl entscheidend sei, sicherzustellen, dass Patienten ärztliche Ratschläge befolgen und die Gesundheit des Patienten sich verbessert.

Diese Umfrageergebnisse unterstrichen die Wichtigkeit, Menschlichkeit in das Gesundheitswesen zu bringen, folgerte Ron Gutman, Gründer und CEO von der in Kalifornien ansässigen Firma HealthTap, die die Studie durchführte. "Mitgefühl ist kein Wort, das man im Silicon Valley oft hört, aber diese Umfrage beweist, dass es der wichtigste Grundsatz im Gesundheitswesen ist", äußerte sich Gutman in einer Stellungnahme. „Je größer die Rolle, die Technologie und künstliche Intelligenz im Gesundheitswesen spielen, desto größer ist die Verantwortung, die wir und andere führende Technologen haben, Maschinen zu bauen, die Mitgefühl genauso wertschätzen wie Ärzte und Patienten," folgerte er.

Über zwei Drittel des medizinischen Personals, die an einer anderen US-Studie teilnahmen, berichteten, dass die aktuelle Politik im Gesundheitswesen es schwieriger mache, mitfühlende, patientenzentrierte Gesundheitsversorgung anzubieten, wobei 63 Prozent der Ärzte und Krankenschwestern sowie 42 Prozent der Patienten angaben, dass mitfühlende Kommunikation abnimmt.

Mitarbeiter des ‚Schwartz Center for Compassionate Healthcare‘, die die Studie durchgeführt hatten, verwiesen darauf, dass im digitalen Zeitalter die Krankenhauskultur ein wichtiger Faktor zur Verbesserung der Empathie der Ärzte sei. Darüber hinaus könnte eine bessere Unterstützung der Mitarbeiter im Gesundheitswesen auch deren Mitgefühl steigern.

Obwohl die Umfrage auf keine branchenspezifischen Regeln hinwies, die sich auf eine patientenzentrierte, mitfühlende Pflege auswirken, empfahlen viele Experten, dass vermutlich IT im Gesundheitswesen dazu beitragen könne. Laut Umfrage sehen sich medizinische Fachkräfte zunehmend mit der Forderung konfrontiert, mehr Technologie in die klinische Begegnung sowie in die Patient-Arzt-Beziehung zu integrieren.

 

Erschienen bei: Insights

Tonja Stewart

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