Den Patienten an Bord holen

Bisher war die Teilnahme an Tumorboards in Deutschland nur Behandlern vorbehalten. Was passiert, wenn nun auch der betroffene Patient miteinbezogen wird? Eine neue Studie mit an Brustkrebs Erkrankten will das herausfinden.

By
Cornelia
Wels-Maug

Die sektorübergreifende Versorgung zur Verbesserung des Behandlungserfolgs ist gerade im Bereich der Onkologie schon längst kein Novum mehr. In sogenannten Tumorboards beziehungsweise Tumorkonferenzen tauschen sich Ärzten verschiedener Fachrichtungen über den Krankheitsverlauf, Röntgenbilder und Untersuchungsergebnisse eines Patienten aus und erarbeiten gemeinsam einen individuellen Therapievorschlag für diesen. Dabei beteiligen sich nicht nur Onkologen an einer Tumorkonferenz, sondern auch Radiologen, chirurgisch tätige Ärzte, Strahlentherapeuten. Das interdisziplinäre Festlegen von Behandlungsstrategien und die zu einem späteren Zeitpunkt erfolgenden Rückmeldungen über den Krankheitsverlauf nutzen nicht nur den Patienten, sondern dienen auch der ärztlichen Fort- und Weiterbildung.

Wo ist der Patient?

In dem Maße, indem der Patient als mündig wahrgenommen wird, stellt sich zunehmend die Frage, warum er nicht Teil des Tumorboards ist? Schließlich geht es ja um das Ausloten der Strategie, die am besten auf seine spezifische Situation abgestimmt ist. Liegt es da nicht nahe, die Sicht des Patienten direkt in die Therapieentscheidung zu integrieren? Befürworter erhoffen sich davon, dass die Therapieempfehlungen stärker an den Bedürfnissen und Möglichkeiten der Patienten ausgerichtet werden. Gegner befürchten, dass der offene Austausch die emotionale Belastung der Kranken erhöhe, da die Verwendung von Fachbegriffen verunsichern oder Ängste auslösen könne. Zudem könnte die Einbindung der Patien­tinnen den administrativen Aufwand erhöhen.

Erste Erfahrungen

In einigen nordrheinwestfälischen Brustzentren jedoch nehmen Patientinnen an der Besprechung ihres Falls im Rahmen eines interdisziplinären Tumorboards teil. Wie aber sind die Erfahrungen aller Beteiligten mit dieser Konstellation? „Bislang gibt es keine gesicherten Erkenntnisse zu Risiken und Nutzen der Teilnahme von Patientinnen mit Brustkrebs an Tumorkonferenzen“, sagt Professor Nicole Ernstmann von der Forschungsstelle für Gesundheitskommunikation und Versorgungsforschung am Universitätsklinikum Bonn.

PINTU soll mehr Einsichten bringen

Deshalb wird gegenwärtig unter der wissenschaftlichen Leitung von Ernstmann und Dr. Lena Ansmann vom Institut für Medizinsoziologie, Versorgungsforschung und Reha­bi­li­tationswissenschaft der Universität zu Köln das über drei Jahre laufende Projekt „Patient involvement in multidisciplinary tumor conferences in breast cancer care“ (PINTU) durchgeführt. Dabei wird an insgesamt sechs nord­rhein-westfälischen Brustzentren untersucht, welche Konsequenzen eine Beteiligung von Patientinnen an den Tumorkonferenzen hat. Das Projekt sieht vor, dass 18 Tumorkonferenzen – die Hälfte mit und die andere Hälfte ohne Patientinnenbeteiligung – durch Videokameras aufgezeichnet werden. Die anschließend geplante Analyse der Filmaufzeichnungen ist ein Novum innerhalb der Versorgungsforschung.

Zusätzlich sollen mindestens 90 Brustkrebserkrankte unmittelbar vor und nach der Tumorkonferenz sowie vier Wochen später befragt werden. Anhand von standardi­sierten Fragebögen wollen die Wissenschaftler Informationen unter anderem zur emotionalen Belastung der Brustkrebserkrankten und ihrer individuellen Gesundheits­kompetenz gewinnen. Zudem sollen die teilnehmenden Versorger in Fokusgruppen die Machbarkeit der Patientinnenteilnahme sowie der Qualität der Entscheidungsfindung diskutieren.

 

Cornelia Wels-Maug

erforscht seit 21 Jahren den Einsatz von IT in diversen Industriesektoren und hat sich vor fast zehn Jahren auf den Gesundheitsmarkt spezialisiert. Sie verfasst Artikel, Fallstudien und Weißbücher über den weltweiten Markt für IT im Gesundheitswesen undhält Vorträge und Webinare. Gleichzeitig ist sie auch als Analystin für den internationalen Gesundheitsmarkt bei einer englischen Firma tätig.

E-Health – der vernetzte Ansatz

Britta Böckmann: Neue Technologien für alle zur Verfügung zu stellen

Mehr Power im Alpenraum

Nachgefragt: Nationale E-Health-Projekte im D-A-CH-Raum