Netzwerkeffekte entstehen erst dann, wenn viele Akteure sich darin einbringen

Der Swiss eHealth Summit 2018 zu „Leadership & Digital Transformation“ drehte sich um die Einführung des elektronischen Patientendossiers und die Rolle des Managements, ein gelungenes Zusammenspiel aller Akteure zu orchestrieren.

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Cornelia
Wels-Maug

Zum 11. Swiss eHealth Summit am 11. und 12. September haben sich Repräsentanten von Leistungserbringern, Wissenschaftlern, Verbänden und der Industrie im Berner Stade de Suisse zum Austausch und Networking versammelt. Das nationale eHealth Treffen befasste sich dieses Jahr unter dem Motto „Leadership & Digital Transformation“ mit den Aufgaben, welche die Digitalisierung an das Management von Gesundheitseinrichtungen stellt.

Diese sind ganz besonders durch die anstehende Einführung des elektronischen Patientendossiers (EPD), das im Frühjahr 2020 in allen Regionen der Schweiz verfügbar sein soll, gefordert. Daher war es für die Teilnehmer so relevant, zu erfahren, wie digitale Veränderungsprozesse zum Nutzen der Patienten optimal gestaltet werden können. Denn diese gehen mit einem Wandel im Rollenverständnis von Ärzten, Pflegepersonal und Patienten einher.

Im Rahmen der Keynotes, zahlreicher Vorträge sowie einer Workshopreihe wurden die Herausforderungen, die der digitale Wandel an das Management von Krankenhäusern und anderen Gesundheitseinrichtungen stellt, aus vielfältigen Perspektiven sowohl kanton- als auch länderübergreifend beleuchtet und diskutiert. Dabei gewannen die Teilnehmer des Summits anhand der vorgestellten Fallbeispiele wertvolle Einblicke, wie man die neuen technologischen Ansätze erfolgreich in die Praxis umsetzten kann. Abgerundet wurde der Summit durch eine Vielzahl von Ausstellern, deren Lösungsangebote dazu beitragen, die digitale Transformation umzusetzen.

Management kann durch Digitalisierung Mehrwert für Patienten und Mitarbeiter schaffen

In seiner Keynote „Digital Transformation – Implications for Healthcare, Barriers, Drivers and Outcomes“ forderte Healthcare-Visionär Professor Koen Kas, dass die Datensilos im Gesundheitssektor miteinander auf einer Plattform verlinkt werden müssten, damit der tatsächliche Nutzen der Digitalisierung freigesetzt werden kann. Das sei wohl die schwierigste Herausforderung für das Gesundheitswesen. Dabei verwies er auf Unternehmen wie Amazon und Apple, denen dies schon in anderen Industrien gelang und die sich nun daran wagten, eine solche Plattform im Gesundheitssektor aufzubauen. Dem Management im Gesundheitssektor falle dabei die Aufgabe zu, „eine Leistung nach der anderen so zu modifizieren, dass das System weniger Brüche aufweist“, betonte Kas, und sieht sie in der Pflicht, Patienten Leistungen anzubieten, die sie so bis dahin gar nicht von einem Krankenhaus kannten. „Das Management muss die Mitarbeiter überzeugen, neue Technologie willkommen zu heißen und zu begreifen, dass digitale Tools ihre Arbeit vielseitiger machen – ebenso wie Computer uns als Menschen kreativer gemacht habe“, appellierte er. Dabei kann die Digitalisierung auch durchaus dafür nützlich sein, sich von der Konkurrenz abzugrenzen, fand Kas: „Was kann ich in puncto Service noch anbieten, um mein Krankenhaus von anderen abzuheben und Patienten besser zu unterstützen gesund zu werden.“

Die Schweizer Föderation als ideales Testbett der Digitalisierung

Professor Christian Lovis, Arzt und Professor für Klinische Informatik an der Universität Genf und Vorsitzender der Fakultät für Medizinische Informationswissenschaften der Genfer Universitätskliniken setzte sich für eine ausgewogene Darstellung von Themen, für einen neuen Gesellschaftsvertrag zur Datennutzung und einen offenen Zugang zur Wissenschaft ein. In seiner Keynote „EHR – time to reboot" verlangte er, von einem datenzentrierten Model hin zu einem auf Semantik Zentriertes umzuschwenken. Er verwies darauf, dass sich gerade die Schweiz im Hinblick auf die Digitalisierung des Gesundheitswesens aufgrund ihrer föderalen Struktur als ideales Testbett erweise: „Sie zwingt uns dazu, als ein dezentrales, verteiltes System zu agieren.“

Adrian Schmid, Leiter eHealth Suisse

Wie steht es um das elektronische Patientendossier?

„Die Haltung der Bevölkerung zum elektronischen Patientendossier ist gut – die Zustimmung ist seit Jahren stabil bei 70 Prozent“, berichtete Adrian Schmid, Leiter eHealth Suisse, „generell ist man damit gut unterwegs“, so sein positives Fazit. Das EPD habe rechtliche Klarheit geschaffen und sei Orientierungshilfe. „Jeder Kanton in der Schweiz ist nun rechtlich zur Einführung des EPD bereit“, berichtete Schmid. Aber er wies auch auf die Schwierigkeiten bei der Implementierung hin: „Die Anbindung von Primärsystemen ist ein schwieriges Thema, da die Landschaft sehr heterogen ist. Es braucht dazu Vorwissen und die Stammgemeinschaften bemühen sich, möglichst einfache Konzepte anzubieten. Hier ist noch Bewegung gefragt. Es braucht eine tiefe Integration in die Systeme.“

Die Geschäftsführerin vom Trägerverein eHealth Nordwestschweiz, Dr. Eva Greganova, berichtete von den „gewaltigen Veränderungen“, die im Laufe der digitalen Transformation gemeinsam bewältigt werden müssen. Gerade in der Initialphase sei das Management gefragt, allen Beteiligten den aktuellen Nutzen der Digitalisierung aufzuzeigen. Sie legte den Anwesenden nahe, dass der „Netzwerkeffekt erst dann entsteht, wenn viele Akteure sich darin einbringen – Patienten sowie die ambulante und stationäre Versorgung. „Die Vorstellung einer Kantonsgrenze ist eine veraltete Sicht, da es sich um eine überregionale Kommunikation handelt“, ermahnte sie.

Greganova gab den Teilnehmern ganz konkrete Ratschläge zur Einführung des EPD mit auf den Weg: „Die Einführung des EPD ist nicht nur ein IT-Thema, sondern erfasst das gesamte Unternehmen. Unterschätzen Sie nicht das Vorhaben, denn die Vorgaben des Gesetzgebers, der eine perfektionistische Lösung anstrebt, sind detailliert. Der Aufwand ist groß. Eine Gesundheitsfachperson muss wissen, wie sie sich im EPD-Umfeld bewegt, was hochgeladen werden muss. Es braucht ein Commitment vom CEO und der gesamten Geschäftsleitung“.

Zugabe

Der Summit bot den anwesenden schweizer Ärzten und Apothekern obendrein die Gelegenheit, sich durch ihre Teilnahme Kreditpunkte bei dem Schweizerischen Institut für ärztliche Weiter- und Fortbildung (SIWF) respektive beim Schweizerischen Verein der Amts- und Spitalapotheker (GSASA) gutschreiben zu lassen.

Im wahrsten Sinne „Höhepunkt“ des Summits war das exklusive Abendessen auf dem Berner Hausberg, dem Gurten, unter dem sich das nächtliche Bern ausbreitete. Nicht nur das Essen und der Ausblick fand viel Beifall, sondern auch die Dinnerrede von Martin U. Müller, Journalist des Nachrichtenmagazins Der Spiegel, der der Frage auf den Grund ging, was Medizin und Journalismus hinsichtlich Digitalisierung gemeinsam haben.

Cornelia Wels-Maug

erforscht seit 21 Jahren den Einsatz von IT in diversen Industriesektoren und hat sich vor fast zehn Jahren auf den Gesundheitsmarkt spezialisiert. Sie verfasst Artikel, Fallstudien und Weißbücher über den weltweiten Markt für IT im Gesundheitswesen undhält Vorträge und Webinare. Gleichzeitig ist sie auch als Analystin für den internationalen Gesundheitsmarkt bei einer englischen Firma tätig.

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