Virtuelle Realität hilft Chirurgen und beruhigt Patienten

Der innovative Einsatz von virtueller Realität bei der Vorbereitung und Durchführung von Operationen erweist sich in Stanford Medicine als Win-win für Patienten, Chirurgen und solche, die das chirurgische Handwerk erlernen.

By
Cornelia
Wels-Maug

Stanford Medicine nutzt ein innovatives Softwaresystem, das die Bildgebung von MRTs, CT-Scans und Angiogrammen kombiniert, um ein dreidimensionales Modell zu schaffen, das Ärzte und Patienten wie ein Virtual-Reality(VR)-Spiel manipulieren können. Dabei hilft die Software des in Colorado ansässigen Startups „Surgical Theater“ Assistenzärzten und Chirurgen nicht nur dabei, eine bevorstehende Operation zu planen, sondern sie leitet Operateure während des Eingriffs im dreidimensionalen Raum an. Außerdem gibt sie Patienten mehr Einblick (im wahrsten Sinne des Wortes) über den bevorstehenden Eingriff.

Die Patientenperspektive

Nachdem sie zwei Aneurysma Operationen durchgemacht hatte, dachte Sandi Rodoni, dass sie alles über die Prozedur wusste. Aber als ihre dritte Operation anstand, wurde sie zu einer Virtual-Reality-Reise durch ihr eigenes Gehirn eingeladen. Nach Aufsetzen des Headsets, der mit dem VR-System verbunden war, konnte Rodoni das angeschwollene Blutgefäß deutlich sehen, ebenso die Stelle, an der ihr Neurochirurg, Gary Steinberg, MD, PhD, einen Clip zur Reparatur anbringen würde. "Weil ich das schon einmal durchgemacht hatte, dachte ich, ich wusste alles, bis ich das sah", sagte sie. "Ich fühlte mich dadurch besser, zu wissen, wie eindeutig es für den Arzt war."

Mittels VR können Patienten in ihre eigene Anatomie eintauchen. Das beruhigt die Patienten und erweist sich als besonders nützlich für junge Patienten oder solche, die nicht gut Englisch verstehen.

Bessere Ausbildung von Assistenzärzten

Der Unterricht für die Assistenzärzte findet in einem Kellerraum im Krankenhaus statt. Bei schwacher Beleuchtung und umgeben von drei riesigen Bildschirmen starten sie ihre Fahrt in den menschlichen Schädel: Nach dem Aufsetzen des Headsets werden sie von einem Dozenten, der als Avatar in einem weißen Mantel erscheint, durch das Gehirn eines Patienten geführt. Das System erlaubt es Dozenten, verschiedene Teile des Gehirns hervorzuheben, beispielsweise Arterien, um ein Aneurysma zu zeigen, Knochen, um Schädeldeformitäten sichtbar zu machen oder Gewebe, um auf einen Tumor hinzuweisen. Dabei können sie die Ansicht drehen, um zu demonstrieren, wie ein Tumor oder ein Aneurysma von verschiedenen Blickwinkeln aus sieht. Sie können auch als Avatare durch alle Schritte, die zum Entfernen eines Tumors oder zur Behebung eines Aneurysmas notwendig sind, führen.

Ein Fenster in das Gehirn

Im neurochirurgischen Simulationslabor üben Chirurgen eine bevorstehende Operation. Da sie mit den Bildern des Gehirns des konkreten Patienten statt eines Modells üben, können sie die Operation im Vorhinein planen. "Es ist ein Fenster in das Gehirn – und ein Fenster in das Gehirn desjenigen Patienten, den wir operieren werden", sagte Anand Veeravagu, MD, Assistant Professor für Neurochirurgie und Leiter des Stanford Neurochirurgischen Simulationslabors.

Die dreidimensionale Ansicht der Bilder erleichtert die Planung der Chirurgen und verbessert die Genauigkeit der Operation, sodass die Operationssicherheit erhöht wird: "Wir können planen, wie wir uns einem Tumor nähern und kritische Bereiche, wie den motorischen Kortex oder die sensorischen Gebiete, vermeiden können", sagte Steinberg, Professor für Neurochirurgie. "Vorher hatten wir nicht die Fähigkeit, dies dreidimensional zu rekonstruieren; wir mussten das in unseren Köpfen machen“, ergänzt er. In Rodonis Fall erlaubte die Software, Steinberg zu sehen, dass eine Arterie an der Spitze des Aneurysmas befestigt war. "Dies hätte man mit konventioneller Bildgebung nicht sehen können", erläutert Steinberg, "hätte ich es nicht gewusst, hätte es eine echte Katastrophe werden können."

Ärzte an der Universitätsklinik Stanford setzen VR-Technologie bisher für Gehirn und Rückenmark ein, weil diese Organe stabil sind, im Gegensatz zu anderen Körperteilen, die sich aufgrund der Durchblutung und Atmung bewegen. Bald jedoch soll diese Technologie auch für den Rest des Körpers zur Verfügung stehen.

Rodonis Operation verlief reibungslos, sie wurde innerhalb von zwei Tagen aus dem Krankenhaus entlassen. Ihr Aneurysma konnte entfernt werden.

Siehe: Stanford Medicine

Cornelia Wels-Maug

erforscht seit 21 Jahren den Einsatz von IT in diversen Industriesektoren und hat sich vor fast zehn Jahren auf den Gesundheitsmarkt spezialisiert. Sie verfasst Artikel, Fallstudien und Weißbücher über den weltweiten Markt für IT im Gesundheitswesen undhält Vorträge und Webinare. Gleichzeitig ist sie auch als Analystin für den internationalen Gesundheitsmarkt bei einer englischen Firma tätig.

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