Montage: iStock/Photocase/Winker

Crash oder Symbiose

Eine neue Generation von eHealth-Start-ups ändert den digitalen Markt im Kliniksegment: Zusammenstoß oder Integration zweier Welten?

By
Alexander
Schachinger

An die 130 Start-ups im deutschsprachigen Raum entwickeln seit wenigen Jahren völlig neue internetmedizinische Anwendungen für das Smartphone von Patienten. Die Mehrheit dieser neuen Dienste und Apps hat faktisch direkte Therapie- und Versorgungsrelevanz. Die damit verbundenen neuen digitalen Versorgungsszenarien, Geschäftsmodelle und Herausforderungen wurden von den Leistungserbringern bisher deutlich unterschätzt. Umso mehr wirkt sich nun diese Dynamik auf den Klinikmarkt aus. Denn diese Start-ups fragen nicht um Erlaubnis. Dieser Artikel stellt einen Auszug des Digitalen Gesundheitsmarkt Reports 2015 dar.

„Antifragil sind Dinge, die unter Stress nicht zusammenbrechen, sondern sich verbessern.“

Nassim M. Taleb, 2014

Fassen wir es kurz: Wir erleben derzeit eine gesamtgesellschaftliche Digitalisierung der sozialen Wirklichkeit sowie der Märkte, Dienste und Vertriebswege. Charakteristika dieser digitalen Netzwerkgesellschaft ist eine soziale, offene und dezentrale Vernetzung – sprich: das genaue Gegenteil eines geschlossenen und somit unabhängigen, „top down“ regulierten Systems, wie beispielsweise das deutsche Gesundheitssystem. Diese beiden Welten prallen derzeit zusammen. Akteure, Unternehmen sowie das Management dieses geschlossenen Systems haben ökonomische Anreize und brauchen täglich Informationen, welche dem Wissen und Verstehen des digitalen Ökosystems völlig entgegenstehen und jenen fremd und unverständlich erscheint.

Im Rahmen der strategischen Marktanalyse des zweiten Digitalen Gesundheitsmarkt Reports mit dem Fokus im Jahr 2015 allein auf die neue Generation von aktuell 130 digitalen Gesundheits-Start-ups (erstmalig) sollen die verdichteten Erkenntnisse sowie insbesondere ihre Implikationen für Kliniken hier dargestellt werden.

Die derzeit beobachtbaren Innovationspfade werden im Folgenden im Interessensfokus Kliniken dargestellt:

  • E-Coaching (E-Learning) ist eine schon weiter verbreitete digitale Anwendung, welche jedoch durch die Forschungserkenntnisse aus der Internetmedizin erst durch feine Feedbackelemente und Assessments, einen auf den Wissensstand des Patienten modular abgestimmten Aufbau und weitere patientensoziologische Charakteristika eine belegbare erwünschte Wirkung aufweist (auch bekannt unter dem Information Therapy Paradigma von Kemper & Mettler). Für Kliniken eignet sich dieser Ansatz ideal als auf eine Klinik-OP und den Behandlungspfad fein abgestimmte Smartphone-basierte Nachbehandlung mit den Vorteilen der Kundenbindung, des Qualitätsmanagements und dem Sammeln von Versorgungsdaten nach erfolgter OP.

  • Die Online-Gesundheitsakte (engl.: Personal Health Record) ist die eigentliche und rein patientengesteuerte Reinform der webbasierten Gesundheitsakte mit allen existierenden Befunddaten des Patienten in jeglichen Formaten. Patient sowie alle behandelnden Ärzte und Fachgruppen haben Zugriff mit unterschiedlichen Schreib- und Leserechten. Beispielsweise verknüpfen sich auch zwei Anbieter mit der Arztpraxissoftware des behandelnden Arztes. Einige Start-ups entwickeln auch softwarebasierte Brücken zwischen KIS-Systemen und dem Smartphone des Patienten.

  • Arzt-Patienten-Dienste bestehen mehrheitlich aus der Online-Arztsprechstunde, der Zweitmeinung oder Anamnese-, Befund- und Servicediensten für den Patienten vor, während und nach eines Klinikaufenthalts oder als anamnese- oder aufklärungsbezogene Smartphone-basierte Anwendung beispielsweise vor oder nach einem Arztbesuch. Die Vorteile für die klinikfokussierte Patientenkoordination, die Prozessoptimierung vor, während und nach einem Klinikaufenthalt liegen hier auf der Hand.

  • Internetbasierte Diagnostik oder auch medizinische Diagnostik rein per Smartphone, teils mit, teils ohne gesonderte Hardware, ist ein typischer Innovations- und Disruptionspfad im Sinne: immer kleiner, immer günstiger, immer einfacher zu verwenden. Dabei spielt auch die Konvergenz von Medizintechnik, Consumer Electronics und Internet eine treibende Rolle.

Vorteile der Innovationen digitaler Gesundheits-Start-ups für die Versorgung

Quelle: n=131 Start-ups, Auszug Digitaler Gesundheitsmarkt Report 2015, EPatient RSD GmbH

Übergeordnet muss postuliert werden, dass Kliniken insgesamt das Potenzial der digitalen Gesundheitsinnovationen als eine systemfremde und teilweise irritierende neue Marktgröße wahrnehmen und das kosteneffiziente und therapie- und versorgungsverbessernde Potenzial für sich bei weitem noch nicht ausreichend aufgegriffen, evaluiert und umgesetzt haben. Dies wird sich in den kommenden Quartalen wie Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit ändern.

In Anbetracht der wachsenden Ärzteknappheit und somit auch der medizinischen Versorgungsverknappung in einigen Regionen verstärkt sich der Handlungsdruck hierzu gesamtgesellschaftlich entsprechend.

Im Folgenden sollen exemplarisch zwei Strategie- und Integrationsherausforderungen für Kliniken verdichtet dargestellt werden.

Unternehmensinterne Prozesse und Strukturen

Die häufig intern wie extern wahrgenommene Unterschiedlichkeit zwischen marketingfokussierten versus produkt- und versorgungsfokussierten klinikinternen Abteilungen wirkt innerhalb der hier dargestellten Szenarien kontraproduktiv. Nicht nur wäre es deplatziert und in seinem Potenzial weit unter Wert verkauft, digitale Patientendienste rein als Marketinginstrument zu verwenden; die Integration von Wissen, Strategien und des Managements digitaler Produkte bedarf neuer Prozesse und Kompetenzen.

Antifragile Integration der neuen digitalen Therapie- und Versorgungsansätze:

Sehr schlicht gesprochen sollten Kliniken die Nichtvernetztheit des digitalen mit dem traditionellen Gesundheitsmarkt durch sehr schlanke, schnelle und mit kleinem Budget versehene Evaluationspiloten überbrücken. Antifragil meint hierbei, dass sehr wohl diese Piloten, welche einen digitalen Patientendienst im Fokus haben, keine komplexen, budgetintensiven, IT-Infrastruktur verändernde Projekteigenschaften haben müssen.

Ausblick und Fazit

Wie kaum ein anderer Akteur auf dem Gesundheitsmarkt haben Kliniken das nahezu ideale Potenzial, mit ihren hohen Fallzahlen, nach bestimmten Behandlungsformen und Indikationen kontrollier- und skalierbar, neue digitale Patientendienste im Feld zu testen, zu evaluieren und zu integrieren. Der Klassiker, als Beispiel, würde wie folgt aussehen:

Ein Patient nach Eingriff XY verlässt mit Ledertasche und Zahnbürste die Klinik und erhält, genau zugeschnitten für Eingriff XY, für seine Folgewochen und -monate der Rehabilitation ein hochindividualisiertes, dynamisches und interaktives Coaching-Programm für sein Smartphone. Digitale Nachsorge, Qualitätsmanagement, Kundenbindung, digitale Versorgungsforschung in einem Icon auf dem Smartphone-Homedisplay im Look & Feel der Klinik kombiniert. Und das bitte nicht als Projekt mit einer mittleren IT-Revolution dahinter. Es ist machbar.

Was seit gestern geschieht und die kommenden Jahre charakterisieren wird, ist keine Fertigstellung einer einheitlichen Standardlösung mit einer Standardplattform und Standardregulation, wie es das deutsche Gesundheitssystem gewohnt ist und es sich ständig als liebevolle, aber unrealistische Lösung am Ende eines jeden Digitalkongresses seit
Jahren wünscht. Es wird eine mit der Zeit schneller konstruktive und auf Wirkung prüfbare, chaotische „Feuerwerksinnovations­phase“ sein.

Alexander Schachinger

Geschäftsführer, EPatient RSD GmbH

Geschäftsführer der EPatient RSD GmbH in Berlin, einem Marktforschungs- und Beratungsunternehmen für digitale Patientenstrategien. Er promovierte 2013 zum Thema „Der digitale Patient“. Nach dem Studium der Medienökonomie in Berlin und Toronto arbeitete er bei internationalen Herstellern sowie Digitalagenturen.

Mensch oder Maus?

Inwiefern profitieren Patienten von programmierten Behandlungsmethoden

Hilfe für Pflegende – ohne Hürden

mHealth im Check: Töchter & Söhne

Digitale Sprechtherapie – einfach und bezahlbar

mHealth im Check: Evivecare