Innovationskultur pflegen

Die digitale Transformation des Gesundheitsmarktes wird auch von den Krankenkassen vorangetrieben. 42 News sprach mit Dr. Susanne Klein, Versorgungsmanagement-Entwicklung, Techniker Krankenkasse (TK), darüber, wie die TK das Entstehen innovativer digitaler Produkte fördert.

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Cornelia
Wels-Maug

Welche Rolle spielt das Thema Innovation für die TK?

Klein: Innovation spielt für die TK eine große Rolle. Sie ist ein wichtiges Mittel, die Versorgung beziehungsweise deren Qualität sowie die Patientensicherheit bei effizienterem Ressourceneinsatz zu verbessern. Das Letztere ist ein wichtiger Aspekt, da wir als gesetzliche Krankenkasse per Gesetz verpflichtet sind, wirtschaftlich zu handeln.

Die Innovationskultur ist etwas, das die TK schon immer gefördert hat. Wir sind ständig auf der Suche nach guten innovativen Lösungen in der Versorgung.

Mittlerweile ist Innovation auch vielfach ein Wettbewerbsthema unter den Kassen.

Wie fördert die TK Innovation?

Klein: Vor Kurzem haben wir den TK-Accelerator gestartet, um früh gute Ideen von Start-ups zu fördern und diese auf ihren Weg in den ersten Gesundheitsmarkt zu begleiten. Wir unterstützen mit Know-how und stellen unser Netzwerk zur Verfügung. Dafür haben wir ein umfassendes Mentoring Programm entwickelt, das von unseren Vorständen als Schirmherren getragen wird. Geld gibt es für die Start-ups nicht. Unser Ziel ist es, die Start-ups für den ersten Gesundheitsmarkt fit zu machen, beispielsweise: Welche Anforderungen werden an Lösungskonzepte gestellt, damit sie von einer Krankenkasse finanziert werden? Was ist in puncto Datenschutz zu beachten?  

Die drei Start-ups für unseren diesjährigen TK-Accelerator haben wir über einen strukturierten Prozess unter den Bewerbern für den Health-i-Award ausgewählt. Der Health-i-Award ist eine Initiative, die die TK 2016 gemeinsam mit dem Handelsblatt gegründet hat, um starke Ideen in der Gesundheitsversorgung auf den Weg zu bringen. Meines Wissens nach, sind wir die erste gesetzliche Krankenversicherung, die einen Akzelerator etabliert hat.

Gibt es bestimmte Themen am Gesundheitsmarkt, zu denen auffallend viele innovative Ideen entwickelt werden und was sind die Kriterien, die die TK anwendet, um innovative Versorgungslösungen in ihr Angebot zu übernehmen?

Klein: Ja, momentan sehen wir insbesondere Entwicklungen im Bereich Depressionsapps, Fitnesstracker und Gesundheitsmanagement. Welche innovativen Ideen wir in unser Portfolio übernehmen, ergibt sich aus der Analyse der Versorgungssituation und aus der Tatsache, welche Angebote wir bereits in unserem Portfolio haben: Wo sind wir in der Versorgung besonders teuer unterwegs, wie könnte man die gleiche Versorgungsqualität effizienter und besser anbieten? Beispielsweise haben wir seit vielen Jahren ein Angebot für Zweitmeinung bei Rücken-OPs und wissen, dass wir damit viele unnötige Operationen vermeiden können ― eine Win-win-Situation für Patienten und Kasse.

Unterscheiden sich Start-ups hinsichtlich ihrer Fähigkeit zur Innovation von etablierten Firmen?

Klein: Beide Gruppen sind innovativ. Start-ups sind aber in der Regel viel schneller, weniger kompliziert und unvoreingenommen. Dafür kennen sie das Gesundheitssystem und seine Regularien nicht und wissen auch nicht, was wichtig bei der Produktentwicklung ist. Das beinhaltet u. a. das Durchführen evidenzbasierter Studien, den Umgang mit dem Datenschutz und Finanzierungsmöglichkeiten. Im deutschen Gesundheitswesen braucht man auf dem Weg in die Regelversorgung einen langen Atem, viel Zeit und viel Geld. Außerdem müssen Start-ups lernen, welche Möglichkeiten es gibt, Verträge mit Kassen abzuschließen und zu prüfen, ob ihr Business tragfähig ist, um am Markt zu überleben. Etablierte Player dagegen verstehen oft unter Innovation, ihre eigene Technologie zu verbessern.

Geht das Konzept des Innovationsfonds in die richtige Richtung?

Klein: Der Innovationsfonds hat das Ziel, innovative Ideen in der Versorgung zu fördern. Dafür wird Geld bereitgestellt. Auf jeden Fall ist die Diskussion um die Finanzierung von Innovationen im deutschen Gesundheitssystem damit entfacht worden. Ich persönlich glaube, dass wir hier weniger bürokratische Lösungen benötigen.

Welche Maßnahmen würden Innovationen auf dem deutschen Gesundheitsmarkt anregen?

Klein: Wir bräuchten vor allen Dingen weniger Regularien, sodass Innovationen schneller auf den Markt kommen können. Für die Finanzierung könnten wir uns ein Innovationsbudget analog der Finanzierung von Prävention laut Präventionsgesetz vorstellen, z. B. 2,50 Euro je Versicherten. Gibt eine Kasse dieses Geld nicht aus, so geht dieses an den GKV-Spitzenverband, der die Umverteilung an die Krankenkassen vornimmt.

Cornelia Wels-Maug

erforscht seit 21 Jahren den Einsatz von IT in diversen Industriesektoren und hat sich vor fast zehn Jahren auf den Gesundheitsmarkt spezialisiert. Sie verfasst Artikel, Fallstudien und Weißbücher über den weltweiten Markt für IT im Gesundheitswesen undhält Vorträge und Webinare. Gleichzeitig ist sie auch als Analystin für den internationalen Gesundheitsmarkt bei einer englischen Firma tätig.

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