„Das EPDG hat der Digitalisierung in der Schweiz enormen Anschub gegeben“

Ab April 2020 werden Schweizer Bürger über Nacht zum Manager ihrer Gesundheitsdaten. Schon jetzt testen viele Spitäler den Einsatz des elektronischen Patientendossiers (EPD), der dann verpflichtend wird. Was die Leistungserbringer erwartet, erläutert Dr. Reinhold Sojer, Leiter der Abteilung Digitalisierung/eHealth an der FMH (Fédération des médecins suisses), dem Berufsverband der Schweizer Ärzteschaft. Als Mitglied im Programmkomitee des nächsten Swiss eHealth Summit (11.-12. September 2018) in Bern gibt er ausserdem Einblick in die Highlights der Veranstaltung.

Herr Dr. Sojer, im Bundesamt für Gesundheit haben Sie verschiedene Projekte zur Umsetzung des Bundesgesetzes zum EPD begleitet. Wie ist Ihre aktuelle Einschätzung zum Status Quo in der Schweiz?

Der Bund und eHealth Suisse als Koordinationsorgan haben nach meinem Wissen ihre Aufgaben erfüllt – und es liegt nun an den im Aufbau befindlichen Stammgemeinschaften und technischen Betreibern wie Post oder Swisscom, die Vorgaben umzusetzen. Bei der FMH, dem Berufsverband der Schweizer Ärzte in der Schweiz, beobachten wir, dass es unterschiedliche Geschwindigkeiten bei der Umsetzung in den Versorgungsregionen gibt. Einige Regionen gehen sehr schnell voran, andere warten ab. Dieses Zögern und technische Schwierigkeiten hängen auch mit den Standards zusammen, die man verwenden will. Nicht alle Standards, die von der IHE vorangetrieben werden, haben den erforderlichen Reifegrad. Die für die Schweiz adaptierten Profile müssen noch weiter getestet und adjustiert werden. Die FMH engagiert sich aktuell in einer Arbeitsgruppe, um Austauschformate und Standards wie z.B. für Austrittsberichte und Medikationsdaten, zu erarbeiten.

Aktuell gilt in der Schweiz noch die Übergangsfrist: erst im April 2020 wird das EPD verbindlich – für wen?

Zunächst einmal für die Spitäler, Rehabilitationskliniken und Psychiatrischen Kliniken. Pflegeheime und Geburtshäuser müssen das EPD bis April 2022 anbieten, während für die übrigen, nicht-stationären Leistungserbringer wie die niedergelassenen Ärzte und die Patienten von Seiten des Gesetzgebers weiterhin der Grundsatz der Freiwilligkeit gilt. Mit der Verpflichtung in der stationären Versorgung hofft man, die Verbreitung des EPD zu fördern. Das Thema wird in den Schweizer Medien noch nicht in der Breite diskutiert wie damals beim Start der ELGA in Österreich. Es gibt derzeit punktuelle Diskussionen über Datenschutz und informationelle Selbstbestimmung der Patienten. Die eHealth Suisse bereitet sich schon mit Aufklärungsmaterial vor. Für die Patienten ist das Thema jedoch noch nicht ganz greifbar.

Warum ist die Teilnahme am EPD für die niedergelassenen Ärzte keine Verpflichtung?

Das liegt ein Stück weit an fehlenden Finanzierungshilfen und dem geringeren Digitalisierungsgrad in den Praxen. Die Spitäler haben durch die fortschreitende Technologisierung in spezifischen Bereichen sowie durch den enormen Kostendruck einen hohen Anreiz zu digitalisieren. Der Bund hat ihnen Finanzhilfen in Höhe von 30 Millionen versprochen, weitere 30 Millionen kommen von den Kantonen für den Aufbau der dezentralen Infrastruktur. Dagegen verfügen nur 50 Prozent aller Schweizer Arztpraxen über eine elektronische Krankengeschichte – und es sind keine Hilfen vorgesehen. Die niedergelassenen Ärzte müssen sich also zuerst eigenständig digitalisieren und zusätzlich den kostenaufwändigen Anschluss an die technische EPD-Infrastruktur finanzieren. Dennoch gehen wir davon aus, dass die Nachfrage der Patienten und das Vorhandensein von nutzbringenden Diensten wie eine digital unterstützte Zuweisung dazu führt, dass sich die Ärzte auch ohne Druck letztlich für einen Anschluss an das EPD entscheiden.

Was bedeutet die jetzige Umbruchzeit speziell aus der Perspektive der Führungskräfte im Gesundheitswesen: sehen Sie Entwicklungstrends?

Man sieht deutlich, dass das Bundesgesetz zum EPD der Digitalisierung in der Schweiz enormen Anschub gegeben hat – nicht zuletzt durch den Aufbau der Gemeinschaften und Stammgemeinschaften verbunden mit der Einhaltung der Zertifizierungsanforderungen – die bei Schweizer Spitälern ohnehin recht hoch sind. Auch haben sich Spitäler mit einer eHealth Strategie befasst, wobei diese nicht ein Ersatz für eine Digitalisierungsstrategie ist. Diese muss in den Strategieprozess des Spitals verankert sein und darf keine Aufgabe sein, die an die ICT-Abteilungen der Spitäler delegiert werden.

Grundsätzlich ist das EPD aber für die Patienten gedacht und ersetzt nicht die gerichtete Kommunikation zwischen Ärzten und interprofessionellen Teams. Mit der Digitalisierung werden zunehmend Projekte entwickelt, die den Ärzten direkten Nutzen bieten. Ob Telemedizin in Verbindung mit neuen Versicherungsmodellen oder die Nachfrage von Patienten, die Daten über sich selbst sammeln und Gesundheits-Apps nutzen, zur Erhöhung der Selbstwirksamkeit oder um mehr Selbstbestimmung auszuüben - hier findet bereits jetzt, abseits vom EPDG, ein Wandel statt.

Wie genau wird der Zugriff auf das EPD durch den Patienten erfolgen?

Anders als in Deutschland mit der Gesundheitskarte melden sich Patienten in der Schweiz mit einem zugelassenen Identifikationsmittel an einem Portal der Stammgemeinschaft an und müssen entscheiden, welchen Gesundheitsfachpersonen sie den Zugriff gewähren. Wer mit Bauchschmerzen vom Hausarzt zum Spital überwiesen wird, muss im Vorfeld in seinem EPD allen Personen, die Zugriff benötigen, die erforderlichen Zugriffsrechte über das Zugangsportal erteilen. Zur Vereinfachung haben wir daher ein Zugriffsrecht für Fachgruppen eingerichtet. Der Patient muss die Berechtigungen jedoch aktiv steuern.

Ergeben sich aus dem derzeitigen Implementierungsstand neue wichtige Fragestellungen für das Schweizer Gesundheitswesen?

Big Data ist ein wichtiger Aspekt – der auch auf dem Swiss eHealth Summit Thema sein wird. Im EPDG ist zwar die Sekundärnutzung der Daten nicht geregelt. Denkbar ist jedoch die Nutzung der Daten zum Aufbau von Krankheits- oder Qualitätsregistern sowie zu Statistik- oder Forschungszwecken oder als Grundlage zur Optimierung administrativer Prozesse. Entsprechende Bestimmungen müssen gegebenenfalls zu einem späteren Zeitpunkt im Spezialrecht ergänzt werden. Mit der Entscheidung für IHE zum Austausch von Dokumenten sehen wir nun jedoch die Schwierigkeit, dass die Daten im EPD grundsätzlich nur über Metadaten wie z.B. den Dokumenttyp gesucht werden können, jedoch nicht semantisch. Das bedeutet, dass ein Arzt, der derzeit Basisdaten wie chronische und aktuelle Erkrankungen zu einem Patienten abfragen möchte, in allen verfügbaren Dokumenten suchen muss. Wir appellieren daher an diejenigen, die das Zugangsportal implementieren, dass die in den Dokumenten erfassten Informationen strukturiert, mit dem Ziel der schnellen Auffindbarkeit wichtiger Behandlungsinformationen, dargestellt werden.

Die FMH engagiert sich 2018 erstmals im Programmausschuss des Swiss eHealth Summit – mit Ihnen als Programm Board Member. Welche Themen sind Ihnen besonders wichtig?

Ganz klar, Interoperabilität. In Österreich diskutiert man derzeit über die Nutzung der ELGA-Daten für Forschungszwecke – insofern problematisch, weil der Patient, genau wie in der Schweiz, über seine elektronische Identität Zugang zu den Daten hat. Zudem muss man Unmengen an strukturierten und unstrukturierten Dokumenten auswerten. Viel wichtiger wäre jedoch, dass einmal digitalisierte Informationen wiederauffindbar sind. Beim Swiss eHealth Summit greifen wir dieses Thema mit der Session „The Interoperability Challenge“ (11.09.2018, 13:45 Uhr) auf und erörtern, wie wir zukünftig diese grossen Datenmengen nutzbringend austauschen können.

Ausserdem bin ich auf die Session „Patient Engagement“ (12.09.2018, 13:30 Uhr) gespannt: Im April 2020 können Patienten erstmals ihr EPD eröffnen und werden über Nacht zum eigenen Manager ihrer Erkrankungen. Da stellt sich die Frage: sind die Patienten in der Lage mit all diesen Facetten umzugehen und wie können wir sie im Umgang mit diesen Informationen unterstützen? Das wird ein neuer Diskurs.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Sojer!

###

Mehr Informationen zum Swiss eHealth Summit 2018 finden Sie unter: www.ehealthsummit.ch

 

Was wir wollen!

Forderungen an die E-Health Strategie der nächsten Legislaturperiode

Leadership & Digital Transformation

Rückblick auf den Swiss eHealth Summit 2018

„Das Management der digitalen Transformation steht im Fokus des Swiss eHealth Summit 2018“

Interview mit Prof. Dr. Jürg Blaser, Präsident der SGMI, und Rainer Herzog, General Manager D-A-CH der HIMSS Europe