Flickenteppich Europa

In vielen Teilen Europas ist die Gesundheits-IT weiterhin unterfinanziert und genießt nicht ausreichend politische Unterstützung. Die Konsequenz ist, dass viele medizinische Einrichtungen längst nicht so digitalisiert sind, wie sie sein könnten.

Das ist ein Kernergebnis des von HIMSS Analytics durchgeführten European eHealth Survey 2017. Die Ergebnisse zeigen auch, dass die Prioritäten in Sachen Gesundheits-IT von Land zu Land stark variieren. Was nicht variiert, ist die zunehmende Bereitschaft von eHealth-Experten, Führungskompetenz zu erwerben.

Für den diesjährigen Annual European eHealth Survey wurden insgesamt 559 Experten für Medizin oder Gesundheits-IT aus ganz Europa mit Hilfe eines Internet-Fragebogen interviewt. Die Umfrage zielt traditionsgemäß auf den Gesundheits-IT-Markt in seiner gesamten Breite: 4 von 10 Teilnehmern kamen aus medizinischen Einrichtungen, 2 von 10 aus Software-Unternehmen, einer von 10 aus Einrichtungen der öffentlichen Gesundheitsverwaltung und 3 von 10 aus anderen Organisationen, darunter Forschungseinrichtungen und Universitäten, Beratungsunternehmen und Hardware-Hersteller.

Europaweit gelten die Implementierung elektronischer Patientenakten und der Gesundheitsdatenaustausch zwischen medizinischen Einrichtungen als Prioritäten in Sachen eHealth. 23% der Umfrageteilnehmer gaben an, dass elektronische Patientenakten eine Top-Priorität seien, und 17% aller Umfrageteilnehmer sagten das vom einrichtungsübergreifenden Gesundheitsdatenaustausch. Ganz einheitlich sind diese Quoten nicht: Angesichts dessen, dass 29% der Angehörigen medizinischer Einrichtungen, aber nur 18% der Vertreter von Softwareunternehmen, elektronische Patientenakten als Top-Priorität erwähnen, könnte man rückschließen, dass der Druck zur Umsetzung digitaler Akten in medizinischen Einrichtungen von Seiten der Industrie etwas unterschätzt wird.

Die regionale Detailanalyse zeigt wenig überraschend, dass der Aufbau elektronischer Patientenakten vor allem in Mitteleuropa ein drängendes Thema ist. Rund ein Drittel aller Umfrageteilnehmer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz nennen die Patientenakten als Top-Priorität für medizinische Einrichtungen, gegenüber lediglich 9% in den Niederlanden, 11% in den nordischen Staaten und 5% in Spanien. Dies dürfte den höheren Grad an Digitalisierung widerspiegeln, den diese Länder im Vergleich zu den mitteleuropäischen Staaten bereits erreicht haben. Großbritannien liegt mit einer Quote von 22% im Mittelfeld.

(Fast) Niemand interessiert sich für Patientenrechte

Wie sieht es mit den eHealth-Prioritäten in Ländern aus, bei denen die elektronische Patientenakte nicht ganz vorn auf der Agenda steht? Relativ auffallend ist, dass der Zugang von Patienten zu digitalen Information von den befragten Experten offensichtlich als nicht besonders dringlich angesehen wird. In den meisten europäischen Ländern sagen lediglich 3% bis 9% der Befragten, dass es für medizinische Einrichtungen höchste Priorität haben sollte, Patienten einen digitalen Zugang zu ihren Daten zu verschaffen.

Es gibt aber zwei Ausnahmen. Das eine sind die nordischen Länder, in denen 15% der Befragten zu Protokoll gaben, dass Patientenzugang zu digitalen Gesundheitsdaten eine Top-Priorität sei. Nochmal deutlich höher ist diese Quote in den Niederlanden, wo satte 32% der Befragten dem Thema Patientenzugang eine Top-Priorität zuweisen. Das könnte darauf hindeuten, dass die Digitalisierung des Gesundheitswesens in diesen Regionen nicht nur technisch, sondern vor allem auch mental schon weiter fortgeschritten ist als anderswo.

Spannend sind auch die Daten zur Cybersicherheit. Hier liegt Großbritannien, wo im Sommer die WannaCry-Attackenserie weite Teile des NHS lahmlegte, weit vorn: Für 19% der Befragten ist die Sicherheit dort eine Top-Priorität. Auch in den deutschsprachigen Ländern wird das Thema für wichtig gehalten, in den meisten anderen Ländern dagegen läuft es erstaunlicherweise unter ferner liefen.

Was sind die großen Trends der kommenden Jahre?

Die europäischen eHealth-Experten wurden auch gefragt, was sie für die größten eHealth-Trends der nächsten Jahre halten. Das Spektrum der Antworten war hier relativ breit. Persönliche Gesundheitsakten wurden von 17% der Teilnehmer genannt, den Gesundheitsdatenaustausch nannten einmal mehr 13%. Es folgten die Implementierung elektronischer Patientenakten (11%), das Selbst-Monitoring der Patienten (11%), die Datenanalytik (9%) und die Umsetzung von telemedizinischen Dienstleistungen (9%).

Auch hier gibt es wieder deutliche Unterschiede zwischen den Trends, die die Experten für ihre jeweiligen Märkte als besonders relevant erachten. In den Niederlanden werden die persönlichen Gesundheitsakten mit einer Zustimmungsquote von 31% als der größte Trend gesehen. Das überrascht angesichts der Pläne für die unter dem Stichwort MedMij-Framework diskutierte Einführung von internationalen Standards für elektronische Gesundheitsakten in den Niederlanden nicht. In Großbritannien und Spanien liegen die persönlichen Gesundheitsakten dagegen nur bei Zustimmungsquoten von 9% bzw. 11%, was insbesondere in Spanien die Tatsache reflektieren dürfte, dass dort ein etwas anderes architektonisches Konzept bei der Umsetzung einer elektronisch integrierten Aktenlandschaft verfolgt wird.

Telemedizin ist ein weiteres Beispiel dafür, wie unterschiedlich die Trends in den unterschiedlichen Regionen Europas eingeschätzt werden. Mit einer Zustimmungsrate von 29% sticht hier unter anderem Österreich hervor. Hintergrund dürfte sein, dass die österreichische Regierung und Sozialversicherung eine standardisierte Telemedizin-Rahmenarchitektur voranbringen und diese in die dortige elektronische Patientenakte ELGA integrieren möchten. Auch in Deutschland wird die Telemedizin als ein ziemlich wichtiger Trend der nächsten Jahre gesehen: 23% der Experten äußerten sich in dieser Richtung. In den Niederlanden und den nordischen Staaten sind die Quoten deutlich geringer, nicht weil Telemedizin dort irrelevant wäre, sondern weil telemedizinische Szenarien dort bereits viel zu verbreitet sind, um als „aufkommender Trend“ klassifiziert zu werden.

Die Medikalisierung der IT schreitet voran

Der European eHealth Survey von HIMSS Analytics hat sich auch mit der Frage beschäftigt, wie Gesundheits-IT auf der Ebene der medizinischen Einrichtungen organisiert wird. Es gab in den letzten Jahren einen breiten Trend dahingehend, dass die Gesundheits-IT „klinischer“ wurde, was sich in einigen Ländern unter anderem darin niederschlug, dass Posten wie ein „Chief Clinical Information Officer“ (CCIO) oder ein „Chief Nursing Information Officer“ (CNIO) geschaffen wurden. Europaweit sagten 40% der Experten, dass es in ihrer medizinischen Einrichtung einen CCIO gebe, und immerhin 15% sagten, dass es auch einen CNIO gebe.

Die Unterschiede sind allerdings enorm. Während in den Niederlanden die Quoten bei 60% bzw. 14% liegen, und nur 14% zu Protokoll gaben, dass es überhaupt keinen klinisch ausgerichteten IT-Verantwortlichen gebe, war es in Deutschland mehr oder weniger umgekehrt. 73% der Befragten gaben an, dass es in ihrer Einrichtung keinen klinisch ausgerichteten IT-Verantwortlichen gebe. Nur jeweils 12% gaben an, über einen CCIO oder einen CNIO zu verfügen. Weit vorne liegt auch Großbritannien, mit 55% CCIOs und satten 24% CNIOs. In Italien haben 40% der bei der Befragung berücksichtigten Einrichtungen einen CCIO, aber auch 47% überhaupt keinen klinischen IT-Experten.

Zum Thema Geld und Finanzierung: Die Quintessenz hier lautet, dass Gesundheits-IT in Europa weiterhin deutlich unterfinanziert ist. Nur einer von drei Experten aus medizinischen Einrichtungen sagte, dass seine Organisation ein ausreichendes IT-Budget dafür habe. Zwei von dreien sehen das anders. In jedem einzelnen europäischen Land außer der Schweiz sagt eine Mehrheit der Experten, dass das Budget zu klein sei.

Die Unterfinanzierung spiegelt sich in einer allenfalls durchschnittlichen digitalen Reife der medizinischen Einrichtungen. Die meisten Experten sehen ihre Einrichtung auf einer Skala von 1 bis 10 bei etwa 6. Experten in Italien und Spanien sind etwas selbstbewusster, Irland hingegen schneidet mit 4,4 Punkten in der Selbstbewertung unterdurchschnittlich ab. Das ist deswegen interessant, weil dies die drei Länder sind, in denen die Experten die Gesundheits-IT für besonders unterfinanziert halten. Mit anderen Worten: Das Gefühl der Unterfinanzierung und die digitale Reife korrelieren nicht miteinander. Oder: Es lässt sich mit begrenzten Budgets einiges erreichen, wenn man denn will.

 

Erschienen in: Insights 6.1

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