Digitale Lösungen: Entlastung beim Entlassmanagement?

Die Überführung von voll- und teilstationären Patienten in die nachfolgende Versorgung ist oft durch mangelnde Koordination, Versorgungsbrüche und lückenhaften Informationsfluss zwischen den beteiligten Akteuren gekennzeichnet. Das reformierte Entlassmanagement, welches zum 01.10.2017 in Deutschland in Kraft trat, zielt darauf ab, dem Patienten die bestmögliche Versorgung im Anschluss an einen Krankenhausaufenthalt zu gewährleisten, indem Versorgungslücken von vornherein vermieden werden. Dabei ist die Ausführung des Entlassmanagements für die Krankenhausmitarbeiter oft ein zusätzlicher Verwaltungsaufwand, der Klinikern in Zeiten von ohnehin schon knappen Ressourcen zusetzen kann, denn die Dokumentation und Koordination der Anschlussbehandlung stellt eine weitere zeitliche Belastung dar. Der Einsatz von Technologien, wie Spracherkennung, soll jetzt Kliniker entlasten.

By
Cornelia
Wels-Maug

Die Neuregelung auf einen Blick

Zur Reform des Entlassmanagements hat der Gesetzgeber1 eine Reihe von Aufgaben vorgegeben, zu deren Ausführung ein Krankenhaus verpflichtet ist. Sie sind im Rahmenvertrag Entlassmanagement2, den die Partner der Selbstverwaltung – der Spitzenverband Bund der Krankenkassen (GKV-Spitzenverband), die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) – im Auftrag des Gesetzgebers erarbeitet haben, geregelt.

Seit dem 1. Oktober 2017 ist ein Klinikarzt im Zuge des neu geregelten Entlassmanagements u. a. verantwortlich für:

  • Erstellen des Entlassplans
  • Verfassen des Entlassbriefs und eines Medikationsplans
  • Informieren der nachfolgenden Behandler
  • Stellen von Leistungsanträgen an die Krankenkassen
  • Terminkoordination mit Nachversorgern

Angelpunkt des Entlassmanagements ist der Patient: Nur mit dessen schriftlicher Einwilligung kann der behandelnde Arzt die notwendigen Aufgaben ausführen beziehungsweise die erforderlichen Daten an die Nachbehandler weiterleiten.

Zur Umsetzung bundesweit 100.000 ärztliche Arbeitstage pro Jahr erforderlich

Mediziner prangern den mit dem Entlassmanagement verbundenen bürokratischen Aufwand an. Beispielsweise monierten die Ärztekammer Westfalen-Lippe und der Marburger Bund NRW/RLP schon kurz nach Inkrafttreten der Neuregelung in einer Pressemitteilung: „Den Ärztinnen und Ärzten in den Krankenhäusern in Nordrhein-Westfalen wird durch das neue, standardisierte Entlassmanagement wertvolle Zeit für die Behandlung ihrer Patienten geraubt.“  Das Ausmaß des Zeitverlustes wird anschließend in der Mitteilung quantifiziert: “Das neue Entlassmanagement bei dem Übergang von der stationären Versorgung zur ambulanten Nachversorgung für bundesweit immerhin über 19 Millionen Klinikpatienten erfordert nach Berechnungen der Deutschen Krankenhaus Gesellschaft (DKG) bundesweit jährlich 100.000 ärztliche Arbeitstage mehr.“  In dieser Zahl ist die Mehrbelastung der Pflegenden, die ja auch durch das Entlassmanagement gefordert werden, nicht enthalten.

Wie kann eine Klinik den zusätzlichen Arbeitsaufwand durch das modifizierte Entlassmanagement stemmen? Für Markus Stein, Geschäftsfeld Healthcare, RZV Rechenzentrum Volmarstein GmbH, liegt der Schlüssel in der Digitalisierung: „Nur durch die Integration der benötigten Daten und abgeleiteten Informationen in die klinischen Informationssysteme kann ein hoher bürokratischer Aufwand am Ende der stationären Behandlung vermieden werden.“ In den Krankenhäusern steigt dadurch der Digitalisierungsdruck, denn sie haben die Verpflichtung, Patienten direkt am Entlassungstag eine umfangreiche Dokumentation mitzugeben.

Digitale Lösungen für effizientere Arbeitsprozesse

Dem erhöhten Ressourceneinsatz auf klinischer Seite kann teilweise mit dem Einsatz von Informationstechnologie (IT) begegnet werden. So können Krankenhausärzte nun mit digitaler Unterstützung die einzelnen Schritte des Entlassmanagements effizienter in die Arbeitsprozesse integrieren.

Die Ärzteschaft hat dies erkannt und in dem Beschlussprotokoll des diesjährigen Ärztetages im Mai findet sich hinsichtlich der Umsetzung des Entlassmanagements die Aufforderung an Krankenhausträger sowie Kostenträger, „auf umfangreiche digitale Lösungen zu setzen“. Es heißt dort weiter: „Das Entlassmanagement erzeugt derzeit einen großen bürokratischen Mehraufwand durch in vielen Fällen geforderte digitale sowie parallele papiergebundene Dokumentation. Dadurch fehlt dem Krankenhauspersonal Zeit für die unmittelbare Patientenversorgung. Der konsequente Einsatz digitaler Technologien im Rahmen des Entlassmanagements ermöglicht es, relevante Daten standardisiert zu erfassen und an Kolleginnen und Kollegen der ambulanten Gesundheitsversorgung gesichert weiterzuleiten.“

Digitale Spracherfassung spart Zeit und erhöht Dokumentationsumfang

Bei der Erfassung von Daten hat sich auch die Verwendung von Spracherkennung im Rahmen des Entlassmanagements bewährt. Im Interview erläutert Dr. Markus Vogel, Chefarzt Kinder- und Jugendmedizin, Krankenhaus Neuwerk, Mönchengladbach, wie die spracherkennungsbasierte Dateneingabe hilft, den Dokumentationsanforderungen, insbesondere bei der Erstellung des Entlassbriefs, nachzukommen. Das Krankenhaus hat Erfahrung mit digitaler Spracherkennung gesammelt, da sie dort abteilungsübergreifend z.B. im Rahmen des Entlassmanagement genutzt wird.

„Die Erfassung der ärztlichen und pflegerischen Erkenntnisse, der Diagnostik und Therapie mit Spracherkennung stellt einen unmittelbareren Nutzen in Bezug aufs Entlassmanagement dar,“ bestätigt Vogel. „Sie ermöglicht mir, eine individuelle Dokumentation zu verfassen, die sofort fertig ist. Das ist ein echter Mehrwert“, ergänzt er. „Sprechen geht einfach schneller als Schreiben. Mithilfe der Spracherkennung dokumentiert man leicht drei Mal schneller als per Tastatureingabe“, betont Vogel. „Selbst wenn man dann Editiervorgänge am Dokument auch noch mitberücksichtigt, beläuft sich die Zeitersparnis auf mindestens 25 Prozent. Außerdem nimmt auch die Menge an Informationen zu, die dokumentiert wird“, weiß er aus eigener Erfahrung.

Unterm Strich geringere Transaktionskosten

In einer Untersuchung der Uniklinik Düsseldorf wurde die Geschwindigkeit und Präzision der ärztlichen Dokumentation bei der Verwendung von netzwerkbasierter Spracherkennungstechnologie auf Basis der Lösung Dragon Medical von Nuance sowie die Zufriedenheit der Nutzer mit dieser Methode untersucht. Dabei ergab sich, dass die Dokumentationsgeschwindigkeit bei Verwendung von Spracherkennung im Vergleich zur Tastatur für einen Dokumentationsschritt in der elektronischen Patientenakte 26 Prozent schneller war und 82 Prozent mehr Daten erfasst wurden. Gleichzeitig geschah dies bei höherer Zufriedenheit der Anwender, die Spracherkennung zur Verfügung hatten.

Der größte Nutzen, so Vogel, liege aber gar nicht in dem Geschwindigkeitsvorteil, den die Spracherkennung dem einzelnen Nutzer beim Dokumentieren ermöglicht. „Der springende Punkt für mich ist, dass in dem Moment, in dem eine Dokumentation sofort digital zur Verfügung steht, ich in diesem Augenblick die Informationen multiplizieren kann und dadurch an jeder Schnittstelle zu anderen Menschen Zeit eingespart wird. Vielleicht nicht unbedingt immer die eigene Zeit, aber in der Summe erzielt man aus betriebswirtschaftlicher Sicht geringere Transaktionskosten“, gibt Vogel zu bedenken.

Noch mehr Informationstechnologie gewünscht?

Vogel lässt keinen Zweifel, dass das Entlassmanagement noch durch andere IT-Werkzeuge vereinfacht werden könnte: „Handschrifterkennung ist tatsächlich ein wichtiger Punkt, aber auch die Nutzung elektronischer Formulare sowie das Einscannen von Fotos und externen Dokumenten in die Dokumentation“, würde er sich wünschen. „Alles, was hilft, die ganze Medizin auch elektronisch so lebendig zu machen, wie sie ist – am Point of Care, mit mobilen Endgeräten – inklusive Zeichnungen und Notizen, das wäre hilfreich“, schwärmt er. Damit wäre man einer schnelleren Befunderfassung, -verarbeitung und -ausgabe schon viel näher.

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1 Siehe § 39 Absatz 1a des Fünften Sozialgesetzbuch (SGB V)

2 Rahmenvertrag über ein Entlassmanagement beim Übergang in die Versorgung nach Krankenhausbehandlung nach §39 Abs. 1a S.9 SGB V

Nuance Communications

Nuance (NASDAQ: NUAN) ist Pionier und Marktführer im Bereich der dialogorientierten und kognitiven KI-Innovationen, die Intelligenz in die tägliche Arbeit und das tägliche Leben bringen. Der Marktführer liefert Lösungen, die die menschliche Sprache verstehen, analysieren und darauf reagieren können, um die Produktivität zu steigern und die menschliche Intelligenz zu verstärken. Mit jahrzehntelanger Erfahrung in den Bereichen Domains und künstliche Intelligenz arbeitet Nuance mit Tausenden von Unternehmen zusammen, die in globalen Branchen wie Gesundheitswesen, Telekommunikation, Automobil, Finanzdienstleistungen und Einzelhandel tätig sind, um stärkere Beziehungen und bessere Erfahrungen für ihre Kunden und Mitarbeiter zu schaffen. Weitere Information finden Sie online unter www.nuance.de.

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