Die Blockchain und unser Gesundheitswesen von morgen

Die Blockchain bietet als Technologie zur Vertragsabwicklung eine Menge Möglichkeiten. Wie könnte das das Gesundheitswesen weiter voranbringen? Ein Gedankenspiel zur zukünftigen Nutzung.

By
Stefan
Fritz

Das Thema „Blockchain“ ist in aller Munde und ein Megatrend. Einen Investor für eine Startup-Idee zu finden, ohne dabei Blockchain zu erwähnen, ist aktuell schwierig. Aber für das Gesundheitswesen ist so ein richtiger Konsens, wie eHealth mit der Blockchain besser funktionieren soll, noch nicht gefunden. Also genau der richtige Zeitpunkt, die breite Aufmerksamkeit zu nutzen und mal ein wenig tiefer in die staubigen Anwendungsfälle einzusteigen.

Einen guten Einstieg in den Nutzen der Blockchain für die Darstellung und Abwicklung von Verträgen gibt der synTechTalk-Artikel Smart Contracts. Hier liegt der Fokus auf dem Potential der Blockchain für das Gesundheitswesen.

Blockchain als Mittel zur Transparenz

Die Blockchain hilft dabei, unabhängig von einer zentralen Instanz eine Nachvollziehbarkeit von Transaktionen zu gewährleisten und damit für Transparenz zu sorgen. Nun ist Transparenz nicht die erste Vokabel, die uns in Bezug auf Gesundheitsdaten einfällt.

Bevor wir weiter einsteigen, sollten wir klarstellen, dass die Blockchain in dem Gesundheitswesen, wie wir es heute kennen, wahrscheinlich keinen großen Einfluss wird nehmen können. Denn die verschiedenen Lager der Selbstverwaltung bedingen sich ja gegenseitig und stellen sich daher sicher nicht in Frage. Und Smart Contracts banal für die Abrechnung von erbrachten Leistungen zu verwenden, bringt nur einen geringen Mehrnutzen.

Der Patient als Herr seiner Daten

In einem patientenzentrierten System der Zukunft dagegen macht der Einsatz der Blockchain-Technologie durchaus Sinn. Der Patient wird hoffentlich in Zukunft Herr seiner Daten. Dies sind sowohl die mit seinem Handy, seiner Smartwatch oder seinem Smarthome gewonnenen Informationen aus dem Bereich des Quantified Self als auch die klassischen klinischen Informationen wie Röntgenbilder, Blutuntersuchungen oder OP-Berichte. Hinzu kommen in Zukunft noch die zum Standard werdende vollständige Genomanalyse und – zumindest für Risikopatienten – professionelle Sensoren, die wir in Zukunft für Tage, Monate oder Jahre in unserem Körper tragen werden und die Ärzten eine Menge Erkenntnisse liefern werden.

Doch wer übernimmt die Auswertung?

Der Patient und auch die Menschen, die (noch) keine Patienten sind, werden also eine große Menge von Gesundheitsdaten besitzen und schützen wollen. Möchten wir Menschen aber irgendwelche Schlussfolgerungen aus diesen Messwerten ziehen und Zusammenhänge erfahren, so werden wir die Daten jemandem zur Auswertung zur Verfügung stellen müssen; sei es einem Arzt oder einem Algorithmus.

Smart Contracts als Lösung für Datenauswertung und Zweitmeinung?

Und genau hierfür bieten sich Smart Contracts an: Mit ihnen lässt sich klar anordnen und nachvollziehen, was mit unseren Daten durch welchen Algorithmus geschieht. Die Online-Händler träumen davon, dass Smart Contracts die GPS-Information an einen Datentreuhänder übermitteln. So können sie den Kaufvertrag als erfüllt ansehen, wenn der Smart Contract-Algorithmus ihnen bestätigt, dass das Paket durch den Logistiker tatsächlich im Haus des Empfängers angekommen ist.

Einen solchen Datentreuhänder für Paketzustellungen zu erfinden scheint machbar. Aber könnten wir Menschen als Patienten einem weltweiten Oligopol von Datentreuhändern im Gesundheitswesen vertrauen?

Und dann ist da noch ein anderes Problem: Wenn dieser Treuhänder unsere Daten zur Befundung an einen Arzt weiterleitet, wer in aller Welt garantiert uns, dass der Arzt diese Daten nicht weitergibt? Heute hat der Arzt ja per Definition immer nur einen kleinen Ausschnitt unserer Daten und wir müssen aktiv nachhelfen und den Bericht von einem Arzt in Papierform zum anderen tragen, um eine Zweitmeinung zu erhalten. Aber wenn der Arzt direkt alles bekommt …?

Daten-Treuhänder als neutrale Befundungsinstanz

Sicherer erscheint es da, wenn wir das Wissen des Arztes oder einer sonstigen Künstlichen Intelligenz in Form eines Algorithmus zum Datentreuhänder tragen. Der Treuhänder verspricht dem Patienten, dass er dessen Daten an den Algorithmus ausgeliefert und dafür gesorgt hat, dass der Algorithmus die Daten nicht woandershin versendet. Außerdem garantiert der Treuhänder dem Inhaber des Algorithmus, dass er diesen genau einmal angewendet hat und er nun seine Leistung bei diesem Patienten abrechnen kann.

Vielleicht macht der Treuhänder auch direkt das Inkasso. Und dank Blockchain und Smart Contracts kann der Treuhänder nachweisen, wann er welche Patientendaten mit welchen Algorithmen in Verbindung gebracht hat.

Ob der Treuhänder selbst die Blockchain-Technologie anwendet, oder Smart Contracts und Treuhänder zwei verschiedene Provider in einem zukünftigen Gesundheitssystem werden, ist aktuell völlig unklar. Hier sind innovative Startups gefragt, die diese Räume erobern möchten.

Der Arzt als Vertrauter und Berater

Die meisten werden diesen kleinen Ausflug in die eHealth-Zukunft für völlig abgefahren und unrealistisch halten und darauf wetten, dass ein solches Szenario nie oder frühestens in 50 Jahren eintritt. Die übrigen bekommen glänzende Augen und vielleicht einen ersten Einblick, was sich in den nächsten Jahren alles verändern wird.

Als Mensch und Patient habe ich die Hoffnung, dass ein erfahrener Arzt mit Überblick, zu dem ich Vertrauen aufgebaut habe, die Ergebnisse und Alternativen der Algorithmen mit mir bespricht und mich beim Abwägen der Entscheidungen rund um meinen Körper und mein Leben fundiert unterstützt. Ob ein solcher Arzt alle meine Daten kennen muss, oder den Teil der Ergebnisse, den ich für sinnvoll halte, wird die Zukunft zeigen.

Ich jedenfalls habe mir nur vorgestellt, wie sich das Gesundheitswesen mithilfe der Blockchain-Technologie weiterentwickeln könnte.

Stefan Fritz

Gründer & Geschäftsführer, synaix

Gründer und Geschäftsführer, synaix Gesellschaft für angewandte Informations-Technologien mbH (www.synaix.de)

Stefan Fritz ist seit über 20 Jahren leidenschaftlicher Mehrfach-Unternehmer und Impulsgeber in der digitalen Welt. Als Geschäftsführer verantwortet er bei synaix den Bereich Cloud- und DataCenter Operations. synaix betreibt in eigenen und fremden Rechenzentren Systeme und Lösungen mit extremem Schutzbedarf (Banken, Versicherungen, Gesundheitswesen). Als Experte für Digitale Plattformen und "as a Service"-Modelle schreibt Stefan Fritz auf seinem Blog stefanfritz.de über die weitere Entwicklung und Gestaltung der digitalen Gesellschaft.

 

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