Rauchen Ade mittels virtueller Realität

Wie effektiv ist eine Immersion in ein gesünderes Verhalten mittels einer VR-Brille, um sich einer Sucht zu entziehen? Dies wird nun von Forschern getestet. Gleichzeitig entwickeln sie eine App, um Raucher jederzeit und überall bei der Entwöhnung zu unterstützen.

Rund ein Viertel der Bevölkerung in Deutschland raucht und geschätzte 5 Millionen sterben jährlich an den Folgen des Rauchens. Oft sind herkömmliche Therapieangebote mit langen Wartezeiten und geringer Akzeptanz bei den Betroffenen verbunden. Vor diesem Hintergrund arbeiten Wissenschaftler des Forschungskollegs der Universität Siegen (FoKoS) in dem Forschungsprojekt ANTARES daran, eine Virtual Reality (VR)-Anwendung zu entwickeln, mit der Nikotinabhängige üben können, ihrem Drang zur Zigarette zu widerstehen. Dabei handelt es sich um ein interdisziplinäres Projekt, das im Februar 2018 startete und noch bis Januar 2021 läuft. Es wird vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen mit über 400.000 Euro gefördert.

Approach-Avoidance-Training in virtueller Form

Dabei handelt es sich um eine Methode, bei der Menschen am Desktop-PC trainieren, von einer Sucht loszukommen – in diesem Fall von ihrer Nikotinabhängigkeit. Per Joystick sollen sie Bilder mit nikotinbezogenem Inhalt (wie Feuerzeug, Aschenbecher) von sich wegschieben und dadurch optisch verkleinern, beziehungsweise nicht-nikotinbezogene Objekte (z. B. Blumen, Zahnbürste) zu sich heranziehen und damit optisch vergrößern. „Aus früheren Studien wissen wir bereits, dass ein solches Training – auch bekannt als ,Approach-Avoidance-Training‘ – am Computer einen kleinen Effekt auf das Rauchen haben kann“, erklärt Prof. Dr. Tim Klucken, Professor für Klinische Psychologie an der Universität Siegen, der auch zu dem Projektteam gehört.

Konkret möchte man durch das Projekt herausfinden, ob die Wirkung dieses Trainings durch VR gesteigert werden kann. „Man taucht mit Hilfe der Virtual Reality-Brille komplett in eine andere Welt ein. Die emotionale Ebene wird daher viel stärker angesprochen, als wenn man vor dem klassischen Desktop-Computer sitzt. Viele Potenziale zur Stärkung von Therapieeffekten durch virtuelle Realität sind jedoch noch nicht ausreichend erforscht“, urteilt Prof. Dr. Dr. Björn Niehaves, Direktor FoKoS, der auch am Projekt mitwirkt.

Den Glimmstängel mit VR und App vom Leib halten

Ergänzend zu der VR-Anwendung wird im Rahmen von ANTARES auch eine Smartphone-App, die auf dem "Approach-Avoidance-Training" basiert, entwickelt. Dabei verfügen VR und Smartphone-App über unterschiedliche Stärken: Während sich die positive Wirkung von VR insbesondere in einer höheren Immersion zeigt, liegt das Potenzial der Smartphone-App in der höheren Verfügbarkeit im Alltag. „Bisherige Therapieangebote für Nikotinabhängige haben oftmals eine geringe Verfügbarkeit und Reichweite. Smartphones hingegen sind für viele Menschen nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken. Mit der Übertragung bisheriger Behandlungsvarianten in eine App ist Raucherentwöhnung immer für die Patientinnen und Patienten verfügbar, wenn sie sie gerade brauchen. Im Gegensatz zu anderen Apps legen wir dabei auch großen Wert auf Datenschutz, um die Rechte der Patientinnen und Patienten zu wahren“, legt Prof. Rainer Brück, Lehrstuhl Medizinische Informatik und Mikrosystementwurf, Universität Siegen, dar.

Neuer Ansatz zur Impulskontrolle

Die neue Therapieform zielt im Gegensatz zu den meisten traditionellen Therapien nicht ausschließlich auf das sogenannte reflexive System des Menschen ab, sondern auf das impulsive, emotionale System. Es geht also nicht nur darum, kognitiv zu verstehen, dass Rauchen schädlich ist, sondern zusätzlich zu lernen, den Impuls, zu rauchen, besser zu kontrollieren. „Bei Sucht ist das impulsive System viel wichtiger, als das reflexive“, erläutert Klucken. „Menschen greifen plötzlich, ganz impulsiv zur Zigarette, zum Beispiel, weil sie Stress oder sich gestritten haben,“ verdeutlicht er.

Aus Sicht der Siegener Wissenschaftler wäre eine Kombination aus herkömmlichen Therapien und VR-Therapie wünschenswert: "Unsere Anwendung ist allein sicherlich keine Wunderwaffe. Aber in Kombination mit bekannten Raucherprogrammen könnte sie Raucherinnen und Rauchern besser helfen, ihre Sucht zu therapieren", hofft Klucken.

###

cwm

Ideen und Vernetzung fördern

Verleihung des Health-i-Awards 2018

Therapeutische Software gewinnt

App zum Depressionsmanagement gewinnt Demo Day 2018

Elektronische Krankschreibung

Schrittweise Vereinfachung der Krankmeldung: Aus drei mach keins!