Wie Europa seine Gesundheitssysteme transformiert

Elektronische Gesundheitsakten wandeln sich in den mitteleuropäischen Gesundheitssystemen hin zu IHE-Infrastrukturen und damit in Richtung Interoperabilität. Einige sind schon ziemlich weit fortgeschritten. Bei anderen verläuft der Fortschritt äußerst langsam.

Die Europäische Kommission verfolgt bereits seit einigen Jahren das Ziel, Interoperabilität und internationale Standards für die Digitalisierung der europäischen Gesundheitssysteme zu schaffen. Weit vor anderen Teilen der Welt hat das europäische epSOS-Projekt vor einem Jahrzehnt begonnen, eine auf internationalen Standards basierende europäische Patientenzusammenfassung zu erstellen.

Seitdem hat sich die europäische Patientenzusammenfassung über Europa hinaus weiterentwickelt und ihren Weg in das weltweite Bestreben gefunden, eine „Internationale Patientenzusammenfassung“ oder IPS zu entwickeln. Die von CEN/ISO koordinierte IPS ist eine der ehrgeizigsten Interoperabilitätsbemühungen mit einer klar internationalen Agenda weltweit.

International standardisierte Patientenzusammenfassungen wurden bisher jedoch nicht häufig verwendet, auch nicht in Europa, wo sie erfunden wurden. Die IT-Realität im Gesundheitswesen in vielen Teilen Europas besteht darin, dass die meisten IT-Systeme in Krankenhäusern und ambulanten Versorgungseinrichtungen in der Regel nicht in der Lage – oder die IT-Anbieter nicht bereit – sind, diese Datensätze zu implementieren.

Und – in Anlehnung an diese Realität – sind nationale elektronische Patienten- oder Patientenaktenprojekte häufig nicht weit genug fortgeschritten, um standardisierte Patientenzusammenfassungen zu erstellen oder zu lesen, sodass wirklich interoperable grenzüberschreitende Szenarien in der Gesundheitsfürsorge weitgehend Fiktion bleiben.

EIN MUTIGER SCHRITT: DAS EUROPÄISCHE AUSTAUSCHFORMAT FÜR PATIENTENAKTEN

Die Europäische Kommission ist sich dieser Probleme seit Jahren bewusst. Und letztes Jahr hat sie beschlossen, einen weiteren Schritt zu unternehmen und ein „europäisches Format für den Austausch elektronischer Patientenakten“, kurz eHRXF, zu empfehlen. Dieses wurde Anfang des Jahres veröffentlicht. Die Empfehlung wurde allgemein als kühner Schachzug angesehen und löste sowohl Begeisterung als auch Nervosität aus. Sie stützt sich auf frühere Arbeiten der Europäischen Kommission, einschließlich einer umfassenden Liste empfohlener IHE-Profile, die verwendet werden sollten, um die grenzüberschreitende Interoperabilität zwischen europäischen Projekten für elektronische Patientenakten zu erreichen.

Was das Gesundheitswesen anbelangt kann die Europäische Kommission allerdings nur Empfehlungen aussprechen, da dieses nicht in die Zuständigkeit von Brüssel fällt. Einem Argument zufolge sollte die EU, die im Allgemeinen für digitale Infrastrukturen zuständig ist, daher auch das Recht haben, Kommunikationsstandards für die IT im Gesundheitswesen zu definieren.

Aber so funktioniert die Europäische Union nicht. Um die grenzüberschreitende Interoperabilität in Europa zu verwirklichen, müssen die nationalen Regierungen dies wollen und vereinbarte IHE-Profile und -Datensätze wie das IPS aktiv in ihren nationalen IT-Projekten im Gesundheitswesen implementieren.

LUXEMBURG PLANT DIE IMPLEMENTIERUNG VON EHDSI-PATIENTENZUSAMMENFASSUNGEN

Genau damit wird nun begonnen. Im Rahmen der europäischen Infrastruktur für digitale Gesundheitsdienste (eHDSI) unter der Einrichtung „Connecting Europe“ (CEF) haben immer mehr EU-Mitgliedstaaten nationale Kontaktstellen für elektronische Gesundheitsdienste (NCPeH) eingerichtet, die als technische und semantische „Adapter“ zwischen den IT-Infrastrukturen im Gesundheitswesen verschiedener Mitgliedstaaten fungieren.

Finnland und Estland waren die ersten EU-Mitgliedstaaten, die im Januar 2019 den grenzüberschreitenden Austausch von elektronischen Verschreibungen außerhalb von Pilotprojekten ermöglichten. Seitdem konnten mehr als 1.000 finnische Staatsbürger eine Apotheke in Estland betreten und von ihren Ärzten in Finnland elektronisch verschriebene Medikamente beziehen. Im Sommer 2019 folgen die Patientenzusammenfassungen.

Zum ersten Mal werden medizinische Datensätze, die die Krankheitsgeschichte einer Person zusammenfassen, außerhalb von Pilotprojekten zwischen EU-Mitgliedstaaten hin und her verschoben. Einer der Vorreiter bei der Umsetzung der grenzüberschreitenden Nutzung elektronischer Patientenzusammenfassungen ist Luxemburg, wo die Agence eSanté, die die Digitalisierung des luxemburgischen Gesundheitssystems koordiniert, als NCPeH fungiert:

„Ab Mitte 2019 können Besucher aus anderen europäischen Ländern, die eine medizinische Behandlung in Luxemburg benötigen, diesen Dienst nutzen“, so Heiko Zimmermann, CDIO von Agence eSanté, gegenüber HIMSS Insights. „Angehörige der Gesundheitsberufe in Luxemburg können die Patientenzusammenfassung aus dem Herkunftsland des Patienten einsehen, um sich einen Überblick über die aktuelle Gesundheitssituation des Patienten zu verschaffen und dessen medizinische Behandlung zu unterstützen.“

NOCH NICHT GANZ EIN IPS, ABER AUF DEM RICHTIGEN WEG DORTHIN

Natürlich müssen Mitarbeiter des Gesundheitswesens mit dem neuen Service vertraut gemacht werden. Aus diesem Grund informiert Agence eSanté Fachkräfte im Gesundheitswesen – insbesondere Allgemeinmediziner und Rettungskräfte – über den Hintergrund und die Nutzung der neu bereitgestellten Dienste im Rahmen ihres medizinischen Arbeitsablaufs. „Diese Dienste sind vollständig in die bestehende nationale eHealth-Plattform integriert und bieten Fachkräften im Gesundheitswesen einen zentralen Einstiegspunkt sowie eine sichere Authentifizierung“, so Zimmermann.

Anfangs wird die Patientenzusammenfassung in Luxemburg eine „Einbahnstraße“ sein. Im nächsten Schritt wird Agence eSanté den beidseitig gerichteten Dienst implementieren, so dass z.B. luxemburgische Patienten ihre Patientenzusammenfassung abrufen und hierdurch profitieren können, wenn sie von einer ausländischen medizinischen Fachkraft im Ausland behandelt werden, basierend natürlich auf ausdrücklicher Einwilligung des Patienten. In diesem Zusammenhang arbeitet Agence eSanté mit Ärzten und Akteuren des Gesundheitswesens zusammen, um die Patientenzusammenfassung in ein strukturiertes Dokument umzuwandeln, das sowohl den europäischen Leitlinien für Patientenzusammenfassungen als auch den Spezifikationen des CEN-IPS entspricht.

IHE IN ZENTRALEUROPA: ENDLICH EN VOGUE?

Luxemburg steht in Bezug auf die Implementierung der Patientenzusammenfassung nicht alleine da. Das zweite mitteleuropäische Land, in dem Ärzte ab Sommer auf Patientenzusammenfassungen aus anderen EU-Ländern zugreifen können, ist die Tschechische Republik. Auch Kroatien wird seinen Ärzten ab diesem Sommer den Zugriff auf Patientenzusammenfassungen aus dem Ausland ermöglichen, wobei der Schwerpunkt zu Beginn auf Patientenzusammenfassungen von tschechischen Besuchern liegt. Außerdem können Kroaten, die nach Estland reisen, in Kürze dort ihre elektronischen Verschreibungen verwenden.

Die jüngsten Erfolge unter dem Dach der eHDSI-Bemühungen können als Teil eines umfassenderen Trends angesehen werden: Die mitteleuropäischen Gesundheitssysteme bewegen sich endlich in Richtung der Umsetzung internationaler Standards. Einige Länder, insbesondere Österreich, haben diese Reise schon früh angetreten. In Österreich sind mittlerweile neun Millionen Bürger für die weitgehend IHE-basierte nationale elektronische Patientenakte ELGA registriert, auf die über einen Webbrowser oder eine mobile App zugegriffen werden kann. Derzeit werden elektronische Medikamentenlisten als Teil des ELGA-Systems eingeführt, und ab 2021 wird voraussichtlich eine digitale Impfanwendung folgen.

Österreich plant, seine ELGA-Aufzeichnungen auch für medizinische Anbieter zugänglich zu machen, die über Krankenhäuser, niedergelassene Ärzte und Apotheker hinausgehen. Im Juli 2018 hat das Land ein landesweites Gesundheitspersonalregister eingerichtet, in das sich Physiotherapeuten, Krankenschwestern, Optiker usw. bis zum 30. Juni 2019 eintragen müssen. Auf diese Weise erhalten Gesundheitsfachkräfte aller Art eindeutige digitale Identitäten, die Voraussetzung für die Teilnahme am ELGA-Netzwerk sind.

LÜCKEN ZWISCHEN PLÄNEN UND UMSETZUNG BLEIBEN

Selbst Deutschland, bekannt für seine streng geschützten, sehr nationalen IT-Standards für das Gesundheitswesen, scheint IHE-Profilen mit zunehmender Aufgeschlossenheit zu begegnen. Die nationale Gesundheits-IT-Organisation gematik hat kürzlich die erste Version ihrer technischen Spezifikation für elektronische Patientenakten in Deutschland veröffentlicht. Ein neues Gesetz verpflichtet die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland, bis 2021 elektronische Krankenakten anzubieten, die den gematik-Standards entsprechen.

Die gematik-Spezifikation stützt sich auf eine Reihe wichtiger IHE-Profile, einschließlich XDS. Zumindest im Moment kann dies jedoch nur als vorsichtiger Ansatz angesehen werden. Einer der Gründe, warum Deutschland mit IHE-Profilen viel weniger vertraut ist als beispielsweise Österreich, ist die komplexe und erneut sehr deutschlandspezifische Kommunikationsinfrastruktur, die das Gesundheitsministerium derzeit aufbaut, sowie Datenschutzanforderungen, die über das Maß anderer EU-Länder hinausgehen. In einer ungewöhnlichen öffentlichen Stellungnahme kritisierte IHE Deutschland die gematik-Spezifikation und erklärte, dass sie in ihrem derzeitigen Format nicht als IHE-konform angesehen werden könne.

Kurzfristig wird es jedoch keine wesentlichen Änderungen an der deutschen Spezifikation für elektronische Patientenakten geben. Gottfried Ludewig, Leiter Digitalisierung im Bundesgesundheitsministerium, hat deutlich gemacht, dass es nicht darum geht, die IHE einzuhalten, sondern bis 2021 eine Art standardisierte elektronische Gesundheitsakte auf den Weg zu bringen: „Es wird keine weiteren Verzögerungen geben.“

Die meisten IT-Akteure im Gesundheitswesen sind sich bewusst, dass dies später wahrscheinlich zu Schwierigkeiten führen wird. Aber der Beschluss wurde gefasst. Nach Angaben der EU werden bis 2021 etwa 22 EU-Länder einen grenzüberschreitenden Austausch von elektronischen Rezepten und Patientenzusammenfassungen eingeführt haben. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Deutschland unter ihnen sein wird. Aber zumindest wächst das Bewusstsein, dass dies die Richtung sein sollte, in die man sich bewegen muss.

###
Dies ist eine Übersetzung eines Artikels von Philipp Grätzel von Grätz, erschienen auf Healthcare IT News und erstmals veröffentlicht in der neuesten Ausgabe des HIMSS Insights eBook.

„Legen Sie los, die gematik kommt hinterher“

Facetten der ConhIT 18 ― Digitalisierung ist mehr Chance, denn Risikofaktor

„Unser Commitment für Tasy in Deutschland steht“

Interview mit Gerrit Schick, Business Group Manager Healthcare Informatics und Population Health Management Philips GmbH Market DACH

Gesucht: Change Manager für die Gesundheitspolitik

Blog von Philipp Grätzel von Grätz