„Der Mediziner der Zukunft muss nicht zwangsläufig Arzt sein.“

Digitale Technologie wird die Medizin – und die Rolle von Ärzten - grundlegend verändern, prognostiziert Martin U. Müller, Journalist beim Hamburger Nachrichten-Magazin DER SPIEGEL. Auf dem nächsten Swiss eHealth Summit in Bern (11.-12. September 2018) ist der Journalist als Dinner Speaker zu Gast. Was die Teilnehmer des nationalen Schweizer eHealth Gipfels von dem exklusiven Networking-Event erwarten dürfen, verrät er uns vorab im Interview – und erklärt, was das Gesundheitswesen von der Digitalisierung in anderen Branchen lernen kann.

Herr Müller, das Dinner am Swiss eHealth Summit ist immer ein besonderes Highlight. Dieses Jahr unter dem Motto: Leadership & Digital Transformation. Worauf freuen Sie sich am meisten?

Als Journalist ist es besonders interessant, mit echten Experten aus der Branche zu sprechen. Allzu häufig treffen wir auf Menschen, die eher eine lebende Pressemitteilung sind. Insofern freue ich mich darauf, dass ich im Rausch der Tischweine vielleicht noch die letzten Geheimnisse der Branche erfahre.

Sie sind als Journalist für den SPIEGEL tätig. Welchen Anknüpfungspunkt haben Sie zum Gesundheitswesen – und zur Digitalisierung?

Ich habe ursprünglich Medizin studiert und bin heute Journalist. Meine Erfahrung ist: Die Adaption digitaler Technologien verläuft nach immer ähnlichen Mustern, dabei ist es relativ egal, ob es um Medizin, das Verkehrswesen oder den Verkauf von Kochtöpfen geht. Die Medienindustrie war vergleichsweise früh mit der Digitalisierung dran, die Medizin ist noch nicht ganz so weit. Man kann für die Medizin eine Menge lernen, wenn man in andere, bereits weiter digitalisierte Branchen, schaut.

Inwiefern lässt sich die Digitalisierung in der Medienindustrie denn mit der des Gesundheitswesens vergleichen?  

Beide Branchen behaupten immer, die Digitalisierung sei bei ihnen etwas ganz Besonderes: In der Medizin geht es mindestens um Menschenleben und Regulierung, im Journalismus machen es viele meiner Kollegen nicht unter Pressefreiheit, Sicherung der Demokratie oder der „vierten Gewalt“. Am Ende geht es aber schlichtweg auch um die Digitalisierung eines Wirtschaftsfeldes: Konzerne, seien es die grossen Silicon-Valley-Player oder Unternehmen aus China, sehen die Branchen einfach als Markt. Bei den Medien geht es um den Werbemarkt, bei der Medizin in vielen Industrieländern um dreistellige Milliardensummen im Jahr. Ob Medizin, Journalismus, Hotellerie oder Dating-Plattformen, am Ende ist alles relativ gut vergleichbar.

Sie haben in den Medien vielfach auf den grundlegenden Wandel der Medizin durch die Digitalisierung aufmerksam gemacht. Was erwartet uns in der Zukunft: Diagnosenstellung und Rezept via App?

Genetische Forschung gepaart mit künstlicher Intelligenz und die längst erfolgte Smartphone-Revolution, verändern die Medizin. Heute hat ein aufgerüstetes Mobiltelefon technisch gesehen mehr Möglichkeiten als eine mittelmässig ausgestattete Hausarztpraxis und kann mit Hilfe von Sensoren und Zusatzgeräten zahlreiche Medizingeräte ersetzen. Patienten werden mit Diagnosen zum Arzt kommen – und sie werden stimmen. Ärzte scherzen immer gern darüber, dass es eine Abrechnungsziffer für das entgoogeln von Patienten geben müsste, also jenen Menschen, die Selbstdiagnose im Netz betrieben haben und dabei Krankheiten entdeckten, von deren Existenz sie bisher nichts ahnten. Dabei kann so ein Digital-Diagnose heute durchaus stimmen..

Welche Entwicklungen halten Sie angesichts der digitalen Möglichkeiten für wahrscheinlich?

Ich glaube, dass Ärzte bald beweisen müssen, dass sie mit künstlicher Intelligenz mithalten können. Konkret sichtbar wird das zuallererst in der Radiologie, wo maschinelle Formenerkennung bei Röntgen-, MRT- und CRT-Aufnahmen angewandt werden wird. Die Dermatologie könnte folgen – da Mustererkennung auch bei Hautveränderungen eine Rolle spielen. Schon jetzt können EKGs von Maschinen interpretiert werden – bislang alles ärztliche Aufgaben.

Sie gehen ja sogar so weit und fragen provokant: Wird der Mediziner der Zukunft überhaupt noch Arzt sein?

Mit der Erfindung des Stethoskops bekam der Arzt eine Schlüsselrolle, die es ihm ermöglichte, Körpersymptome wahrzunehmen und zu messen, die dem Patienten selbst verschlossen blieben. Durch die digitalen Möglichkeiten wird der Patient wieder mächtiger. Ich glaube nicht an eine menschenleere Medizin, der Patient wird sich nicht selbst behandeln. Es wird weiterhin Menschen in der Medizin geben - die Frage ist nur: mit welcher Qualifikation? Um jemanden zuzuhören und durch einen Behandlungsablauf zu begleiten braucht man nicht zwangsläufig eine Approbation. Ich bin überzeugt, dass neue Berufe entstehen – nicht nur Assistenzberufe, sondern auch akademische. Der Mediziner der Zukunft muss aber nicht zwangsläufig Arzt sein.

Stichpunkt Big Data: Bringt uns das Mehr an Daten schlussendliche eine bessere, möglicherweise sogar präventive Medizin?

Ja und Nein. Ein Mehr an Daten macht die Medizin nicht zwangsläufig besser. Der medizinische Leitspruch „Erhebe wenig Daten – aber die richtigen“ gilt weiterhin. Wer nur auf Daten setzt, hat ein sehr technokratisches Menschen- und Medizinbild.

Was bedeutet der digitale Wandel für die Führungskräfte im Gesundheitswesen – und was können diese von Branchen lernen, die schon länger im Digitalisierungsprozess stecken?

Der entscheidende Punkt bei der Digitalisierung ist: Ich kann mich nicht länger in meiner Branche abkapseln. Alles hängt mit allem zusammen – für Führungskräfte heisst das konkret: Neugierde sollte ein wichtiger Antrieb sein. Es wäre fatal zu denken, dass ein Trend oder eine Technologie nur eine Industrie betrifft, denn er kann auch Auswirkungen auf die eigene Arbeit haben. Man denke nur an Ride-Sharing-Dienste wie UBER, die heute schon das Hausbesuchswesen in den USA umkrempeln. Man kann sich über den Fahrdienst UBER genauso impfen lassen, wie man sich auch einen Tannenbaum nach Hause liefern lassen kann. Was passiert, wenn autonom fahrende Autos Standard sind? Wie verändern sich dann etwa der Rettungs- und Notarztdienst? Was machen Chatbots, die aktuell im Handel trainiert werden, mit Rettungsleitstellen?

Führungskräfte sollten also branchenübergreifend alle technologischen Entwicklungen aufmerksam mitverfolgen?

Unbedingt. Zumal auf technologischer Ebene völlig neue Anbieter auf den Markt drängen werden: Viele dieser Unternehmen kommen ursprünglich nicht aus dem Gesundheitssektor und sie spielen doch schon eine riesige Rolle. Seit Amazon angekündigt hat, in den Krankenversicherungsmarkt einsteigen zu wollen, gab es milliardenschwere Wertverschiebungen an der New Yorker Börse – dennoch nehmen viele Menschen Amazon bis heute nur als Shoppingplattform war. Genau das macht es für Führungskräfte kompliziert: Es gibt nichts, was einen nicht eben doch betreffen könnte. Sie müssen daher unglaublich wach sein.

Was ist aus Ihrer Sicht das Spannendste, was die digitale Transformation im Gesundheitswesen mit sich bringt?

Der grundlegende Wandel ist mit elektronischen Patientenakten und -karten null beschrieben. Das Spannendste aus meiner Sicht ist: Medizin wird durch die Digitalisierung erstmals zum globalen Exportgut. Es ist theoretisch möglich, medizinische Dienstleistungen aus anderen Ländern heraus zu verkaufen. Das erleben wir schon heute am Beispiel der Telemedizin.

Für diejenigen, die sich von der Digitalisierung ausschliessen, könnte es eng werden. Zwar bleibt weiterhin Arbeit, die nur analog im lokalen Krankenhaus behandelt werden kann, etwa ein Beinbruch. Aber die Medizin ist ja bekanntermassen mit unterschiedlich attraktiven Feldern ausgestattet – und die attraktiven Felder, etwa Gen-Datenbanken, könnten den nicht digital arbeitenden Krankenhäusern  versperrt bleiben.

Hängt der Erfolg der digitalen Anpassung ausschliesslich vom Management der Gesundheitsinstitutionen ab?

Nicht nur. Durch die Auseinandersetzung mit neuen Technologien hat man den Erfolg zwar bis zu einem gewissen Grad in der Hand, doch die Treiber der Entwicklungen sind meist andere Konzerne, die eher gross denken. Zum Trost: Das betrifft nicht nur die Medizin, sondern auch andere Wirtschaftsbereiche. Man nennt das „Innovators Dilemma“. Sogar die grossen Tech-Giganten trifft es: So hat Apple zwar die Musikindustrie disruptiert, indem sie das Geschäftsmodell der Album-CD untergraben haben – plötzlich konnte man Lieder zum Einzeldownload für 99 Cent kaufen – jedoch sah man auch bei Apple nicht kommen, dass sich in Schweden ein Streaming-Unternehmen namens Spotify gebildet hatte. Heute darbt der Apple-Download vergleichsweise und man ist mit Apple-Music viel zu spät in den Markt gestartet. Google wiederum betreibt bis heute das Netzwerk Google+, das mehr oder weniger tot sein dürfte. Daran sieht man: nicht nur in der Medizin hält man oft an etwas fest – das ist das Los des etablierten Spielers.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Müller – und bis zum 11. September in Bern!

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