Die Zeit ist reif für Präzisionsmedizin

Uta Knöchel, CIO, erläutert, was das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein so erfolgreich bei der Anwendung von Präzisionsmedizin macht. Gleichzeitig gibt sie Tipps, wie CIOs auch ohne spezifische Förderungen der Präzisionsmedizin den Weg bereiten können.

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Cornelia
Wels-Maug

Uta Knöchel ist CIO am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) mit den Standorten Lübeck und Kiel. Sie sprach mit 42 News darüber, wieso Präzisionsmedizin (PM) gerade jetzt die Chance hat, innovativen Therapien zum Durchbruch zu verhelfen.

Was bedeutet Präzisionsmedizin für eine CIO?

„Präzisionsmedizin ist kein unbekanntes Thema, sondern konsequentes Weiterdenken der mit personalisierter und individualisierter Medizin adressierten Themen“, eröffnet Uta Knöchel das Gespräch. PM berücksichtigt die individuelle Genetik eines Patienten, dessen Lebensgewohnheiten und die Umweltfaktoren, denen ein Individuum ausgesetzt ist. Insbesondere die finanzielle Machbarkeit der Entschlüsselung des Genoms mit modernen Sequenziertechnologien sowie die breitere Verfügbarkeit von Versorgungs- und Umweltdaten in elektronischer Form haben diesem Ansatz den Weg geebnet. Knöchel findet, dass sie sich, gerade was PM betrifft, am UKSH mit seinen zwei Campus in Kiel und Lübeck und circa 400.000 stationären und ambulanten Patienten im Jahr an einem hervorragenden Ort befindet: „Es bewegt sich eine Menge und viele Initiativen greifen gut ineinander. Wir arbeiten in einer Allianz, die unterstützt und gefördert wird, um ein Defizit in Deutschland auszugleichen.“ Insbesondere ist es zweier Umstände zu verdanken, dass das Thema PM am UKSH und den zwei Universitäten, der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und der Universität zu Lübeck (UzL), in Schleswig-Holstein zum gegenwärtigen Zeitpunkt besonders vorankommt:

  1. Der Exzellenzcluster „Inflammation at Interfaces/Entzündungsforschung“ in Schleswig-Holstein hat für das UKSH, die CAU und die UzL Zugang zu Spezialdaten sowie Biobanken geschaffen. Der Cluster wird seit 2007 durch die Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder mit einem Gesamtbudget von €68 Millionen gefördert. Die rund 300 Clustermitglieder forschen an dem Phänomen Entzündung an vier Standorten: den Unikliniken UKSH in Lübeck und Kiel sowie den außeruniversitären Forschungseinrichtungen, dem Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön und dem Leibniz-Zentrum für Medizin und Biowissenschaften in Borstel.
  2. Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte ‚Forschungskonzept Medizininformatik’, das insgesamt sieben Konsortien unterstützt, die jeweils die Voraussetzungen schaffen sollen, um Forschungs- und Versorgungsdaten standortübergreifend zu verknüpfen. Das UKSH wirkt in einem der Konsortien, share-it!, mit. Das bedeutet für das UKSH, „dass zusätzlich Versorgungsdaten datenschutzgerecht über lokale Datenintegrationszentren zur Verfügung gestellt werden sollen. Durch föderale Architekturkomponenten und Use- und Access-Regeln wird es dadurch Forschenden möglich werden, Zugang zu den Daten der Konsortien, beispielsweise auf die von der Ethikkommission freigegebenen Studien für seltene Erkrankungen, erhalten zu können. Dies erlaubt die zum jetzigen Zeitpunkt erforderliche Erweiterung der Perspektive,“ erklärt Knöchel.

Welche Faktoren helfen dem UKSH im Hinblick auf den Einsatz von Präzisionsmedizin?

Eine wichtige Grundlage dafür ist sicherlich, dass das UKSH vor wenigen Jahren eines der modernsten Rechenzentren Europas auf dem hohen Sicherheitsstandard Tier 3 errichtet hat, um Patientendaten optimal schützen und neue IT-Entwicklungen unterstützen zu können.

Dazu kommt das Vorhandensein einer hoch effizienten Technologieplattform für sequenzierungsbasierte Genomanalyse, hier arbeiten die Universität zu Kiel und das UKSH eng zusammen: „Durch inzwischen routinemäßig durchgeführte molekulare Gentests innerhalb kürzester Zeiträume wird es möglich und finanzierbar dies als diagnostische Methode in die Krankenversorgung aufnehmen“, erläutert Knöchel.

„Wir fangen mit wenigen Analysen an und wir überlegen genau, wie sie zunehmend in die Regelversorgung aufgenommen werden können. Die modernen Sequenzierungstechnologien werden ein Bestandteil der Krankenversorgung der Zukunft“, ist Knöchel überzeugt. Damit der Patient immer weiß, was mit seinen Daten geschieht, spielen Patientenaufklärungen – auch die Aufklärung zur Nutzung für die Forschung – eine große Rolle. Sofern der Patient eingewilligt hat, können die Daten für den freigegebenen Zweck verwendet werden. Sobald der Patient die Einwilligung erteilt oder auch nicht erteilt hat, wird diese Information in den IT-Systemen hinterlegt und steht somit bei den Datenextraktionen zur Verfügung und verhindert so unberechtigte Zugriffe.

Die Patientenbehandlung bezieht – neben dem UKSH – jedoch eine ganze Reihe an Ärzten und weiteren Gesundheitsdienstleistern ein. Um diese zu vernetzen, wurde in einer Initiative des Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Technologie des Landes Schleswig-Holstein, der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holsteins, der Firma Compugroup Medical Deutschland und dem UKSH eine Telematikplattform Schleswig-Holstein – das med.netz.nord – etabliert.

Ein wichtiges Anliegen der Vernetzungsteilnehmer – gerade im BMBF-Projekt Medizininformatik – ist der zunehmend standardisierte Austausch von strukturierten Daten im Detail – IHE (Integrating the Healthcare Enterprise), LOINC (Logical Observation Identifiers Names and Codes) und SNOMED-CT (Systematized Nomenclature of Medicine-Clinical Terms). Hier begeben sich alle Beteiligten zielstrebig auf den nicht ganz trivialen Weg, da der Nutzen offensichtlich ist.

Tipps für CIOs – Wie kann man Präzisionsmedizin ohne spezifische Förderung umsetzen?

PM ist oft innerhalb von klinischen Studien auf spezielle Settings festgelegt. Das heißt, die Probanden müssen z. B. bestimmte Auflagen erfüllen, wobei gewisse Nebendiagnosen die Teilnahme ausschließen. Durch die Ergänzung der Betrachtung um Versorgungsdaten gelingt allen Beteiligten ein Sprung in die Untersuchung von Krankheitsbildern mit diversen Nebendiagnosen.

Es ist empfehlenswert, eine krankenhausintegrierte Forschungsdatenplattform aufzubauen, in der Versorgungs- und Forschungsdaten – nach der erklärten Einwilligung des Patienten – zusammengeführt werden. Da in der Regel in jedem Hause Forschungsprojekte zu ausgewählten Themen sowie klinische Studien existieren und gefördert werden, sollten hier Forscher und IT überlegen, wie das Thema Versorgungsdaten das Forschungsthema bereichern kann. Dabei sollte man auch abklären, ob gegebenenfalls eine anteilige Förderung verschiedener Studien/Projekte durch eine Kofinanzierung möglich ist. In diesem Zusammenhang bietet es sich an, zu überprüfen, ob die eingesetzte Biobanksoftware möglicherweise eine Erweiterung um den Aspekt der Versorgungsdaten zulässt. Wichtig ist immer, mit beherrschbaren Settings (use cases) und abgestimmten Kerndatensätzen zu beginnen.

Letztendlich werden auch durch die BMBF-Initiative „Medizininformatik“ die Forschungsergebnisse, beispielsweise ein Vorschlag für die Patienteneinwilligung und eine Musterordnung für Use- und Access-Vorgehen in naher Zukunft bereitstehen, um sich an den besten Lösungen dieser Initiative orientieren zu können.

Cornelia Wels-Maug

erforscht seit 21 Jahren den Einsatz von IT in diversen Industriesektoren und hat sich vor fast zehn Jahren auf den Gesundheitsmarkt spezialisiert. Sie verfasst Artikel, Fallstudien und Weißbücher über den weltweiten Markt für IT im Gesundheitswesen undhält Vorträge und Webinare. Gleichzeitig ist sie auch als Analystin für den internationalen Gesundheitsmarkt bei einer englischen Firma tätig.

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