Foto: Shutterstock (Lukas Gojda)

Brennende Häuser versichern

Versicherungsunternehmen bemühen häufig das Bild eines brennenden Hauses, um darauf hinzuweisen, dass sich der Kunde bereits für eine Versicherung entscheiden muss, bevor der Schadensfall eingetreten ist.

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Felix
Cornelius

Ein erfolgreicher Vertrieb setzt also beim künftigen Kunden Vorstellungskraft voraus („Das Haus könnte brennen“) sowie ein grundsätzliches Verständnis für das Konzept des Erwartungswertes („Selbst wenn das Haus nie gebrannt hat, war die Entscheidung für die Versicherung richtig“).

Auch im Gesundheitswesen gibt es Situationen, in denen es bereits zu spät ist, wenn erst im Moment der akuten Notwendigkeit heraus gehandelt wird – Situationen, die von einem großen Kollektiv in guten Zeiten eine gemeinsame Entscheidung verlangen, und zwar in dem Wissen, dass nur wenige Mitglieder des Kollektivs irgendwann betroffen sein werden, dann jedoch von der rechtzeitigen Entscheidung aller profitieren.

Das lässt sich am Thema Organspende gut nachvollziehen: Es wird für die jeweils Bedürftigen regelmäßig nur dann genügend Organe geben, wenn eine möglichst große Zahl von Menschen vor Eintritt des Notfalls ihre prinzipielle Spendenbereitschaft erklärt hat.

Nicht unmittelbar zu erkennen ist dieses Prinzip im Zusammenhang mit dem Management von Patientendaten, also dort, wo es um die Erhebung, Speicherung und Kommunikation von sensiblen Gesundheits- und Versorgungsinformationen geht. Es kann zum Beispiel nur derjenige davon profitieren, dass der Notarzt auf den Unfalldatensatz zugreifen kann, der diesen zuvor mit seinen Daten gefüllt hat. Oder: Wenn ich einen Kardiologen besuche, kann ich nur dann davon ausgehen, dass dieser auf die Laborwerte des eine Woche zurückliegenden Hausarztbesuches zugreifen kann, wenn bereits beim Hausarzt sichergestellt wurde, dass diese Daten irgendwann potenziell abrufbar sind. Auch hier muss also eine Entscheidung auf Vorrat getroffen werden, denn als ich beim Hausarzt war, wussten weder er noch ich, dass ich eine Woche später zu einem anderen Arzt gehen würde.

Auch auf die Ärzteschaft trifft die Versicherungsmetapher zu: Wenn ein Spezialist erst dann erkennt, dass es notwendig ist, auf die Vorgeschichte seines Patienten zuzugreifen, wenn dieser vor ihm sitzt, ist es zu spät. Er muss mit allen Kollegen bereits lange zuvor die technischen Voraussetzungen schaffen und Prozesse vereinbaren, die ihm diesen Datenaustausch in Zukunft ermöglichen, falls Arzt und Patient das irgendwann beide wollen.

Menschen machen ihre Entscheidungen typischerweise von je aktuellen Empfindungen und Situationen abhängig. Es ist deshalb durchaus denkbar, dass ich ein vehementer Anhänger radikaler Privatheit bin und jede Kommunikation meiner Daten ablehne, dass ich aber meine Sicht in dem Moment ändere – so ich dann noch in der Lage bin! –, wo ich schwer erkrankt bin oder nach einem Unfall in den Notarztwagen geschoben werde.

Um noch einmal auf das Bild der Organspende zurückzu kommen: Fragen wir 100 Dialysepatienten, ob sie, wenn sie gesund wären, einen Spenderausweis mit sich führen würden, vermute ich eine Zustimmung von 90 Prozent. Gäbe es die Möglichkeit, sich mit diesen 100 Patienten in eine Zeitmaschine zu setzen, 30 Jahre zurückzufliegen und die Frage zu wiederholen, erwarte ich eine Zustimmung von 20 Prozent...

Ich würde mir in der politischen Debatte um die angemessenen Vorgaben und Kompromisse hinsichtlich des Patientendaten-Managements wünschen, dass die Beteiligten sich vor jeder Entscheidung in eine Zeitmaschine setzten und ihren Stimmzettel erst dann ausfüllten, wenn sie 30 Jahre in der Zukunft angekommen sind. Solange wir diese Möglichkeit nicht haben, schlage ich vor, darüber nachzudenken, wie wir in die Diskussionen und Entscheidungen Menschen aus der Gruppe der akut Betroffenen mit einem Stimmanteil von 50 Prozent einbeziehen können.

Felix Cornelius

Geschäftsführer, Spreeufer Consult GmbH

Felix Cornelius ist Geschäftsführer der Spreeufer Consult GmbH, die sich auf Projekte spezialisiert hat, in denen ärztliches und betriebswirtschaftliches Denken versöhnt werden sollen. Er ist auch Mitgründer und Vorstand des Verbandes digitale Gesundheit (VdigG).

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