Ein Plädoyer für die Elektronische Patientenakte und für das Ausbremsen deren ‚Vetospieler‘

Wenn die Einführung der elektronischen Patientenakte kein Déjà-vu wie die der elektronischen Gesundheitskarte auslösen soll, braucht es, so eine gerade vorgelegte Bertelsmann Studie, eine langfristige Strategie und eine effektive Governancestruktur.

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Cornelia
Wels-Maug

Das E-Health-Gesetz in Deutschland enthält, laut des Bundesgesundheitsministeriums, „einen Fahrplan für die Einführung einer digitalen Infrastruktur mit höchsten Sicherheitsstandards und die Einführung nutzbringender Anwendungen auf der elektronischen Gesundheitskarte“. Aber die Einführung scheint so oft ins Stocken zu geraten, dass deren Umsetzung mit immer größerer Skepsis verfolgt wird. Gerade die Selbstverwaltung, der der Gesetzgeber nicht nur konkrete Fristen vorschreibt und deren Nichteinhaltung mit Sanktionen belegt wird, gerät ins Zielfeuer der Kritik, weniger als Geburtshelfer, denn als Bremsblock zu fungieren.

Im Vorfeld der conhIT, die diese Woche in Berlin das Thema E-Health aus verschiedensten Perspektiven diskutieren wird, sorgt die gerade veröffentlichte Studie der Bertelsmann Stiftung „Elektronische Patientenakte, Einrichtungsübergreifende Elektronische Patientenakten als Basis für integrierte patientenzentrierte Behandlungsmanagement-Plattformen“ für neuen Schwung in der Diskussion um die Realisierung der elektronischen Patientenakte (EPA). Im Kern geht es darum, ein ungehindertes Fließen von Informationen zwischen den verschiedenen Akteuren und Sektoren im Gesundheitswesen zu ermöglichen und damit zu einer gesteigerten Qualität und Effizienz der Versorgung beizutragen. Denn, so die Studie: „Eine einrichtungsübergreifende Informationstransparenz zur Patientensituation verbessert die Entscheidungsfähigkeit der Leistungserbringer, die patientenzentrierte Versorgung sowie die Patientensicherheit.“ Laut E-Health-Gesetz müssen die Voraussetzungen bis spätestens Ende 2018 geschaffen worden sein.

Mit Blick auf die Erfahrungen anderer Länder bei der Einführung einer einrichtungsübergreifenden EPA (eEPA) appellieren die Autoren: „Für eine flächendeckende Implementierung braucht es eine langfristige Strategie, eine effektive Governance-Struktur und verbindliche Standards.“ Dass es dazu auch des Buy-ins der Bevölkerung bedarf, steht für die Verfasser der Studie außer Frage: "Ein Ansatz wie eine nationale eEPA-Infrastruktur benötigt breite gesellschaftliche Akzeptanz und ein Grundverständnis für den Wertebeitrag für Qualität und Effizienz der Versorgung. Bürger und Leistungserbringer sollten auf Basis einer umfassenden Kommunikationsstrategie informiert und eingebunden werden.“ Auch in dieser Hinsicht gibt es noch eine Menge zu tun.

Der Aufbau einer effektiven Governance-Struktur, welche „die Partizipation sicherstellt, aber zugleich handlungs-  und entscheidungsfähig bleibt“ sehen die Studienautoren in der Schaffung eines Bundesinstituts unter Fachaufsicht des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) gewährleistet. Zugleich erfordert eine nationale eEPA-Infrastruktur einen speziellen Rechtsrahmen. Hierbei empfiehlt die Studie ein „eigenständiges E-Health-Kapitel im SGB V, das neben den Neuregelungen zum eEPA-Einsatz auch die zahlreichen anderen Regelungen zum Themenkomplex bündelt und in einen fachlogischen Zusammenhang bringt.“ Zudem werde eine "detaillierte Finanzplanung" benötigt, die auch Erstattungsregularien für die Leistungserbringer mitberücksichtigt.  Des Weiteren entwirft die Studie ein Szenario, in dem die eEPA auch als Basis für eine umfassende Behandlungsmanagement-Plattformen genutzt wird, sodass sie nicht nur Treiber für mehr Kooperation, sondern „ein wichtiges Werkzeug für souveräne Patienten“ darstellt.

Für die schrittweise Expansion eines eEPA-Systems bis zur Umsetzung aller denkbaren Funktionalitäten setzt die Studie volle zehn Jahre an. Dabei könne politische Steuerung hier mehr Entwicklungsdynamik bewirken als die gematik und ihre Gesellschafter, deren unterschiedlichen Interessenlagen „in der Vergangenheit oft zu Blockaden geführt“ hätten; so das Fazit der Experten.

Cornelia Wels-Maug

erforscht seit 21 Jahren den Einsatz von IT in diversen Industriesektoren und hat sich vor fast zehn Jahren auf den Gesundheitsmarkt spezialisiert. Sie verfasst Artikel, Fallstudien und Weißbücher über den weltweiten Markt für IT im Gesundheitswesen undhält Vorträge und Webinare. Gleichzeitig ist sie auch als Analystin für den internationalen Gesundheitsmarkt bei einer englischen Firma tätig.

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