Schematische Darstellung der intersektoralen Kommunikation (Grafik: Förderprojekt FALKO.NRW)

Integrierte Versorgung im Aufwind

Die Rahmenbedingungen stehen gut für eine verbesserte integrierte Versorgung. Markus Stein von der RZV Rechenzentrum Volmarstein GmbH gibt der 42 News einen sektorenübergreifenden Überblick

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Cornelia
Wels-Maug

Markus Stein, Geschäftsfeld Krankenhaus, RZV Rechenzentrum Volmarstein GmbH, erläutert der 42 News, warum er findet, dass sich in Deutschland die Rahmenbedingungen für die integrierte Versorgung verbessert haben.

42 News: Wie ist die integrierte Versorgung in den letzten 24 Monaten in Deutschland vorangekommen?

Markus Stein: Ein wichtiger Push in Richtung integrierter Versorgung in Deutschland ist sicherlich der Innovationsfonds der Bundesregierung. Dabei spreche ich explizit von dem Teil des Förderprogramms, der neue Versorgungsformen unterstützt, die die sektorenübergreifende Versorgung weiterentwickeln beziehungsweise innersektorale Schnittstellen optimieren. Hierbei ist die Förderung an Nachhaltigkeit gekoppelt. Ein Evaluationsinstitut prüft, ob eine neue Versorgungsform Vorteile gegenüber existierenden Versorgungsmodellen aufweist. Das heißt, sie muss sparsamer im Hinblick auf den Einsatz von Ressourcen sein, beispielsweise zu einer Reduktion an Krankenfahrten oder aber zu weniger Krankheitstagen führen, sodass es zu einem verminderten Verdienstausfall sowie einer geringeren Zahlung an Krankengeld kommt. Außerdem ist über die verpflichtende Teilnahme mindestens einer Krankenkasse als Konsortialpartner ein Impuls in Richtung nachhaltigem Einsatz intersektoraler Versorgungsmodelle gegeben.

Bei einer positiven Bewertung können die neuen Versorgungsformen vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) in seine Richtlinien zur Gestaltung der Versorgung übernommen werden oder dienen dem Gesetzgeber als Basis für strukturelle Veränderungen des gesetzlichen Rahmens. Den Anfang hat dieses Jahr die Videosprechstunde gemacht, die in den regulären Entgeltkatalog aufgenommen wurde.

Zudem dürfte durch die Regelung zum Entlassmanagement nach §39 Abs. 1a Satz 9 SGB V, die zum 01.10.2017 in Kraft tritt, ein Schub in Richtung intersektoralen Dokumentenaustauschs erfolgen, da die Kliniken nun Dokumente nicht nur an weiter behandelnde Ärzte, sondern auch an andere, am Versorgungsprozess beteiligte Leistungserbringer wie Therapeuten oder Pflegeeinrichtungen weitergeben sollen. Dabei wird den Kliniken die Verantwortung für eine geregelte Überführung von voll- und teilstationären Patienten in die weitere Versorgung zugeteilt, um so eine nachhaltige Behandlung ohne Versorgungs- oder Kommunikationsbrüche etablieren zu können. In den Kliniken steigt durch die Verpflichtung einer umfangreichen und direkt am Entlassungstag mitzugebenden Dokumentation der Digitalisierungsdruck. Nur durch die Integration der benötigten Daten und abgeleiteten Informationen in die klinischen Informationssysteme kann ein hoher bürokratischer Aufwand am Ende der stationären Behandlung vermieden werden.

42 News: Gibt es noch andere Faktoren, die Ihrer Meinung nach Einfluss auf die integrierte Versorgung haben?

Markus Stein: Der zunehmende Fachkräftemangel bewirkt auch eine stärker vernetze Arbeitsweise zwischen Nicht-Ärzten und Ärzteschaft. In diesem Kontext ist das Leuchtturmprojekt ‚AGnES‘ (Arztentlastende Gemeinde-nahe E-Health-gestützte Systemische Intervention) zu nennen. AGnES ist ein gutes Beispiel, wie man dem Mangel an niedergelassenen Ärzten mit besserer intersektoraler Vernetzung begegnen kann, indem man erforderliche Aufgaben an nicht-ärztliche, speziell geschulte Personen delegiert, in diesem Fall Pflegefachkräfte und Medizinische Fachangestellte. Diese führen Hausbesuche durch, wobei Patientendaten erhoben werden oder Patienten zu gesundheitlichen Themen beraten werden können. Dabei sind die Mitarbeiter direkt an eine Hausarztpraxis beziehungsweise Gemeinschaftspraxis oder ein medizinisches Versorgungszentrum angebunden. Ich betone, es geht hier um Delegation ärztlicher Aufgaben, nicht um Substitution der Ärzteschaft. Ursprünglich ein Modellprojekt, ist AGneS mittlerweile in die Regelversorgung aufgenommen worden.

Ein weiterer Push in Richtung Integrierter Versorgung könnte auch vom nunmehr verschärften §291d SGB V ausgehen. Hierin wird gefordert, dass Krankenhausinformationssysteme innerhalb der nächsten zwei Jahre mit „offenen und standardisierten Schnittstellen“ versehen werden müssen – damit dürfte auch ein Schritt hin zu einem erleichterten interoperablen Austausch von Dokumenten und Daten gemacht werden.

42 News: Ist das Rechenzentrum Volmarstein selbst an integrierten Versorgungsprojekten beteiligt?

Markus Stein: Wir sind in zwei Förderprojekten des Landes Nordrhein-Westfalen als Konsortialpartner involviert:

  • FALKO.NRW. Hier bereiten wir eine elektronische Fallakte (EFA) der Spezifikation 2.0 für einen onkologischen Usecase zwischen Bochumer Kliniken und Haus- wie Fachärzten vor, die dazu dienen soll, Dokumente und Bilder zu einem intersektoralen Fallgeschehen zu speichern. Darin integriert ist ein DICOM-Viewer, sodass vor allem auch die Niedergelassenen ausgewählte Bilder der Kliniken betrachten können.
  • NephroTeTe. Hier wird eine nephrologische Akte, ebenfalls in Form einer EFA der Spezifikation 2.0, aufgesetzt. Diese wird u.a. von nicht-nephrologischen Ärzten benutzt, um über ein Onlinekonsil mit Nephrologen in Klinik und Praxis kommunizieren zu können. NephroTeTe soll darüber hinaus mit Mehrwertdiensten wie einem Onlinemedikationsplan und angeschlossener AMTS-Prüfung ergänzt werden.  

42 News: Kann es integrierte Versorgung ohne elektronische Patienten- oder Fallakten geben?

Markus Stein: Ja, integrierte Versorgung geht auch auf Papier. Heute bekommen die Patienten beim Arzt etwas mit in die Hand ― das ‚Turnschuhnetz‘ des Patienten funktioniert daher auch. Aber die zunehmend digitalen Strukturen bei den Leistungserbringern führen dazu, dass das Einscannen von Dokumenten als immer beschwerlicher angesehen wird. Zudem ist über eine zunehmende Vernetzung zwischen mehreren Leistungserbringern in diagnostisch-therapeutischen Teams eine digital aufgesetzte intersektorale Kommunikation deutlich effizienter als das ‚Turnschuhnetz‘.

42 News: Von einer IT-Perspektive aus betrachtet, wessen bedarf integrierte Versorgung?

Markus Stein: Integrierte Versorgung braucht eine geeignete Vernetzung, Datensicherheit, eine sichere Infrastruktur, auf Standards basierende elektronische Patienten- oder Fallakten. Wichtig ist hier die Einigung auf Austauschstandards, dazu musste die gematik gemäß E-Health-Gesetzes bis zum 1. Juli 2017 ein neues Interoperabilitätsverzeichnis namens ‚Vesta‘ online stellen. Vesta wird das zentrale Verzeichnis für technische und semantische Standards, Profile und Leitfäden des deutschen Gesundheitswesens. Das Verzeichnis könnte einen wesentlichen Beitrag zur Verbesserung der Interoperabilität leisten und Transparenz über bundesweit verwendete Standards im Gesundheitswesen schaffen.

Cornelia Wels-Maug

erforscht seit 21 Jahren den Einsatz von IT in diversen Industriesektoren und hat sich vor fast zehn Jahren auf den Gesundheitsmarkt spezialisiert. Sie verfasst Artikel, Fallstudien und Weißbücher über den weltweiten Markt für IT im Gesundheitswesen undhält Vorträge und Webinare. Gleichzeitig ist sie auch als Analystin für den internationalen Gesundheitsmarkt bei einer englischen Firma tätig.

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