E-Health – der vernetzte Ansatz

Britta Böckmann weiss, wie man neue Fähigkeiten lernt, vermittelt und anwendet. So wie ihre Erfahrungen und ihr Ruf als Expertin auf dem Gebiet der Medizinischen Informatik zunehmen, wächst auch ihr Einfluss bei der Implementierung von IT Lösungen in die Regelversorgung.

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Cornelia
Wels-Maug

„Ich bin schon immer neugierig gewesen“, verrät Professor Britta Böckmann als eine ihrer zentralen Charaktereigenschaften. Ihr leidenschaftliches Interesse, neue Dinge zu lernen und sie auch anzuwenden, zieht sich wie ein roter Faden durch ihre berufliche Laufbahn. Nach Beendigung der Schule, Mitte der 1980er Jahre, entschloss sie sich, Medizinische Informatik zu studieren, was zu dieser Zeit noch eine neue Disziplin war. „Damals wusste keiner so genau, was es mit der Informatik auf sich hatte, erst recht nicht in Verbindung mit Medizin,“ erinnert sich Böckmann. „Ich wollte etwas Neues machen. Ich habe schon immer Mathematik geliebt und war von Medizin fasziniert.“

Eine vielseitige Karriere

Frisch aus der Universität kommend, begann sie ihre berufliche Laufbahn in der Unternehmensberatung Wibera AG (jetzt PWC), die sich der Optimierung klinischer Prozesse verschrieben hat. Dadurch wurde sie aufs Engste mit der IT-Landschaft der deutschen Krankenhäuser vertraut und wusste genau, welche Lösungen in deutschen Krankenhäusern gebraucht wurden, aber noch nicht zur Verfügung standen. Böckmann brannte darauf, dies zu ändern und wechselte kurzerhand ihr berufliches Umfeld. Von nun an widmete sie sich der Entwicklung von Software und fing an, für das Softwarehaus ITB (jetzt T-Systems) zu arbeiten. Im Jahr 2006 nahm ihre Karriere wiederum eine Wende, als sie Professorin für Medizinische Informatik an der Fachhochschule Dortmund wurde. Als solche widmet sie sich bis heute der Forschung und Lehre. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die Telemedizin sowie integrierte Versorgung.

Der Praxistest: Umsetzung in den Alltag

Ihr Interesse galt nie, Technologie um ihrer selbst willen zu fördern. Böckmann will mithilfe der Technologie das Leben von Menschen verbessern: “Ich bin nicht so sehr auf die reine Technik fokussiert, aber darauf, wie Technik getriebene Projekte in den Alltag umgesetzt werden können.“ Es ist ihr ein Anliegen, ganzheitliche und interdisziplinäre Projektansätze zu fördern. “Obwohl ich mit Krankenhaus IT begann, habe ich mich zunehmend für integrierte Versorgung interessiert, den gesamten Pflegeprozess und wie die IT dabei alle involvierten Maßnahmen unterstützen kann“.

Ihre Arbeit hat auch einen starken sozialen Aspekt, Böckmanns Anliegen ist es, so viele Menschen wie möglich an den Vorteilen, die die Weitentwicklung von E-Health mit sich bringt, teilhaben zu lassen. Dies wird aber zum Teil dadurch beschränkt, dass der Einsatz von IT im Gesundheitswesen den Bundesgesetzen unterliegt sowie den Erstattungspraxen der verschiedenen Krankenkassen: “In Deutschland gibt es keine umfassende kohärente E-Health-Strategie,” bedauert Böckmann. “Ich bin sehr froh darüber, dass ab diesem Jahr telemedizinische Leistungen zunehmend von den Versicherungen erstattet werden,“ freut sich Böckmann. Sie hat auch in ihrer Funktion als Sachverständige für die Bundesregierung bei der Formulierung des E-Health-Gesetzes das ihre dazu beigetragen, dass es überhaupt so weit gekommen ist. Im Hinblick auf E-Health sieht sie Fortschritte: „Viele Politiker in Deutschland sind sehr wohl über E-Health informiert.“

Vernetzte Pflege: demonstrieren, was durch IT bewirkt werden kann

Böckmann will nicht nur die Rahmenbedingungen für E-Health-Projekte schaffen, sie interessiert sich auch für deren Umsetzung und Evaluierung. In Gelsenkirchen, beispielsweise, leitet sie ein Forschungsprojekt, in dem gemeinsam mit Praktikern und Sozialwissenschaftlern neue patientenorientierte Ansätze zur Pflegeberatung und -unterstützung in vier unterschiedlichen Quartieren in Gelsenkirchen entwickelt werden.

Sie führt aus, “in unserem Projekt ‘Pflege im Quartier’ arbeiten wir an einem Versorgungsnetzwerk für ältere Menschen, die sowohl mit ihren Angehörigen als auch mit den verantwortlichen Pflegeeinrichtungen durch IT verbunden sind. Falls sich die älteren Menschen verirren, können sie eine App auf ihrem Smartphone nutzen, die sie entweder dabei unterstützt, ihren Heimweg wiederzufinden oder aber einen Notruf auslöst. Für mich ist es wichtig, zu demonstrieren, was mit Hilfe von IT bewirkt werden kann und das Resultat zu bewerten.“ In allen Projekten, die sie fördert, ist es ihr zentrales Anliegen, „neue Technologien für alle zur Verfügung zu stellen. Dafür ist es aber erforderlich, alle Akteure zusammenzubringen, um einen interdisziplinären Ansatz zu ermöglichen.“

Sie ist nicht nur in der Hochschullandschaft anerkannt, sondern ihr Urteil wird auch in Politik und Industrie geschätzt und nachgefragt. Böckmann ist sowohl Aufsichtsratsmitglied in drei Unternehmen, die im E-Health Bereich tätig sind, als auch Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin. Diese Versatilität macht sie zu einer idealen Kandidatin, alle involvierten Akteure an einen Tisch zusammenzubringen, um die notwendigen Änderungen voranzutreiben.

Um die Entwicklung von E-Health Anwendungen im eigenen Land in die richtige Richtung zu lenken, ist Böckmann sehr daran gelegen, von anderen Ländern, die schon weiter darin fortgeschritten sind, E-Health Lösungen einzusetzen, zu lernen: “Ich halte immer Ausschau nach sich am Patienten orientierenden Lösungen. Deshalb verfolge ich mit großem Interesse, was in Dänemark, Österreich und den USA geschieht.”

Und auch außerhalb ihrer beruflichen Tätigkeit ist sie begeisterungsfähig: „Fußball ist eine meiner Leidenschaften, Borussia Dortmund um genau zu sein, sowie das Marathonlaufen und vor allem, andere Menschen im Rahmen des Vereins gaia.vision bei Übergangsritualen in der Natur zu begleiten.“ Es sieht nicht danach aus, dass sie die Absicht hat, stillzustehen.

Britte Böckmann ist seit 2006 Professorin für Medizinische Informatik an der Fachhochschule Dortmund. Gleichzeitig ist sie auch Mitglied des Aufsichtsrates dreier Unternehmen und dient in mehreren Berufsorganisationen als wissenschaftliche Beraterin. Vor Beginn ihrer akademischen Karriere arbeitete Böckmann als Unternehmensberaterin bei PricewaterhouseCoopers und ITB im E-Health-Bereich. Ihr Studium der Medizinischen Informatik absolvierte sie in einem Studiengang, der gemeinsam von der Karl-Ruprechts-Universität Heidelberg und der Hochschule Heilbronn angeboten wird.

Cornelia Wels-Maug

erforscht seit 21 Jahren den Einsatz von IT in diversen Industriesektoren und hat sich vor fast zehn Jahren auf den Gesundheitsmarkt spezialisiert. Sie verfasst Artikel, Fallstudien und Weißbücher über den weltweiten Markt für IT im Gesundheitswesen undhält Vorträge und Webinare. Gleichzeitig ist sie auch als Analystin für den internationalen Gesundheitsmarkt bei einer englischen Firma tätig.

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