„Bei TASY steht die EMR im Mittelpunkt – und damit der Patient“

Mit TASY möchte Philips eine integrierte KIS-Lösung in den deutschen Markt einführen, die sich um die elektronische medizinische Fallakte herum organisiert.

Im Interview mit 42.NEWS berichtet Miriam Schnürer, Business Unit Manager EMR/KIS Healthcare.Informatics.Solutions.Services (HISS) bei Philips DACH, über die Erfolge und Erfahrungswerte in Brasilien und verrät, wie TASY an den deutschen Markt angepasst werden soll. Dr. med. Gereon Blum, Geschäftsführer am Krankenhaus Düren, erzählt, wieso er als Co Design-Partner von Philips das KIS erprobt.
 

TASY ist noch nicht CE-zertifiziert und erst nach Abschluss der Zertifizierung in Deutschland erhältlich. Bestimmte Module von TASY werden als Medizinprodukt zertifiziert werden.


Frau Schnürer, wie kam Philips zu TASY?

Schnürer: Philips hat sich dazu entschieden, mit Vollgas in die Digitalisierung und Vernetzung in der Gesundheits-IT einzusteigen und im Zuge dessen auch in den KIS Markt zu gehen. Im Mittelpunkt unserer Strategie steht das sogenannte Health Continuum. Es geht um eine kontinuierliche gesundheitsfördernde, -wiederherstellende und –sichernde Begleitung der Menschen in allen Lebensphasen. Der Krankenhaus-Sektor spielt dabei als Datengeber für Gesundheitsplattformen, aber auch als Datenempfänger aus anderen Sektoren eine wichtige Rolle. Für den KIS-Markt hat Philips weltweit verschiedenste Systeme gesichtet und dann 2010 TASY übernommen. TASY ist in Südamerika in über 850 Gesundheitseinrichtungen implementiert und in Brasilien als Marktführer gut etabliert. Eine Internationalisierung war der nächste logische Schritt.

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Unterschiede zwischen dem brasilianischen und dem deutschen KIS-Markt?

Schnürer: Mich persönlich hat die rasende Geschwindigkeit und hohe Qualität fasziniert, mit der die Brasilianer die technologische Entwicklung von Delphi über JAVA zu HTML5 vollzogen haben. Darüber hinaus gibt es einen komplett anderen philosophischen Grundansatz: Die deutschen KIS-Systeme wurden aus dem administrativen Abrechnungsfall heraus entwickelt, dem die medizinische Dokumentation folgen muss. Bei TASY ist das umgekehrt: Dort steht die medizinische Akte, die EMR, im Mittelpunkt. Damit werden alle übrigen Daten quasi im Prozess und Vorbeigehen generiert. In der IT-Logik werden somit Daten, die aus der medizinischen Dokumentation „abfallen“, für andere Zwecke genutzt – sei es für Ressourcenmanagement oder Abrechnung. Es macht einen großen Unterschied, wenn Ärzte und andere Leistungserbringer eine 360-Grad-Sicht auf lebenslang laufende Patientendaten haben und im Hintergrund die übrigen administrativen Daten generiert werden.

Was müssen Sie bei der Lokalisierung von TASY für den deutschen Markt darüber hinaus beachten?

Schnürer: Es gilt, sowohl grundsätzliche gesetzliche Anforderungen als auch spezifische Bereiche wie zum Beispiel die Abrechnung, die DRG-Codierung, die Kommunikation mit den Krankenkassen oder auch bestimmte Datenschutzkonzepte zu beachten. In Brasilien zum Beispiel steht sehr viel Personal zur Verfügung. Dadurch ist der einzelne Mitarbeiter weniger stark durch Dokumentationsaufgaben belastet. Im Gegensatz dazu sehen wir in Deutschland die Notwendigkeit, TASY besonders schnell und effektiv zu machen, um die bürokratischen Dokumentationsverpflichtungen für Ärzte und Pflegende zu erleichtern. Wir haben 18 Designer in Brasilien, die nach dem Design Thinking Model arbeiten, ein KIS-Novum. Sie alle arbeiten vor Ort eng mit den unterschiedlichen Mitarbeitergruppen des Krankenhauses zusammen und versuchen, das System so zu gestalten, dass IT-affine Personen mehr und andere Inhalte zu sehen bekommen als weniger IT-affine. Somit müssen wir insgesamt nicht nur an die gesetzlichen Anforderungen denken, sondern auch an Prozessunterstützung, da Taktung und Kostendruck hier in Deutschland erhöht sind.

Der neue KIS-Ansatz liegt also bei der medizinischen Fallakte?

Schnürer: Absolut. Bei TASY hat jeder Leistungserbringer vom Arzt bis zur Pflege verschiedene Ansichten auf die zentrale Patientenakte. Die Daten stehen nach medizinischer Logik somit zur richtigen Zeit am richtigen Ort zur Verfügung. Die administrativen Fälle setzen darauf auf; der Patient steht im Mittelpunkt. Das ist eine grundsätzlich andere Anordnung der Daten.

Wie kam es zur Entwicklung von TASY?

Schnürer: TASY wurde unter anderem von dem Arzt Dr. Luiz Arnoldo Haertel in Zusammenarbeit mit dem Krankenhaus Blumenau in Brasilien entwickelt. Ich war erstaunt, mit welcher spielerischen Leichtigkeit Technologien dort angewendet werden. So ist es üblich, sogar jeden Besucher über das KIS zu registrieren. Barcode-Reading ist ebenso selbstverständlich wie Closed Loop Medication und Unit dose-Systemanbindung oder die Echtzeitdatenkontrolle und BI nicht nur im ökonomischen Kontext, sondern auch für medizinische und administrative Qualitätskontrollen. TASY hat 8 EMRAM Stage 6-Krankenhäuser begleitet, von denen zwei in Vorbereitung sind auf Stufe 7. Das heißt, hier sprechen wir von quasi papierlosen Krankenhäusern.

Warum haben Sie sich für Düren als deutsche Testumgebung für TASY entschieden und wie wollen Sie vorgehen?

Schnürer: Wir hatten bestimmte Kriterien. Wir wollten zum Beispiel einen Kunden, der unsere Vision teilt. Andererseits wollten wir ein mittelgroßes Krankenhaus mit hohem Abdeckungsgrad, hoher Professionalisierung und Begeisterung nicht nur auf Leitungsebene. Mit Düren haben wir unseren Wunschpartner gefunden.

Was zeichnet TASY im klinischen Decision Support aus?

Schnürer: TASY verfügt über eine sehr strikte Logik in der Datenbank. Mit klar definierten Medical Objects werden Patientenwerte eindeutig und einmalig erfasst und nicht, wie häufig Realität, an verschiedenen Stellen im System gespeichert. Ein wichtiges Feature sind auch die seit Jahren geforderten Protokolle. Ein Fallbeispiel zu unserem wissenschaftlich aufgesetzten Sepsis-Protokoll verdeutlicht das: Weltweit vereinfacht man die komplexen Checklisten mittlerweile in Bundles, um die schnelle Erfassung von drohenden device-assoziierten Infektionen zu erkennen.

Mit IT-Unterstützung lassen sich jedoch wieder komplexe Algorithmen einführen, da die angebundenen Vitaldaten aus am Körper angebrachten Devices, selbst ohne manuelle Erfassung, in Echtzeit im System auswertbar sind und frühe Warnungen zeitlich vor erkennbaren Symptomen ableiten.

Ihr KIS besitzt aber auch sehr viele Features zur nicht-klinischen Entscheidungsunterstützung?

Schnürer: Ja. Über Protokolle lassen sich zusätzlich Ressourcen effektiv steuern. Sie erlauben eine herausragende Zusammenschaltung von klinischer und administrativer Entscheidungsunterstützung: Das KIS koordiniert bei bestimmten Therapieempfehlungen direkt die Muster der Therapieplanung, Behandler, Räume und Materialien – Dinge, die bei schlechter Koordination zu Zeitverlust, Ressourcenverschwendung oder -blockierung und auch zu Fehlern führen können. TASY trägt zudem zur Patientensicherheit bei, indem zum Beispiel im OP oder bei der Medikamentenvergabe per Barcode sichergestellt wird, dass der richtige Patient, die richtige Diagnose und die richtigen diagnostischen Vorbefunde bzw. im Falle der Medikation, die richtige Verschreibung für genau diesen Patienten inklusive all seiner Merkmale vorliegen. Ebenso lassen sich dadurch Wartezeiten und ungenutzte Ressourcen vermeiden.

Wie funktioniert die ökonomische Steuerung in TASY?

Schnürer: In Brasilien ist das genaue Kosten-Tracking Standard. Aus der medizinischen Dokumentation heraus werden gleichzeitig sofort Ressourcensteuerung, Logistik und Abrechnungsparameter erstellt. Die daraus resultierenden Reports und Echtzeitdaten-Dashboards machen Abweichungen deutlich. Diese Mechanismen schreibt man häufig in den Kontext der ökonomischen Steuerung. Ich sehe die Vorteile ebenfalls in der Qualitätssicherung und in medizinischen Anwendungen. Die Outcomes sind natürlich in Brasilien gemessen worden und zeigen signifikant positive Verbesserungen. Allerdings lassen sich solche Verbesserungen nur bedingt vergleichbar, da sich zu viele Variablen bei der Messung in Deutschland unterscheiden und Effekte der Prozessveränderung sauber abzugrenzen sind. Wir werden in Deutschland sehr genau die eingeführten Systeme überprüfen und Vorher/Nachher-Modelle erstellen.

Wie bilden Sie in TASY klinische Arbeitsabläufe dezidiert kundenspezifisch ab?

Schnürer: In Workshops schauen wir uns an, wie das Krankenhaus aufgestellt ist und wo Besonderheiten und eventuelle negative Abweichungen zu finden sind. Gemeinsam wird eruiert, welche Systeme und Prozesse integriert werden sollen. Dabei werden auch erfolgreiche Produkte anderer Anbieter eingebunden. Beim Co-Design-Kunden arbeiten wir zunächst nur mit einer Testumgebung.

„Die Idee war, nach einem KIS 4.0 zu suchen, damit wir damit auch in 15 Jahren noch führend sind.“

Herr Dr. Blum, was hat Sie überzeugt Co Design-Partner von Philips zu werden?

Blum: Schon länger arbeiten wir an unserer Strategie für 2025. Dazu gehörte die Prüfung des KIS – eine Entscheidung für die Zukunft sollte her - in Form eines neuen Systems oder als Ausbau des vorhandenen. Die Idee war, nach einem KIS 4.0 zu suchen, damit wir damit auch in 15 Jahren noch führend sind. Die meisten KIS in Deutschland stammen aus den 1990er Jahren und bieten kaum innovative Weiterentwicklung. Einen für Herbst 2016 angesetzten Visions-Workshop habe ich wieder abgesagt, nachdem ich in Brasilien das System TASY kennenlernen durfte: In Sao Paolo haben wir gesehen, was wir uns hier in Träumen vorgestellt haben: voll digitalisierte Krankenhäuser und von Ärzten entwickelte Abläufe, die komplett um die Patienten herum organisiert waren.

Anders als hierzulande werden die Patienten beispielsweise in der Notaufnahme ohne bürokratische Hürden sofort behandelt. Überzeugt haben mich auch die Abläufe, nicht zuletzt im Provinz-Krankenhaus Blumenau. Dort lief alles ruhiger trotz höherer Taktrate.

Welche Änderungen erhoffen Sie sich von TASY für Ihr Krankenhaus?

Blum: Schon jetzt sehen wir Vorteile, nicht zuletzt aus Patientensicht, indem wir Arbeitsabläufe synchronisieren und IT-Unterstützung erhalten. Dabei geht es nicht um abteilungsbezogene Patientenpfade. Ob Innere Medizin, Chirurgie, OP oder Ultraschall – sie alle erkennen inzwischen: Der Weg des Patienten bleibt gleich. Am Ende muss der richtige Raum mit dem richtigen Personal zur richtigen Zeit verfügbar sein, der Patient muss anwesend und das richtige Verfahren ausgewählt sein. Wir möchten keine Wartezeiten, weil zum Beispiel der Oberarzt, der eine Ultraschalluntersuchung durchführen soll, am entsprechenden Tag Urlaub hat und der Patient umsonst kommt. Außerdem versuchen wir Koordinationsprobleme anzugehen, beispielsweise bei der Stationsaufnahme vor dem OP. Die IT kann helfen zu klären, ob der Patient tatsächlich da ist und ob er ab 12 Uhr ein Bett benötigt.

In der Dokumentation muss jeder am Behandlungsprozess Beteiligte zu jedem Zeitpunkt Zugriff auf alle relevanten Informationen haben. Auch in puncto Entscheidungsfindung bekommen wir Unterstützung – sei es durch frühzeitige Hinweise an Behandler bei Sepsis-Anzeichen oder Antibiotika-Resistenzen oder Warnmeldungen bei Noroviren an das Hygiene-Team.

In TASY werden Patienten aktiv in das Termin-Management eingebunden. Mit welchem Nutzen?

Blum: Krankenhäuser sind oft nicht in der Lage, mehrere diagnostische Termine so zu koordinieren, dass diese ambulant an einem Tag durchführbar sind. Das weiß jeder, der eine komplexere Erkrankung hat. In TASY hat der Patient die Möglichkeit zum aktiven Termin-Management: Er gibt zum Beispiel vor, dass er Gastroskopie, Koloskopie und CT möglichst an einem Vormittag, Nachmittag oder einem bestimmten Wochentag durchführen lassen möchte. Das System ist dann in der Lage, eine Terminkombination vorzuschlagen und ihn sogar 24 Stunden vorher daran zu erinnern. Außerdem informiert es alle beteiligten Behandler, wenn der Patient im Haus ist. Kommt er nicht, meldet er sich zentral ab – und die Zeitkontingente stehen anderen zur Verfügung.

Gleichzeitig wollen wir in Düren auch gut mit den ambulanten Systemen der niedergelassenen Ärzte vernetzt sein. Ziel ist, dass nicht nur die Patienten, sondern möglichst auch die Arztpraxen Zugriff auf die Termine haben und bei der Überweisung direkt die medizinischen Informationen an uns übermitteln. Darauf bin ich schon gespannt.

Führen Sie mit der Erprobung von TASY auch Qualitätsmessungen durch?

Blum: Der Vorher-Nachher-Effekt wird für uns spannend. Im OP-Bereich, dem teuersten Faktor, sind wir schon aktiv dabei. Wir planen eine extreme Zeitoptimierung. Herausgestellt hat sich bisher, dass Leerlauf häufig durch Begleitprozesse entsteht: Der Patient ist nicht vorbereitet, der Transportdienst nicht informiert oder es fehlen notwendige Untersuchungen. Wenn dann keiner den OP-Dienst informiert, wartet da ein Team mit extrem hohen Kosten.

Qualitätskennzahlen haben auch in der Notaufnahme Bedeutung: Wie schnell hat der Patient dort den ersten Arztkontakt? In Brasilien hat das Personal in der Notaufnahme maximal 10 Minuten Zeit für die Triage des Patienten. Der Patient registriert sich am Terminal selbst und stuft seine Dringlichkeit grob ein. An Hand bestimmter Eingaben wie Luftnot, Brustschmerzen oder Infektionen kann das System im Hintergrund nicht nur die Reihenfolge des Aufrufs gestalten, sondern auch Herzinfarkte und andere dringliche Fälle herausfiltern.

Wie wird sich diese IT-Unterstützung auf das klinische Arbeitsumfeld auswirken?

Blum: Natürlich werden sich viele Arbeitsabläufe - zehn Jahre in die Zukunft gedacht – radikal verändern. Gerade für die Pflege wird sich deutlich mehr Zeit für die direkte Arbeit am Patienten ergeben. Aber es werden auch Aufgaben wegfallen: Möglicherweise stellen die Schwestern auf Station dann weder die Medikation ein noch messen sie Blutdruck und Temperatur, weil dies automatisierte Systeme übernehmen.

Und natürlich wird, ähnlich wie in Brasilien, eine andere IT-Affinität gefragt sein: In Brasilien mussten sogar die Reinigungskräfte nach dem Säubern von Infektionszimmern diese elektronisch im System zur Neubelegung freigeben. Die Systeme wurden mit Leichtigkeit und ohne Informationsbruch bedient. Der Wandel des Arbeitsumfelds durch die Digitalisierung ist hier nicht aufzuhalten und wird sich von vorneherein um den Patienten herum organisieren.


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