Genexpressionsdiagnostik im Vormarsch

Molekularpathologische Diagnostikmethoden helfen bei der Entscheidung, ob eine Chemotherapie wirklich hilft. Seit Kurzem können nicht nur Privatversicherte, sondern auch immer mehr gesetzlich versicherte Patientinnen mit Brustkrebs davon profitieren.

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Cornelia
Wels-Maug

Big Data ist nicht länger nur ein Thema für die Forschung und vereinzelte Exzellenzinitiativen, sondern wird mittlerweile auch zur Behandlung von Patienten eingesetzt. Ein konkretes Anwendungsbeispiel ist der Einsatz der Genexpressionsdiagnostik zur Behandlung von Brustkrebs.

In Zusammenarbeit mit dem Bundesverband Deutscher Pathologen (BDP) bieten bereits 39 Krankenkassen ihren Versicherten Gentests beim Vorliegen von Brustkrebs an, verlautbarte der BDP in der ersten Dezemberwoche. Zum 1. August 2017 hatte der BDP den ersten herstellerunabhängigen Selektivvertrag für Gentests als Entscheidungshilfe für oder gegen eine Chemotherapie bei Brustkrebs mit der Betriebskrankenkasse Verkehrsbauunion (BKK VBU) abgeschlossen. Innerhalb von vier Monaten sind nun weitere 38 Kassen mit zusammen mehr als vier Millionen Versicherten dem Integrationsvertrag beigetreten. Das Angebot gilt bundesweit und steht grundsätzlich allen gesetzlichen Krankenkassen offen. Der BDP betrachtet den Vertrag als Übergangslösung für die Zeit, "die die gesetzliche Krankenversicherung braucht, um kollektivvertragliche Regelungen zu finden".

Der BDP wertet das Interesse der Krankenkassen als Ausdruck, dass der Selektivvertrag auf einen fruchtbaren Boden gefallen sei: "Die Herstellerunabhängigkeit des Vertrags ist dabei von zentraler Bedeutung", äußert sich der BDP, sie erlaube es behandelnden Ärzten, genau den Test auszuwählen, der für ihre Patientinnen der individuell richtige sei. Die Festlegung auf eine einzige diagnostische Methode bezeichnet der Verband als nicht erstrebenswert. "Die Freiheit in der Wahl der richtigen Methode ist ein Grundpfeiler und zentrale Verantwortung ärztlichen Handelns sowohl allgemein als auch im Bereich der Genexpressionsdiagnostik." Allerdings muss der Test CE-zertifiziert sein.

Die Genexpressionsdiagnostik ist eine molekularpathologische Diagnostikmethode, die bei Brustkrebs hilft, am Tumorgewebe zu entscheiden, ob eine Chemotherapie tatsächlich notwendig ist. Zahlreiche klinische Studien der letzten 15 Jahre haben belegt, dass durch Genexpressionstests solche Patientinnen sicher identifiziert werden können, die keine Chemotherapie benötigen. Das erlaubt es, die Anzahl unnötiger Chemotherapien erheblich zu verringern und die betroffenen Frauen gezielter zu behandeln.

Genexpressionsdiagnostik konnte bisher nur über die Gebührenordnung für privatärztliche Leistungen (GOÄ) abgerechnet werden, wurde aber nicht von den gesetzlichen Krankenversicherungen getragen. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) eröffnete mit der im August 2016 neu gefassten Richtlinie zur Ambulanten Spezialfachärztlichen Versorgung (ASV) zur Behandlung von gynäkologischen Tumoren erstmals gesetzlich versicherten Brustkrebspatientinnen diese Diagnostik. Aufgrund der großen Hürden, ASV-Teams bilden zu können, konnten bis zum August dieses Jahrs nur wenige gesetzlich versicherte Patientinnen den Gentest über ihre Versicherung abrechnen. Um diese Versorgungslücke zu schließen, haben der BDP und die BKK VBU den ersten herstellerneutralen Selektivvertrag zu Genexpressionsdiagnostik bei Brustkrebs geschlossen.

Cornelia Wels-Maug

erforscht seit 21 Jahren den Einsatz von IT in diversen Industriesektoren und hat sich vor fast zehn Jahren auf den Gesundheitsmarkt spezialisiert. Sie verfasst Artikel, Fallstudien und Weißbücher über den weltweiten Markt für IT im Gesundheitswesen undhält Vorträge und Webinare. Gleichzeitig ist sie auch als Analystin für den internationalen Gesundheitsmarkt bei einer englischen Firma tätig.

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