Brauchen wir eine frauenspezifische Gesundheits-IT?

Die Anzahl von Frauen, die in der Gesundheits-IT-Branche arbeiten, hat stark zugenommen. Gleichzeitig verstärkt sich deren Forderung nach Gleichberechtigung gegenüber den männlichen Kollegen. Frauen diskutierten auf der Medica, wie dies am besten zu bewerkstelligen ist.

By
Cornelia
Wels-Maug

„Früher gab es nur wenige Frauen auf dem Gebiet der Gesundheits-IT, das hat sich mittlerweile geändert“, erklärt Angela Velkova, Director of Communities and Strategic Relations, EMEA, HIMSS, zu Beginn der Podiumsdiskussion zu dem Thema „sheHealth – Digital health goes feminine“ auf der diesjährigen Medizinmesse Medica. Jedoch besteht nach wie vor noch eine Ungleichbehandlung von Frauen und Männern in der Branche. Eine von der HIMSS 2016 veröffentlichte Studie zu Einkommensdisparitäten in den USA „2006 – 2015 Longitudinal Gender Compensation Survey“ hat herausgefunden, dass über einen Zeitraum von neun Jahren, Frauen für eine vergleichbare Leistung wie ihre männlichen Kollegen in vergleichbaren Positionen im Durchschnitt 18 Prozent weniger als diese verdienten. Die Gehaltsunterschiede nehmen sogar noch zu, je weiter eine Frau auf der Karriereleiter avanciert beziehungsweise, wenn sie einer Minderheit angehört.

Mit den Waffen einer Frau

In der oben zitierten Studie, bei der Frauen, die in der Gesundheits-IT-Branche tätig sind, befragt wurden, gaben 60 Prozent von ihnen an (die Stichprobengröße dieser spezifischen Frage betrug 870), dass sie unter der Einkommensdiskriminierung gegenüber ihren männlichen Kollegen leiden.

Und wie gehen Frauen mit dieser Ungleichbehandlung um? „Wir können drei Muster erkennen: Entweder, Frauen unternehmen nichts, sie sprechen mit der Personalabteilung, um ihrer Frustrationen Luft zu verschaffen oder aber wir Frauen arbeiten mehr, in der Annahme, dass wir dadurch noch wertvoller für unsere Arbeitgeber werden“, fasst Velkova die diesbezüglichen Erkenntnisse einer anderen HIMSS-Studie, „Women in Health IT Survey 2018“ zusammen.

Die Podiumsdiskussion auf der Medica beschäftigte sich zum größten Teil damit, Ansätze zu identifizieren, die helfen, die Wertschätzung, die Frauen für ihre Leistung entgegengebracht wird, zu vermehren. Eine höhere Wertschätzung beinhaltet nicht nur, dass eine gleichartige Leistung auch geschlechterunabhängig vergleichbar entlohnt wird, sondern auch, dass sich die Chancen auf Beförderung für Frauen erhöhen.

Die Quotenfrau?

Ist die Schaffung von Frauenquoten eine anstrebenswerte Lösung, Frauen mehr Anerkennung zu verschaffen? Die Teilnehmerinnen der Podiumsdiskussion, die selbst einflussreiche Positionen auf dem Gebiet der Gesundheits-IT innehaben – sei es als Mitarbeiterinnen von Industrieunternehmen, Forschungseinrichtungen oder Lobbyorganisationen – konnten sich nicht mehrheitlich mit dieser Herangehensweise anfreunden. Stattdessen favorisierten sie insbesondere eine stärkere Vernetzung von Frauen, die Unterstützung durch Mentoren sowie frauenspezifische Angebote, die darauf abzielen, deren professionellen Fähigkeiten auszuweiten.

Empathie und Vernetzung

Es herrschte Konsens auf dem Podium, dass Frauen sich der als feminine Stärken angesehenen Fähigkeit zur Empathie und des sich Vernetzens zu eigen machen sollten, um sich untereinander besser zu fördern. Vanessa Lemarié, Project Lead Digital Health WH, Bayer AG, die selbst ein gemischtes Team leitet, betonte, wie wichtig es ist, Gemeinschaften zu schaffen: „Frauen sind oft zaghafter als Männer“, ist ihre Erfahrung. Deshalb findet sie die Gründung von Gemeinschaften so wichtig. Oft sei das ausreichend, ihnen die notwendige Unterstützung zukommen zu lassen. Ausdrücklich erwünscht sind Networking Events, Konferenzen, aber auch lokale Treffen: „In Berlin treffen wir uns zum Frühstück“, regte Prof. Dr. Sylvia Thun, Direktorin für eHealth und Interoperabilität am Berliner Institut für Gesundheitsforschung, an. „Als Nächstes planen wir, uns des Themas, wie Frauen in Führungspositionen unterstützt werden können, anzunehmen“, kündigte sie an.

Möglichkeiten der Digitalisierung ausschöpfen

Dabei unterstützt die Digitalisierung die Vernetzung beziehungsweise die Gründung neuer Gemeinschaften in hohem Maße. Sie hilft, sich innerhalb und außerhalb der eigenen Organisation auszutauschen. Und darüber hinaus befähigt sie Frauen, neue Arbeitsformen zu erproben, wie beispielsweise die Möglichkeit, von zu Hause zu arbeiten sowie online an Weiterbildungsveranstaltungen teilzunehmen beziehungsweise Onlineressourcen wie Präsentationen, Webinare oder Tutorien auf YouTube zu nutzen.

Beistand durch Mentoren erwünscht

In der bereits zuvor erwähnten HIMSS-Studie des Jahres 2016 gaben 45 Prozent der Teilnehmerinnen an, dass sie sich Mentoring wünschen würden und 48 Prozent erklärten, dass sie zwar zum Erhebungszeitpunkt nicht den Beistand einer Mentorin oder eines Mentors genossen haben, sich dies aber wünschen würden, belegte Velkova die Wichtigkeit dieses Punktes. Dabei stellen die Teilnehmerinnen der Podiumsdiskussion klar, dass es bei den Mentoren gerade auch die Expertise von Männern gefragt sei: „Wir können von ihnen lernen, wie man sich erfolgreich in einer Organisation durchsetzt“, schlug Lemarié vor.

Spezifisch auf Frauen ausgerichtete Angebote

„Der Fortschritt in der Medizin ist geschlechtsneutral, aber durch die Digitalisierung können wir feminine Aspekte hereinbringen“, warb Tea Böhm, Programm Managerin Venture Connect. „Wir brauchen andersgeartete Mittel, Frauen anzusprechen“, fuhr sie fort. Die Themenwahl ist dabei ein entscheidender Faktor, ob sich Frauen von Veranstaltungen angezogen fühlen. Böhm verwies in diesem Zusammenhang auf den Erfolg des weiblichen Hackathons in Berlin, der im Herbst stattfand.

Die Diskutantinnen sahen weniger die Notwendigkeit einer frauenspezifischen Gesundheits-IT, wohl aber die Vorteile, Weiterbildungsangebote in „geschützterer“, sprich, von Frauen dominierter, Atmosphäre anzubieten. Thun machte in diesem Zusammenhang auf die nächstes Jahr zum ersten Mal stattfindenden Sommerakademien für Frauen in der Gesundheit-IT aufmerksam. Und Sevilay Huesman-Koecke, Senior Manager PwC Europe, Head of Business Development Healthcare & Pharma Industry at PricewaterhouseCoopers GmbH, verwies auf die zweimal jährlich von PwC veranstalteten Zusammentreffen von Frauen in leitenden Positionen im Gesundheitsbereich hin, bei denen die Teilnehmerinnen „in einem geschützten Raum über Themen sprechen und voneinander lernen können“.

Die Entwicklung frauenspezifischer Angebote wird auf jeden Fall unmittelbar die Freude am Lernen und Diskutieren entfachen und sich positiv auf das eigene Selbstwertgefühl auswirken. Und auf längere Sicht wird dies helfen, die Ungleichbehandlung zwischen den Geschlechtern zu nivellieren.

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Cornelia Wels-Maug

erforscht seit 21 Jahren den Einsatz von IT in diversen Industriesektoren und hat sich vor fast zehn Jahren auf den Gesundheitsmarkt spezialisiert. Sie verfasst Artikel, Fallstudien und Weißbücher über den weltweiten Markt für IT im Gesundheitswesen undhält Vorträge und Webinare. Gleichzeitig ist sie auch als Analystin für den internationalen Gesundheitsmarkt bei einer englischen Firma tätig.

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