Künstliche Intelligenz und der Arzt – Segen oder Fluch?

Einige sehen KI als klinische Erweiterung, andere als eine schädliche Veränderung der Arztrolle. Bewerten wir das Risiko von Innovationen mit denselben Maßstäben wie bestehende Prozesse und Technologien oder laufen wir Gefahr, deren Risiken zu überbewerten?

By
Dr. Charles
Alessi

Wie die meisten Innovationen kann künstlicher Intelligenz (KI) auf verschiedene Art und Weisen eingesetzt und als positive Entwicklung oder auch als deren Gegenteil angesehen werden. Unsere Einstellung gegenüber einer Änderung der Gesundheitsversorgung hin zu Innovationen verzerrt jedoch in vielen Fällen unsere Sichtweise. Wir neigen dazu, Änderungen des bestehenden Geschäftsmodells als potenziell schädlich zu betrachten, sofern nicht das Gegenteil bewiesen ist. Und obwohl es Vorzüge haben kann, vorsichtig zu sein – da wir ja sicherstellen müssen, dass Sicherheit und Beständigkeit der Behandlungsergebnisse gewährleistet sind – sind wir vielleicht manchmal geneigt, die Sicherheit der Innovation vorzuziehen. Dadurch allerdings sind wir letztlich nicht innovativ. Gelegentlich neigen wir außerdem dazu, jedes unerwünschte Ereignis im Zusammenhang mit neuen Technologien mit anderen Risikoparametern zu bewerten, als wir normalerweise anwenden würden. Dementsprechend neigen unerwünschte Ereignisse, die durch den Einsatz oder den Betrieb neuer Technologien verursacht werden, dazu, negative Schlagzeilen anzuziehen – selbst wenn die Risikofaktoren, denen die Menschen dadurch ausgesetzt werden, geringer sind als diejenigen, die durch das bestehende System erzeugt werden.

Was ist künstliche Intelligenz und wie hängt sie mit maschinellem Lernen zusammen?

Wir tendieren dazu, KI im selben Atemzug wie maschinelles Lernen zu nennen, obwohl es Unterschiede gibt, wie wir diese Begriffe auslegen sollten. KI ist älter als die Zeitrechnung und bedeutet im Wesentlichen, dass Maschinen Dinge erledigen, die wir als „ausgeklügelt“ bezeichnen würden, während maschinelles Lernen eine Anwendung davon ist.

Wir befinden uns noch ganz am Anfang einer umfassenden Einführung von KI: bei der maschinellen Verarbeitung, um Bilder konsistenter auszuwerten, von der einfachen routinemäßigen Radiologie bis hin zur Fundoskopie und auch zu mehr esoterischen und in vielerlei Hinsicht aufregenderen Entwicklungen. Zu diesen Entwicklungen zählt beispielsweise die Fähigkeit, festzustellen, in welchen Fällen einer potenziellen Sepsis man frühzeitig intervenieren sollte und welche der Gabe von Antibiotika benötigen oder nicht.

Das Potenzial, eine bessere Versorgung zu erzielen, ist in diesen Fällen beträchtlich. Die Einführung einer maschinellen Verarbeitung in der Radiologie bietet sowohl für die Belegschaft als auch für Patienten einen erheblichen Vorteil, sofern diese Art der Verarbeitung mindestens ebenso effektiv im Hinblick auf Genauigkeit und Konsistenz der Befundung ist wie gegenwärtige Auswertungsprozesse. Der Vorteil für Patienten ist enorm, weil es den 24-Stunden-Einsatz von Klinikärzten für routinemäßige radiologische Untersuchungen hinfällig macht. Außerdem können dadurch kostspielige Regelungen wie der Einsatz von Radiologen, die sich an anderen Standorten befinden (oft sehr weit entfernt), reduziert werden. Dies führt häufig auch zu Einsparungen bei der Personalbeschaffung und verringert das klinische Risiko hinsichtlich der Governance. Auch der Vorteil für die Belegschaft ist beträchtlich. Sie wird tendenziell immermehr beansprucht und kann daher effizienter zum Erledigen komplexerer Aufgaben eingesetzt werden, statt sich mit „einfachen“ Routineaufgaben zu beschäftigen.

Veränderungen begrüßen

Es besteht kein Zweifel, einige werden diese Aufgaben vermissen. Sie sind natürlich alles andere als „einfach und routinemäßig“ und wir müssen gewährleisten, dass wir keine schlechteren Behandlungsergebnisse erzielen. Wir müssen auch mehr Zeit und Mühe aufwenden, um sicherzustellen, dass unsere Mitarbeiter diese Veränderungen mittragen können. Es gibt Organisationen, die dies sehr erfolgreich gemeistert haben – es ist machbar.
Letztendlich müssen wir auch akzeptieren, dass diese Veränderungen auch einen Aspekt der Unvermeidbarkeit enthalten. Wenn selbst König Knut der Große es nicht geschafft hat, die Flut zu stoppen, glauben wir dann wirklich, dass es uns gelingen wird, eine alles durchdringende und unvermeidliche Veränderung unserer Versorgungskonzepte, zu verhindern?

Der beste Ansatz wäre sicherlich, auf diese Veränderung zuzugehen, anstatt unsere Abwehr zu mobilisieren, diese zu stoppen. Dies wäre die beste Möglichkeit, Veränderungen im Zaum zu halten und sicherzustellen, dass sie auf eine kontrollierte Art und Weise auf unsere Versorgungskonzepte einwirken und diese erweitern. Die Zukunft kann tatsächlich rosiger sein, wenn wir diese Chance ergreifen.

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Der Artikel ist in der HIMSS Insights 7.2 erschienen und wurde für 42.News von Cornelia Wels-Maug ins Deutsche übersetzt.

Dr. Charles Alessi

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