Foto: Shutterstock (Piotr Marcinski)

Digitale Medizin - Rettet die KV (2025?)

Die ambulante Medizin und ihre offiziellen Repräsentanten – KVen und Kammern – sind bei der Bewertung von und der Werbung für digitale Innovationen bislang aus guten Gründen zurückhaltend:

By
Felix
Cornelius

Innovationen kosten a) Geld in Form von Hard- und Software sowie weiteren Aufwand für Schulungen und Umgewöhnung. Sie schaffen b) neue Fehlerquellen in Form von Netz- oder Serverausfällen, und c) Risiken etwa im Datenschutz. Schließlich erhöhen sie d) die Unsicherheit in Gestalt erhöhter Kontrollierbarkeit, weil zum Beispiel jeder Datenaustausch Transparenz schafft.

Diesen negativen Folgen stehen positive entgegen – aber davon würden andere profitieren, Krankenkassen etwa oder Patienten, und das bei unsicherem Ausgang (Geringere Kosten? Bessere Medizin?). Gute Gründe für eine konservative Grundhaltung der KVen und für die häufige Gegenfrage: Wer soll das bezahlen? Wenn andere den geldwerten Vorteil haben, dann sollen die auch die Rechnung übernehmen.
Irgendwie plausibel.

Die Situation wird sich ändern, bald und heftig. Nehmen wir der Einfachheit halber an, dass die zwischen 1960 und 1970 in Deutschland Geborenen alle noch hier leben und mit 60 Jahren in Rente gehen, sowie dass die Jahrgänge zwischen 2002 und 2012 alle mit 18 Jahren ins Berufsleben eintreten. Rechnerische Folge: Zwischen 2020 und 2030 sinkt die Zahl der Berufstätigen um 6,7 Mio. Da die Babyboomer aber noch ein paar Jahre lang relativ gesund bleiben, arbeiten und Sozialabgaben leisten, geht es uns demografisch zurzeit besser denn je. Es wird also nicht etwa schleichend schlechter, sondern immer besser – bis etwa 2020, und dann kommt der Wandel plötzlich und mit aller Wucht.

Vordergründig betroffen sind die drei Umlagesysteme für Rente, Gesundheit und Pflege. Schlimm genug, aber darüber hinaus droht, gewissermaßen am Rande, dem gesamten KV-System das Aus. Schlichter Hintergrund: Die KV erhält die pauschale Gesamtvergütung, wenn sie im Gegenzug die Versorgung sicherstellt. Ist die Sicherstellung bedroht, dann auch das gesamte System.

Für die Sicherstellung wichtig ist nicht allein die Zahl der Ärzte. 1991 war einer von 329 Deutschen ein berufstätiger Arzt. Diese Zahl ist bis 2014 auf 222 gesunken. Von Ärztemangel keine Spur. Interessanter ist das Verhältnis von geleisteten ambulanten Arztstunden zu Morbidität. Je schlechter es ist, desto schwerer fällt der KV der Beleg der Sicherstellung. Infolge des demografischen Wandels wird die Zahl der ambulanten Stunden sinken (auch dank der „Feminisierung des Arztberufs“), während gleichzeitig die Morbidität steigt. Schon bald wird die Ärzteschaft deshalb nach Maßnahmen und Werkzeugen suchen, die einer geringeren ärztlichen Kapazität die ausreichende Versorgung einer steigenden Morbidität ermöglichen.

Stellen wir uns jetzt eine ideale „Versorgungs-IT-Welt“ vor: Jeder Arzt hat Zugriff auf alle Versorgungsdaten seiner Patienten; intelligente IT-Systeme unterstützen Patienten schon zu Hause bei der Diagnosestellung (Watson Health), Patienten mit hohem Versorgungsbedarf haben Diagnosegeräte daheim, mit denen sie ihren Gesundheitszustand alleine überprüfen können; viele Interventionen übernehmen geschulte Spezialschwestern, die telemedizinisch mit den koordinierenden Ärzten kommunizieren und von IT-Expertensystemen unterstützt werden.

Es braucht wenig Phantasie, um hier das Potenzial zu erkennen, in Zukunft bessere Medizin mit weniger Arztzeit anbieten zu können. Noch stehen viele Vertreter der organisierten Ärzteschaft dieser Überlegung kritisch gegenüber. Sie befürchten eine Abwertung der ärztlichen Tätigkeit, wenn die Bedeutung der IT bei der Wahrnehmung ihrer Aufgaben steigt. In den kommenden 10 Jahren wird sich diese Einschätzung komplett verändern. Weitblickende KV-Vorstände werden diesen Prozess schon sehr bald übernehmen und steuern.

Felix Cornelius

Geschäftsführer, Spreeufer Consult GmbH

Felix Cornelius ist Geschäftsführer der Spreeufer Consult GmbH, die sich auf Projekte spezialisiert hat, in denen ärztliches und betriebswirtschaftliches Denken versöhnt werden sollen. Er ist auch Mitgründer und Vorstand des Verbandes digitale Gesundheit (VdigG).

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