Ein Gebiet im Umbruch – Telemedizin

Das Fernbehandlungsverbot wurde in vielen Bundesländern aufgehoben, dementsprechend wachsen die diesbezüglichen Serviceangebote. Noch ist die Zahl der Ärzte und Patienten, die Telemedizin nutzen, gering.

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Cornelia
Wels-Maug

Mit dem Fall des Fernbehandlungsverbots durch eine Änderung der Berufsordnung (§ 7 Abs. 4 MBO-Ä) während des letzten Deutschen Ärztetags im Mai 2018 wurde die Basis für eine zeitgemäße Patientenversorgung mithilfe von Kommunikationsmedien geschaffen. Sofern im Einzelfall ärztlich vertretbar, ist „eine ausschließliche Beratung oder Behandlung über elektronische Kommunikationsmedien“ zulässig, heißt es in der Neufassung des Paragrafen. Allerdings herrschte die einhellige Meinung auf dem Ärztetag, dass die persönliche Betreuung die Norm bleiben soll.

Bis vor nicht allzu langer Zeit stellten einige telemedizinische Modellprojekte in Baden-Württemberg die einzigen Ausnahmen zum Verbot der Fernbehandlung in Deutschland dar (wir berichteten), in der Zwischenzeit sind immer mehr Landesärztekammern der Empfehlung des Deutschen Ärztetags gefolgt. Bisher haben Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Bremen, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und Thüringen (stand November 2018) das ausschließliche Fernbehandlungsverbot umgestoßen. Bei einigen Bundesärztekammern steht die Entscheidung darüber noch aus.

Zögerliche Nutzung telemedizinischer Optionen

“Telemedizin ist ein Gebiet im Umbruch”, erklärt Dr. Alexander Wolff von Gudenberg, Ärztlicher Institutsleiter, Kasseler Stottertherapie. Obwohl das Thema in aller Munde ist, wird ein Angebot wie die Onlinesprechstunde seiner Einschätzung nach weit weniger nachgefragt, als man denken könnte.

Auf seinem Gebiet, der Sprachpathologie, aber auch bei anderen Indikationen, finden die neuen Online-Möglichkeiten in der Diagnose, der Therapie und dem Monitoring jedoch immer mehr Beachtung. Von Gudenberg hat sich durch die Entwicklung von Präsenz- und Onlinetherapien zur Behandlung von Sprech-, Sprach- und Stimmstörungen verdient gemacht (wir berichteten). „Durch die Onlinetherapie kann man Therapeuten ein weiteres Tool an die Hand geben. Sie ist die ideale Ergänzung für die klassische Präsenztherapie“, findet er. Aber sie bewährt sich auch als eigenständige Therapieform: „Eine reine Onlinetherapie wird zunehmend von den Krankenkassen bezahlt und sie ist genauso effektiv, wie die Präsenztherapie“, verweist von Gudenberg auf die Ergebnisse diesbezüglicher Untersuchungen.

Aber der Bereich der Sprachtherapie ist nur eine von mehreren Anwendungsgebieten der Telemedizin, die unter anderem auch auf den Gebieten Notfallmedizin, Kardiologie, Multiple Sklerose, Parkinson sowie anderen neurologischen Erkrankungen eingesetzt wird. Auch bei Telekonsilen innerhalb der Ärzteschaft und den in Deutschland noch ganz am Anfang stehenden Chatbots handelt es sich um Formen der Telemedizin. Letztere sind Computerprogramme, die es erlauben über Textein- und -ausgabemasken eine natürliche Unterhaltung zu führen. Dabei greifen die Bots auf große Datenbestände zurück. In Deutschland ist das in Berlin ansässige Unternehmen Ada Health mit seiner Chatanwendung erst seit wenigen Jahren unterwegs, kann aber weltweit derzeit circa 4 Millionen Nutzer vorwiesen.

Mittlerweile gibt es eine Vielzahl von telemedizinischen Angeboten auf dem deutschen Markt. Beispielsweise „TelePark“ (wir berichteten) zur telemedizinischen Betreuung von Parkinsonpatienten, DocDirect in Baden-Württemberg und „Doccura“ für die Videosprechstunde in Bayern. „NephroTeTe“ in Nordrhein-Westfalen widmet sich der konsiliarischen Mitbeurteilung von Patienten mit akutem Nierenversagen und chronischen Nierenkrankheiten durch Spezialisten, um eine effektivere und effizientere Behandlung zu ermöglichen. Das Online Portal Dr. Ed behandelt von England aus auch Patienten in Deutschland. Die Schön Klinik bietet mit „MindDoc“ seit Januar 2018 eine Online-Psychotherapie für Depression und Essstörungen an; Caspar-Health hat eine virtuelle Rehabilitationsplattform entwickelt, die eine Online-Rehabilitation unterstützt (wir berichteten). Die Liste der Anwendungsbeispiele wächst stetig, wie aber werden diese Angebote sowohl von der Ärzteschaft als auch von den Patienten aufgenommen?

Wie weit hat sich der Nutzen von Telemedizin herumgesprochen?

In der Schweiz ist die Telemedizin schon im zweiten Jahrzehnt erfolgreich im Einsatz: Bereits „13% der Bevölkerung sind in einem Telemed-Modell versichert und alleine die vier grössten telemedizinischen Anbieter (Medgate, Medi24, Monvia, Santé24) zusammen verzeichnen rund 2,5 Millionen Patientenkontakte pro Jahr – Tendenz zunehmend“, berichtet die Schweizer Ärztezeitung in ihrer jüngsten Ausgabe. Die Mehrheit der Patienten in der Schweiz wünscht es sich, mit dem Arzt via Messenger oder E-Mail zu kommunizieren.

Telemedizin aus Ärztesicht

Anders dagegen sieht es in Deutschland aus. Darf man den 2.313 Ärzten, die gegen Ende des letzten Jahres im Rahmen des DAK-Digitalisierungsreports 2019 „Was Ärzte über die Digitalisierung des Gesundheitswesens denken“ befragt wurden, Glauben schenken, so ist die Nutzung von Telemedizin noch nicht sehr weit verbreitet. So haben 9 Prozent der Ärzteschaft schon einmal konkret mit der Videosprechstunde zu tun gehabt, 88 Prozent haben schon einmal davon gehört, wohingegen 3 Prozent noch nie davon gehört haben. Immerhin ist der Prozentsatz der Ärzte, die schon einmal mit der Videosprechstunde zu tun hatten, um einen Prozentpunkt von 8 Prozent in 2018 auf 9 Prozent in diesem Jahr gestiegen. Das Telekonsil dagegen erfreut sich eines höheren Benutzerkreises: 16 Prozent der Ärzte haben es schon einmal genutzt, 74 Prozent haben davon gehört und 10 Prozent ist das Konzept unbekannt. Chatbots, so die Untersuchung, sind noch wesentlich unbekannter in der Ärzteschaft: 47 Prozent haben noch nie davon gehört, 46 Prozent haben davon gehört, doch wirklich Chatbots genutzt, haben erst 6 Prozent.

Dr. Asarnusch Rashid, Geschäftsführer des Zentrums für Telemedizin Bad Kissingen, weiß aus erster Hand, dass viele Gesundheitseinrichtungen noch vor der Digitalisierung zurückschrecken: „Die Kosten der Digitalisierung sind hoch und das macht sie, vermeintlich, nicht so attraktiv.“ Erst, wenn die Einrichtung dadurch zusätzliche Dienstleistungen für ihre Patienten aufbauen kann, ändert sich die Wahrnehmung des Mehrwerts, den die Digitalisierung schafft, erläutert er.

Telemedizin aus Patientensicht

Die gerade vorgelegte StudieD21-Digital-Index 2018/2019, untersucht das Ausmaß der Digitalisierung der Gesellschaft in Deutschland. Auch das Thema Telemedizin wird dabei beleuchtet (wir berichteten). Jeder Vierte (27 Prozent) kann sich den Einsatz von Telemedizin vorstellen, bei den 30 bis 39-Jährigen sind dies sogar 40 Prozent. Lediglich 1 Prozent der Befragten hat Ferndiagnose oder -therapie bereits genutzt, aber noch 54 Prozent der Bevölkerung haben diese telemedizinischen Möglichkeiten bisher weder genutzt, noch möchten dies in Zukunft tun. Laut Report wächst die Bereitschaft zu dieser e-Health-Anwendung mit dem Bildungsgrad und ist in den mittleren Generationen zwischen 30 und 49 Jahren am größten.

Rashid erlebt durch seine Arbeit am Telemedizinzentrum Bad Kissingen, dass die Akzeptanz von Telemedizin hoch ist, wenn sie es erlaubt, dass „ein Patient im direkten Kontakt zum Arzt steht“. Er verweist dabei auf das Beispiel von Patienten mit Herzinsuffizienz, die nach der Entlassung aus dem Krankenhaus dank Telemonitoring die Möglichkeit haben, mit dem behandelnden Spezialisten kommunizieren zu können.

Die Zukunft von Telemedizin

Auch die Entwickler telemedizinischer Lösungen haben es nicht einfach, der Weg bis zu einem marktfähigen Produkt ist steinig. „Neun von zehn Start-ups scheitern“, weiß von Gudenberg. Die Gründe für ein Scheitern sind vielfältig und rangieren von zu großen Herausforderungen, wenn es um das Erbringen von Evidenzen und Nachweisen geht, damit ein Produkt als Heilmittel bzw. Medizinprodukt anerkannt werden kann, bis hin zu komplexen IT-Anforderungen sowie mangelnder Fähigkeit, erfolgreiche Selektivverträge mit Krankenkassen auszuhandeln. Um größere Chancen zu haben, diese Hürden zu umschiffen, empfiehlt von Gudenberg Start-ups, sich zusammenschließen und sich von Experten dabei helfen zu lassen, Selektivverträge mit Krankenkassen auszuhandeln. „Das macht Sinn, man braucht die Erfahrung und das Wissen, mit welchem Selektivvertrag man sich am besten an eine Kasse wenden kann“, rät er.

Auch Gesundheitsinstitutionen sind gut beraten, wenn sie auf die Expertise anderer Telemedizinanbieter vertrauen, so wie das Rhön-Klinikum, das erst kürzlich die Gründung von „Medgate Deutschland“ gemeinsam mit einem der erfolgreichsten „Veteranen“ auf diesem Feld, der schweizer Firma Medgate, angekündigt hat (wir berichteten). Dies wird sowohl Ärzten und Patienten die Gelegenheit bieten, sich selbst eine Meinung über den Nutzen von Telemedizin zu bilden.

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Cornelia Wels-Maug

erforscht seit 21 Jahren den Einsatz von IT in diversen Industriesektoren und hat sich vor fast zehn Jahren auf den Gesundheitsmarkt spezialisiert. Sie verfasst Artikel, Fallstudien und Weißbücher über den weltweiten Markt für IT im Gesundheitswesen undhält Vorträge und Webinare. Gleichzeitig ist sie auch als Analystin für den internationalen Gesundheitsmarkt bei einer englischen Firma tätig.

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