CIO: Brückenschlag vom ​Krankenhaus ​zum Zuhause des Patienten

Jan-Eric Slot (JES), CIO, CMIO, Vorstandsmitglied des Bernhoven Krankenhauses sprach mit 42 News über den Einfluss der digitalen Transformation auf die Aufgaben des CIOs und wie dieser den Wandel vom Patienten zum Konsumenten von Gesundheitsleistungen unterstützt.

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Cornelia
Wels-Maug

42 News: Wie hat sich das Aufgabenfeld der IT im Krankenhaus in den letzten Jahren entwickelt?

JES: Das Augenmerk der Krankenhaus IT hat sich weg von einem internen Rechenzentrumsbetreiber in den vier Wänden eines Krankenhauses hin zu einem Leistungserbringer im externen Umfeld des Krankenhauses geweitet. Der Fokus liegt auf dem Patienten, dessen Erfahrungen als Kunden des Gesundheitswesens wir mithilfe von IT transformieren. Der Patient wird zum Partner, mit dem man auch in der Zeit, die dieser außerhalb des Krankenhauses verbringt, in Verbindung steht. Zumal sich in unserer Region ein Patient im Durchschnitt nur 1,2 Tage im Jahr im Krankenhaus aufhält. Deshalb schenken wir jetzt den Einwohnern im Einzugsgebiet unseres Krankenhauses viel mehr Beachtung als früher, als wir uns fast ausschließlich um die IT innerhalb unseres Hospitals gekümmert haben.

Für die IT-Abteilung bedeutet das, dass sich deren Businessmodell von Business to Business (B2B) zu Business to Consumer (B2C) wandelt und auch, dass die IT direkt in die Strategie des Krankenhauses eingebunden ist. In Bernhoven spiegelt sich diese geänderte Rolle der IT unter anderem darin wider, dass ich als CIO auch im Vorstand sitze. Das ist auch für die Niederlande ungewöhnlich, wo immer noch die Mehrzahl der Krankenhaus IT-Leiter oder CIOs nur informell Einfluss auf das Management ausüben und dessen Strategie nur indirekt mitbekommen und erst in zweiter Instanz technologische Innovationen einbringen können.

Auf der Informationsebene bedeutet die geänderte Rolle der IT, dass wir mithilfe der Unterstützung von IT eine Umgebung schaffen, in der alle Akteure, die an der Behandlung eines Patienten beteiligt sind, Daten in dessen elektronische Patientenakte eingeben- bzw. dort einsehen können, sofern sie von dem Patienten, der die alleinige Kontrolle über seine Daten hat, dazu berechtigt worden sind.

42 News: Wie hat sich das Leistungsspektrum der IT-Abteilungen geändert?

JES: Wir versuchen, sogenannte wertorientierte oder ‚value-based‘ Gesundheitsdienstleistungen anzubieten, um besser auf den individuellen Patienten eingehen zu können und dies auch außerhalb der üblichen Sprechzeiten. Selbst wenn mehrere Patienten unter den gleichen Symptomen leiden, bedeutet das nicht, dass sie auch alle die gleiche Behandlung wünschen. Wir wollen den Patienten selbst über die für ihn optimale Behandlung entscheiden lassen: „Was wäre ein Ergebnis, mit dem Sie persönlich zufrieden sind?“

Dazu ist es aber notwendig, dass Patienten über die für sie relevanten Informationen hinsichtlich ihrer Krankheit verfügen, damit sie besser verstehen, wie sie mit ihrer Erkrankung umgehen können. Deshalb haben wir in diesem Jahr damit begonnen, in Zusammenarbeit mit Hausärzten, Patienten und dem Krankenhaus, sogenannte „Time Boxen“ einzurichten. Sie halten Informationen für spezifische Patientenkohorten bereit. Bisher haben wir diese Time Boxen für sechs verschiedene Krankheiten definiert: Diabetes, Herzinsuffizienz, chronisch obstruktive Lungenerkrankung, rheumatoide Arthritis, aber auch generelle Informationen nach einem Krankenhausbesuch und zur Medikation.

Auch bei uns gilt das Prinzip, dass ein Produkt „für alle“, keinem gerecht wird. Deshalb ermitteln wir mithilfe eines Fragenbogens, wie viel der Betroffene von seiner Krankheit überhaupt versteht. Bei Diabetes, zum Beispiel klären wir auf, wer überhaupt gefährdet ist und was deren Ursachen sind. Wenn ein Patient Komorbiditäten hat, werden nur Informationen zu den betreffenden Krankheiten eingestellt.

Zum Betreiben dieser Time Boxen haben wir 2016 eine Plattform errichtet, die auch von der Mayo Klinik eingesetzt wird. Sie verfügt über Tools, die es ermögliche synchron und asynchron zu kommunizieren und unterstützt eine Chatfunktion.

42 News: Welche Bedeutung spielt das College of Healthcare Information Management Executives (CHIME) für CIOs?

JES: CHIME bietet das erste Zertifizierungsprogramm an, das sich ausschließlich an Führungskräften im Gesundheitsbereich, wie CIOs und andere IT-Leiter, wendet. Das Programm schließt mit dem Examen zum ‚Certified Healthcare CIO‘ (CHCIO) ab und man kann es nur ablegen, wenn man mindestens fünf Jahre Erfahrungen als CIO nachweisen kann. Seit 2017 gibt es neben einer US-amerikanischen auch eine internationale Version (CHCIOi).

Mit diesem Programm will CHIME CIOs und anderen IT-Leitern die Möglichkeit eröffnen, Fähigkeiten außerhalb des traditionellen IT-Bereichs zu erwerben, um dadurch mit den geänderten Anforderungen an ihre Position Schritt halten zu können. Dies beinhaltet Schulungen unter anderem in den Bereichen Organisation, Innovation, Governance, Marketing sowie das Erlernen von Fähigkeiten, interne Organisationen mit neuen Stakeholdern zu verbinden.

Die Zertifizierung muss alle drei Jahre aufgefrischt werden, sodass sie de facto eine kontinuierliche Weiterentwicklung bedeutet. CHIME hat international zwischen 300 bis 400 Mitglieder, 30 davon sind schon zertifiziert. Meine eigene Zertifizierung habe ich 2010 erhalten. Im November 2016 haben CHIME und HIMSS angekündigt, gemeinsam bei allen Programmen außerhalb Nord Amerikas zusammenzuarbeiten.

Cornelia Wels-Maug

erforscht seit 21 Jahren den Einsatz von IT in diversen Industriesektoren und hat sich vor fast zehn Jahren auf den Gesundheitsmarkt spezialisiert. Sie verfasst Artikel, Fallstudien und Weißbücher über den weltweiten Markt für IT im Gesundheitswesen undhält Vorträge und Webinare. Gleichzeitig ist sie auch als Analystin für den internationalen Gesundheitsmarkt bei einer englischen Firma tätig.

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