Foto: Shutterstock (Deyan Georgiev)

Ärzte sollten sich mal freimachen

Was käme wohl heraus, wenn Aussagen über die Kommunikation zwischen Arzt und Patient nicht einseitig formuliert werden könnten, sondern wenn sie zwischen Ärzten und Patienten ausgehandelt bzw. ausgefochten werden müssten?

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Felix
Cornelius

In Paragraf 10 der „Muster-Berufsordnung für die in Deutschland tätigen Ärztinnen und Ärzte“ heißt es (noch): „Ärzte haben [...] Patienten auf deren Verlangen grundsätzlich in die sie betreffenden Krankenunterlagen Einsicht zu gewähren; ausgenommen sind diejenigen Teile, welche subjektive Eindrücke oder Wahrnehmungen […] des Arztes enthalten. Auf Verlangen sind […] dem Patienten Kopien […] gegen Erstattung der Kosten herauszugeben.“

Daran sind drei Dinge erstaunlich: Erstens das Wort grundsätzlich, zweitens das Konstrukt der subjektiven Eindrücke und Wahrnehmungen, drittens die Erstattung der Kosten. Keiner dieser Aspekte ist im Sinne des Patienten. Wenn ein Patient seine Daten verlangt, will er sie erstens vollständig haben; zweitens ist alles, was über den Output von Medizintechnik hinausgeht, mithin die sprechende Medizin in Gänze, eine einzige subjektive Wahrnehmung; drittens soll die gesamte ambulante GKV-Medizin für den Patienten kostenlos sein, außer der im Idealfall elektronischen Kopie der Dokumentation, die ja maximal Centbeträge kosten kann!

Nun hat der jüngste Ärztetag in Frankfurt Paragraf 10 geändert. Die gesamte Presse hat darüber berichtet. Freiwillig war der ärztliche Beschluss leider nicht: Es wurde lediglich die Regelung des  Paragraf 630g BGB („Einsichtnahme in die Patientenakte“) übernommen. Zwar gehören die „subjektiven Eindrücke“ jetzt der Vergangenheit an. Dem Patienten ist die Einsicht aber immer noch zu verwehren, wenn ihr „erhebliche therapeutische Gründe oder sonstige erhebliche Rechte Dritter“ entgegenstehen. Leider müssen wir feststellen: Auch die neue Regel ist fern aller Realität. Hat mein Arzt die Möglichkeit, in meine Akte etwas zu schreiben, dessen Offenlegung mir gegenüber erhebliche therapeutische negative Konsequenzen haben könnte? Wer könnte der Dritte sein, dessen Rechte beeinträchtigt werden könnten, wenn mein Arzt mir Einblick in meine Dokumentation gibt? Was geht in den Köpfen derer vor, die sich solche Formulierungen ausdenken?

Was käme wohl heraus, wenn Aussagen über die Kommunikation zwischen Arzt und Patient nicht einseitig formuliert werden könnten, sondern wenn sie zwischen Ärzten und Patienten ausgehandelt bzw. ausgefochten werden müssten?
Wenn es z. B. neben jedem Ärztetag immer auch einen Patiententag gäbe, der von denjenigen dominiert würde, die es wirklich betrifft, also von Menschen mit einem weit überdurchschnittlichen Versorgungsbedarf? Wenn dieser Patiententag immer dann, wenn die Ärzte sich zu (ihren) Patienten äußern, vorsorglich Einspruch erheben und verhindern könnte, dass es zu solch paternalistischen und im Grunde patientenfeindlichen Aussagen kommt?

Jeder Patiententag würde von den Ärzten uneingeschränkte Transparenz fordern. Einschränkungen würden überhaupt nur in Fällen akzeptiert, die es in der Praxis tatsächlich gibt, und für die es eindeutig möglich wäre, den Interessenskonflikt zu erkennen. In jedem Fall aber würde die Übermittlung der Daten natürlich kostenlos sein. Ärztliche Dokumentation erfolgt heute zu fast 100 Prozent elektronisch. E-Mails kosten kein Porto und der entsprechende Funktionsaufruf zur Datenübermittlung würde auch keine nennenswerte Zeit kosten. Kosten sind schließlich vor allem psychologisch fatal: Sie schrecken unabhängig von ihrer Höhe ab und sie signalisieren, dass die Übermittlung von Patientendaten medizinisch nutzlos ist. Was medizinisch notwendig ist, zahlt bekanntlich die Kasse.

Kommunikation schafft Wissen über die Natur und Behandlung von Krankheiten – zum Wohle der Patienten. Und sie fördert Qualität: Wenn ein Arzt weiß, dass die Patienten die Dokumentation aus der Praxis „entführen“ können, wird eine Kontrollmöglichkeit geschaffen und sich die durchschnittliche Qualität der Behandlung langfristig erhöhen. BGB und ärztliche Berufsordnung haben weiterhin dringenden Verbesserungsbedarf.

Felix Cornelius

Geschäftsführer, Spreeufer Consult GmbH

Felix Cornelius ist Geschäftsführer der Spreeufer Consult GmbH, die sich auf Projekte spezialisiert hat, in denen ärztliches und betriebswirtschaftliches Denken versöhnt werden sollen. Er ist auch Mitgründer und Vorstand des Verbandes digitale Gesundheit (VdigG).

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