Gesünderes Kinzigtal?

Integrierte Versorgung im Kinzigtal führt nicht nur zu mehr Transparenz und darauf basierender Behandlungs- und Kosteneffizienz, sondern auch zu größerer Zufriedenheit bei Patienten und Ärzten. Sollte dies nicht mehr Nachahmer finden?

By
Cornelia
Wels-Maug

Das integrierte Versorgungsprojekt „Gesundes Kinzigtal“ blickt auf eine 11-jährige Geschichte zurück, die 2006 mit der Gründung des gleichnamigen Sozialunternehmens begann. Es ist mit dem Ziel angetreten, Gesundheit und Gesundheitsversorgung im Kinzigtal zu optimieren, konkret, „die Gesundheit der Bevölkerung zu unterstützen und zu stärken; die Abläufe im Gesundheitswesen so zu organisieren, dass die Patienten das als positiv empfinden (Patientenzufriedenheit) sowie die Wirtschaftlichkeit der Gesundheitsversorgung für die Versichertengemeinschaft zu sichern“.1

Im Sprachgebrauch des Sozialgesetzbuches wird die dort geschaffene Versorgungsform als „Integrierte Versorgung“ bezeichnet. Ende Dezember 2016 wurden 10.676 Menschen im Kinzigtal durch das Sozialunternehmen medizinisch versorgt, 700 mehr als im Vorjahr, so der gerade veröffentlichte Jahresbericht 2016.

Elektronische Patientenakte führt zu mehr Transparenz und Kostenersparnissen

Die Schaffung einer praxisübergreifenden und zentralen Patientenakte (ZPA) innerhalb des Unternehmens hat sich dabei als Angelpunkt erwiesen, da sie es ermöglicht, durch eine gesteigerte Transparenz bei der Arzneimittelverordnung, Reduktionen in der Vergabe von Medikamenten ― und dadurch zu verringerten Arzneimittelausgaben ― zu bewirken. Dabei zeigt die ZPA dem Arzt im eigenen Arztinformationssystem die Befunde der anderen Mitbehandler an und was diese demselben Patienten verordnet haben.

Der Jahresbericht 2016 wartet diesbezüglich mit konkreten Ergebnissen der Einsparungen auf: Im Versorgungsgebiet von Gesundes Kinzigtal wurden in allen Altersklassen im Jahr 2014 (die neuesten Vergleichsdaten des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi)) weniger Antibiotikatagesdosen verordnet worden als in Deutschland gesamt:  4202 Gesundes Kinzigtal versus 4740 für die Bundesrepublik. D. h., bei Gesundes Kinzigtal wurden in 2014 circa 11,4 Prozent weniger Antibiotikatagesdosen in Apotheken abgegeben als in Deutschland gesamt. Diese Berechnungen fußen auf einem Vergleich der Ergebnisse des Zi, das Daten der ambulanten Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland erfasst hat, mit den Ergebnissen, die das Unternehmen Gesundes Kinzigtal auf Basis der eigenen Auswertungen nach der Methodik des Zi erstellt hat.

Außerdem konnte dort auch ein verringerter stationärer Versorgungsbedarf verzeichnet werden. 2015 habe es dort hochgerechnet 355 weniger ambulant-sensitive Krankenhausfälle gegeben als im Bundesdurchschnitt, so der jüngste Jahresbericht.

Positive Gesamtbilanz

Die Mitte dieses Monates im Deutschlandfunk gesendete Dokumentation „Revolution im Kinzigtal“ von Anke Petermann2 zieht eine positive Bilanz über das Unterfangen: „Jeder Versicherte dieses Versorgungsmodells kostet jährlich durchschnittlich etwa 166 Euro weniger als im Bundesdurchschnitt … Teure Mehrfachuntersuchungen und gefährliche Doppelmedikation - dank elektronischer Patientenakte passé. Insgesamt sinkende Kosten. So ließe sich ein knappes Jahrzehnt Gesundes Kinzigtal zusammenfassen.“

Der Geschäftsführer Gesundes Kinzigtal, Dr. h. c. Helmut Hildebrandt, OptiMedis AG, die als eine der beiden Gesellschafter neben dem Medizinischen Qualitätsnetz, Ärzteinitiative Kinzigtal e.V. (MQNK), fungiert, quantifiziert den Erfolg des Gesunden Kinzigtals folgendermaßen:

„Wir haben für die beiden Krankenkassen [AOK Baden-Württemberg und Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG)] und ihre Versicherten, die hier im Kinzigtal ihren Wohnort haben, insgesamt 35.5 Millionen zusätzlichen Deckungsbeitrag erzeugt. Deckungsbeitrag ist dieses komplizierte Modell zwischen Einnahmen der Krankenkassen und realen Ausgaben. Das sind hier für so eine Region im Schnitt um die 75, 80 Millionen Euro Gesamtausgaben: Pflege, Arzneimittel, Krankenhaus, Arztkosten etc. So, diese 35, 5 Millionen, die wir da eingespart oder verbessert haben im Ergebnis für die Krankenkassen, wurden dann aufgeteilt ungefähr zwei Drittel zu uns und ein Drittel für die Krankenkassen, ungefähr zehn Millionen und etwas haben die Krankenkassen real gewonnen durch unsere Arbeit, über die neun Jahre."

Damit hat sich die Innovationsfreudigkeit der beiden Versicherer, bei denen fast die Hälfte der 70.000 Bewohner des Kinzigtals versichert sind, ausgezahlt. Zusammen hatten sie mit circa viereinhalb Millionen Euro die Anschubfinanzierung über zwei Jahre gestemmt. Ihre Mittel flossen damals in den Aufbau von Managementstrukturen, einer Qualitätssicherung, einer wissenschaftlichen Begleitung sowie der Integrierten Versorgung.

Wirklich gesünder …

Laut dem Bericht von Petermann punktet die integrierte Versorgung nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht, sondern auch in puncto Lebensqualität. Sie beschreibt, dass im Kinzigtal die Zahl der Krankenhauseinweisungen aus psychischen Gründen gegenüber dem bundesweiten Trend sinkt. Durch die enge Vernetzung von Hausärzten, Pflegediensten und Krankenhäusern kommt es seltener vor, dass Hochbetagte wegen Austrocknung ins Krankenhaus müssen. Senioren und chronisch Kranke jeden Alters berichten über mehr Lebensqualität und Ärzte über mehr Erfolgserlebnisse. Gut ist, dass dies gleichzeitig zu weniger Zuschussgeschäften seitens der Krankenhäuser führt ― eine Win-win-Situation für alle Beteiligten.

Weitere ‘gesunde’ Regionen?

Das Gesunde Kinzigtal findet auch Nachahmer in andere Regionen. In Hamburg, wo die OptiMedis AG angesiedelt ist, entsteht mit dem Pilotprojekt "Gesundheit für Billstedt/Horn“ ein großstädtisches Pendant zu dem Versorgungsmodell in der Schwarzwaldregion. Hildebrandt hat es gemeinsam mit einer Ärzteinitiative in den beiden benachteiligten Quartieren gegründet. Und auch die Metropolregion Rhein-Neckar hat Interesse an dem Modell bekundet.

1 Gesundes-Kinzigtal Jahresbericht 2016 – so gesehen am 29.08.2017

2 Deutschlandfunk Kultur – Revolution im Kinzigtal? – so gesehen am 29.08.2017

Cornelia Wels-Maug

erforscht seit 21 Jahren den Einsatz von IT in diversen Industriesektoren und hat sich vor fast zehn Jahren auf den Gesundheitsmarkt spezialisiert. Sie verfasst Artikel, Fallstudien und Weißbücher über den weltweiten Markt für IT im Gesundheitswesen undhält Vorträge und Webinare. Gleichzeitig ist sie auch als Analystin für den internationalen Gesundheitsmarkt bei einer englischen Firma tätig.

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