Im Wettlauf mit der Zeit

Computergestützte klinische Entscheidungsfindungssysteme helfen Medizinern, trotz des rasch veraltenden medizinischen Fachwissens, Diagnosen und Behandlungspfade auszuwählen, die auf dem neuesten Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis basieren.

By
Cornelia
Wels-Maug

Laut Ginni Rometti, Chairman, Präsident und CEO von IBM, verdoppelt sich das medizinische Wissen alle 75 Tage. Das rasante Wachstum des medizinischen Wissens stellt eine Herausforderung für die Ärzteschaft dar, da sie versuchen muss, mit dem rapiden Erkenntnisfortschritt in ihrer Disziplin mithalten zu können. Auf medizinischer Evidenz basierende klinische Systeme zur Entscheidungsstützung nehmen sich dieser Herausforderung an und wollen Mediziner in die Lage versetzten, bessere Entscheidungen bei der Diagnose beziehungsweise der Wahl der Behandlung zu treffen, um so den Behandlungserfolg zu erhöhen.

Die Grenzen des individuellen Wissens

Die Onkologin Tufia C. Haddad, M. D., die an der brustdiagnostischen Klink der Mayo Clinic in Rochester, USA, arbeitet, brachte dies anlässlich einer Diskussion bei der HIMSS 2017, auf den Punkt: “Es ist eine zunehmende Herausforderung, mit dem medizinischen Wissen Schritt zu halten, da es sich exponentiell verdoppelt. 1950 verdoppelte sich das medizinische Wissen innerhalb von 50 Jahren, heute dagegen braucht es nur noch 75 Tage. Zu dem Zeitpunkt, zu dem ein Medizinstudent seine Arbeit als Arzt aufnimmt, kennt er ungefähr 6 Prozent des gegenwärtigen medizinischen Wissens“.

Welche Gefahren dies für Patienten birgt, erklärt Dr. Samuel Nussbaum, Executive Vice President und Chief Medical Officer von Anthem, einem führenden amerikanischen Krankenversicherer. Er verweist darauf, dass etwas weniger als die Hälfte der Patientenversorgung weder konform mit den klinischen Evidenzstandards für Qualität noch Behandlungsergebnisse ist. Angesichts des schnellen Erkenntnisfortschritts in der Medizin und dem Mangel an medizinischer Evidenz ist dies nicht verwunderlich.

Gerade in kritischen Situationen, beispielsweise, wenn sich der Zustand eines Patienten auf der Intensivstation plötzlich lebensbedrohlich verschlechtert und Ärzte innerhalb kürzester Zeit über eine adäquate Behandlung entscheiden müssen, würden viele Mediziner gerne auf ein System zugreifen können, das spezifische Informationen aus der Patientenakte mit auf Evidenz basierten medizinischen Erkenntnissen verbindet und Diagnose- sowie Behandlungsempfehlungen gibt.

Den Arzt unterstützen, nicht ersetzen!

Dabei ist ganz klar, dass solch ein System nicht den Arzt ersetzen, jedoch helfen soll, Fehlentscheidung, die auf mangelnde Informationen zurückzuführen sind, entgegenzuwirken. Computergestützte klinische Entscheidungsunterstützungssysteme decken dabei verschiedenste Aspekte ab, beispielsweise (computergestützte) Alarmrufe und Erinnerungen für Mediziner und Pfleger, klinische Leitfäden oder Dokumentenvorlagen bis zu Watson Health. Die Europäische Gesellschaft für Radiologie, ihrer amerikanischen Schwesterorganisation folgend, hat mittlerweile Leitlinien für die Anforderung radiologischer Bilder entwickelt. Diese werden gerade in ein elektronisches Entscheidungsunterstützungssystem umgesetzt, das dann europaweit zur Verfügung stehen soll. 

Integrierte oder eigenständige Konzepte zur Entscheidungsunterstützung?

Ein elektronisches System zur Entscheidungsunterstützung kann sowohl Bestandteil des elektronischen Patientenaktensystems sein oder aber als eine eigenständige Lösung angeschafft werden. Die größte Herausforderung besteht darin, eine solche Lösung in den bestehenden Arbeitsablauf einer Institution zu integrieren. Zudem sind oft keine geeigneten Schnittstellen dazu vorhanden, insbesondere zu den Patientenakten, da deren Hersteller oft nicht ihre Datenmodelle offenlegen wollen.

Obgleich die technischen Herausforderungen nicht trivial sind, ist die größte Hürde des Einsatzes von elektronischen Systemen zur Entscheidungsunterstützung doch eher in kulturellen Faktoren zu finden, der Resistenz vieler Mediziner.

 

Cornelia Wels-Maug

erforscht seit 21 Jahren den Einsatz von IT in diversen Industriesektoren und hat sich vor fast zehn Jahren auf den Gesundheitsmarkt spezialisiert. Sie verfasst Artikel, Fallstudien und Weißbücher über den weltweiten Markt für IT im Gesundheitswesen undhält Vorträge und Webinare. Gleichzeitig ist sie auch als Analystin für den internationalen Gesundheitsmarkt bei einer englischen Firma tätig.

David und Goliath

Ohne künstliche Intelligenz und Datenanalyse nicht wettbewerbsfähig?

Translationale Medizin braucht Infrastruktur

Wenn Forschen und Heilen sich gegenseitig befruchten

HIMSS Impact 17

Wirkungskraft von Big Data im Gesundheitswesen erschließen