Immer mehr Menschen nutzen Gesundheitsapps

Immer mehr Menschen nutzen Gesundheitsapps zur Prävention, Diagnose und Therapie, jedoch oft nur für wenige Wochen. Besonders wächst die Nutzung von Coachingapps und Onlinezweitmeinungen. Die Mehrheit bespricht Appempfehlung mit ihrem Arzt.

By
Alexander
Schachinger

Im EPatient Survey 2017, der größten jährlichen OnlineBefragung zum Thema „Digitale Gesundheit“ und „Patient im Netz“, haben wir im März und April 2017 11.000 Gesundheitssurfer in Deutschland, Österreich und der Schweiz zur Nutzung einer Vielzahl von derzeit im Markt befindlichen Apps befragt. Die anonyme Befragung lief dabei auf den reichweitenstärksten Webseiten und Newslettern von Krankenversicherungen, Gesundheitsportalen, Patientenorganisationen, Start-ups und vielen weiteren Organisationen der drei Länder. Seit 2010 haben über 40.000 Gesundheitssurfer an der Befragung teilgenommen.

Dabei helfen die EPatient Surveys, hinter denen die von mir gegründete EPatient RSD GmbH (www.epatient-rsd.com) steht, empirische Markt- und Nutzerdaten zu generieren, um eine fundierte Evaluation seitens des Gesundheitswesens zu ermöglichen. Durch die wachsende Angebotsvielfalt digitaler Versorgungslösungen und Start-ups wird so eine Evaluation immer wichtiger. Dabei erheben wir neben Angaben zur Person, die Krankheitsbetroffenheit, die erhaltenen Therapien und den aktuellen Behandlungspfad sowie im Detail Angaben zu Nutzungsmustern und -verbreitung, Auswirkungen, Zahlungsbereitschaft und weitere Aspekte im Segment der digitalen Gesundheitsanwendungen für Gesunde wie Patienten.

Zusammenfassung unserer ersten Einsichten:
Gesunde und Patienten in Deutschland benutzen verstärkt Apps zu Themen der Prävention, Diagnose und Therapie. In der Vielfalt der digitalen Gesundheitsanwendungen verbreiten sich dabei Coachingapps und die Onlinezweitmeinung am stärksten.
An die 70 Prozent der Gesundheitssurfer sind dabei bereit, ihre Vitaldaten mit Arzt und Klinik zu teilen. Dabei wird deutlich: die App ersetzt den Arzt nicht: Die Mehrheit der Patienten bespricht die App-Empfehlungen mit ihrem Arzt, selbst wenn die App eine „andere Therapie vorschlägt“.
Dabei steigt einerseits die Zahlungsbereitschaft, anderseits nutzt nur noch circa jeder Dritte seine Gesundheitsapps nach wenigen Wochen. Hier wird deutlich: Inhalte und Funktionen müssen sich intelligent und lernend an den Behandlungspfad des Patienten anpassen.
In der Verbreitung schlägt der Markt die Wissenschaft: Evaluierte Therapieapps haben gegenüber den Consumer-Health-Angeboten im Markt noch nicht ausreichend ihre Zielgruppe gefunden.

Unsere Ergebnisse im Detail

  • Tracking und Motivation sind beliebte App Funktionen
    Von den über 8.400 vorliegenden App-Evaluationen der Teilnehmer zeichnen sich bei den allgemeinen Gesundheitsapps die Funktionen Tracking- und Motivationselemente als sehr beliebt ab. Wir haben die Teilnehmer auch gebeten, Funktionen von Patientenapps, Coachingprogramme, Diagnostik-, Zweitmeinungs-, Adhärenz- und Videosprechstundensoftware zu bewerten.
  • Nach wenigen Wochen ist Schluss
    Weniger als einer von drei Nutzern von Gesundheitsapps verwendet nach ein paar Wochen noch seine App. Das Ergebnis entspricht internationalen Studien. Sie zeigen auch, dass Bedienungsfreundlichkeit und Motivation gerade im Gesundheitsbereich ein wichtiger Faktor sind. Wie Gesunde sich von Patienten hierin unterscheiden, wird die noch laufende Datenauswertung zeigen.
  • Therapieentscheidung: Der Arzt geht vor – aber nicht immer der eigene Arzt
    Circa 75 Prozent der Nutzer von Apps besprechen die Therapieempfehlung einer App mit ihrem Arzt, selbst wenn die App eine andere Therapie als die verordnete vorschlägt. Der menschliche Faktor ist auch dem digitalen Patienten wichtig: Immerhin bespricht jeder Zehnte die Therapieempfehlungen der App nicht mit seinem ursprünglichen, sondern mit einem anderen Arzt.
  • Vom Nutzen von Big Data für Forschung überzeugt
    An die 70 Prozent der App-Nutzer sind bereit ihre persönlichen Vital- und Krankheitsdaten zu Forschungszwecken zu spenden. Insbesondere Ärzten und Kliniken würden die Befragten dabei eher Datenzugang gewähren als den Krankenkassen.
    Schon im EPatient Survey 2015 und 2016 wurde deutlich, dass Bürger und Patienten vor allen anderen Quellen und Akteuren im Gesundheitswesen von ihren Ärzten und behandelnden Kliniken eine App für ihre Therapie oder Nachsorge empfohlen bekommen wollen. Die Wirklichkeit im Praxis- und Klinikalltag zeigt jedoch, dass Ärzte und Kliniken bisher in der Regel weder Orientierung, Kompetenz, Prozesse oder fundierte Erstattungsmodelle zu Gesundheitsapps für ihre Patienten haben.
  • Coaching und Zweitmeinung wachsen am stärksten
    In der Vielfalt der digitalen Gesundheitsanwendungen (Tracking-, Coaching-, Diagnose- oder Adhärenzdienste bis zur Online-Arztsprechstunde uvw.) verzeichnen Coaching Anwendungen sowie die Onlinezweitmeinung das stärkste Wachstum. Die Zahlungsbereitschaft für digitale Gesundheitsdienste dieser Art nimmt auf geringem Niveau seit wenigen Jahren leicht zu. Insgesamt zeigt sich: Nur, wenn Apps sich interaktiv und selbstlernend an den Patienten und seine Bedürfnisse anpassen, schaffen sie einen Nutzen. Apps, welche die Nutzer direkt von ihrer Klinik erhalten, werden dabei am seltensten genannt.
  • Markt schlägt Wissenschaft
    Die 2017 von den Teilnehmern erstmals abgefragten Produktenamen von Apps zeigen, dass evaluierte gute Therapieapps ihre Zielgruppe im Markt gegenüber Mainstream Angeboten noch nicht ausreichend gefunden haben. Klinisch evaluierte digitale Anwendungen sind beispielsweise bei den Indikationen Asthma, Depression oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der jeweiligen digitalen Patientenzielgruppe derzeit noch sehr gering verbreitet.
  • Fazit für Kliniken
    Vor dem Hintergrund der jährlich rund 40 Millionen Klinikbehandlungen, stellt die Klinik neben dem Arzt einen der idealsten Kontaktpunkte dar, um einem Patienten im Kontext seiner Behandlung eine für ihn und seinen weiteren Behandlungspfad stimmige digitale Unterstützung anzubieten. Dass digitale Gesundheitsanwendungen die Therapieadhärenz, die Krankheitsbewältigung und somit die medizinische Therapie nachhaltig unterstützen können, belegt eine wachsende Anzahl an Publikationen in diesem Sektor (siehe exemplarisch: www.jmir.org). Digitale Versorgungsforschung, Qualitätsmanagement, Kundenbindung sind nur einige von vielen Mehrwertansätzen für die Klinik.

Offenheit des Teilens von digitalen Krankheitsdaten (z. B. Gesundheitsakte) mit Ärzten und Kliniken

Basis: EPatient Survey 2017

Meines Erachtens hat der Grund, weshalb rein app-, und somit, webbasierte Ansätze von Kliniken für Patienten nur selten eingesetzt werden, zwei Seiten: Zum einen existiert im betriebswirtschaftlichen sowie medizinischen Klinikmanagement weder ausreichendes Marktwissen noch das Potenzial simpler digitaler Patientendienste. Häufig werden Ansätze dieser Art auch mit siebenstelligen Budgets und mittleren IT-Revolutionen gleichgesetzt -  nichts steht dem ferner. Zum anderen fällt es, zumindest auf den ersten Blick, natürlich schwer, einen derzeit relativ überlasteten Stationsalltag mit diesen Ansätzen obendrein zu befrachten. Dabei würde beispielsweise der Hinweis einer Klinikapp für bestimmte OPs auf einem Entlassungsdokument mit einem für diese OP und diesen Patienten (anonym) vordefiniertem Code einen simplen Anfang darstellen.

Weitere Ergebnisse
Die hier von mir dargestellten Ergebnisse sind als Erstergebnisse zu sehen. Die Auswertung der Datensätze nach Nutzersegmenten, Früh- und Spätanwendern sowie Behandlungspfad, Erkrankung und weiteren Variablen ist noch nicht abgeschlossen. Für Versorger, Hersteller, Krankenversicherungen, Start-ups, aber auch die Gesundheitspolitik, sind die Erkenntnisse des EPatient Survey eine wesentliche Grundlage, digitale Gesundheitsanwendungen fundiert zu planen und patientenzentriert umzusetzen. Insgesamt liegen derzeit noch zu wenig empirische und klinische Erkenntnisse zur Wirkungsweise digitaler Patientendienste in Deutschland vor. Dabei ebnet erst eine fundierte Evaluation digitaler Patientendienste deren Übernahme in die Regelversorgung und damit deren Erstattung.

Alexander Schachinger

Geschäftsführer, EPatient RSD GmbH

Geschäftsführer der EPatient RSD GmbH in Berlin, einem Marktforschungs- und Beratungsunternehmen für digitale Patientenstrategien. Er promovierte 2013 zum Thema „Der digitale Patient“. Nach dem Studium der Medienökonomie in Berlin und Toronto arbeitete er bei internationalen Herstellern sowie Digitalagenturen.

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