Foto: Wally Pruss/Ideenküche

Wie kommen digitale ‘Schmankerln‘ in das Gesundheitssystem?

Wenn Krankenkassen, Technologieunternehmen unter Einbezug Versicherter eng verzahnt miteinander arbeiten, ist das ein gutes Rezept, alltagstaugliche innovative Behandlungen und Präventionsmaßnahmen zu generieren.

Von
Cornelia
Wels-Maug

Wenn es darum geht, innovative Lösungen in den Behandlungsalltag einzuführen, kommt den Krankenkassen eine zentrale Funktion zu; sie es sind, die darüber entscheiden, welche medizinischen Leistungen innerhalb der Regelversorgung ersetzt werden. Aber auch die Versicherten können ihren Einfluss geltend machen, sie stimmen mit den Füßen ab, indem sie sich für eine bestimmte Krankenkasse entscheiden. Die Krankenkassen befinden sich in einem delikaten Spagat: Sie müssen sich durch das Angebot von kundenfreundlichen, innovativen Lösungen von ihren Mitstreitern abheben, um dadurch bestehende Kunden an sich zu binden und neue zu akquirieren, gleichzeitig dürfen sie ihre Wirtschaftlichkeit nicht aus den Augen verlieren und müssen die Beitragssätze der Versicherten möglichst stabil halten. Und natürlich müssen auch die Ärzte mit ins Boot genommen werden, neue Leistungen müssen sich leicht in ihren Arbeitsprozess integrieren lassen, sonst werden sie nicht verwendet.

Digitale Angebote der Krankenkassen sind ein wichtiges Mittel, neue Arten von Versorgungsformen zu unterstützen, die nicht nur auf die Heilung bestehender Krankheiten zielen, sondern auch auf deren Prävention setzen. Dies ist sicherlich ein neuerer Aspekt der Anforderungen an eine ’Kranken’ kasse, der auch dazu führt, dass manche Versicherung sich mittlerweile des Titels ‚Gesundheitskasse‘ bedient. Aber auch die Technologiefirmen, die in diesem Markt agieren, oft genug Start-ups, die sich der Lösung einer spezifischen Fragestellung verschrieben haben, kämpfen um ihr Überleben, denn wenn ihre Lösung nicht in die Regelversorgung übernommen wird, ist ihre wirtschaftliche Existenzgrundlage gefährdet.

Wie kann man nun die Anliegen der verschiedenen Interessengruppen so kompatibel miteinander machen, dass innovative Lösungen Nutzen für die Versicherten, die Kassen sowie die Technologieunternehmen stiften können? Auf der zu Beginn dieses Monates in Berlin stattfindenden Veranstaltung ‚Ideenküche‘, bei der dieses Jahr unter dem Motto „E-Health-Lösungen für die smarte Krankenkasse der Zukunft“ gekocht wurde, gab es darauf Antworten.

Erwartungen der Versicherten: wie früher, aber anders …

Was erhoffen sich Versicherte von der Krankenkasse der Zukunft? Eine Studie der TCP Terra Consulting Partners, die die Veranstaltung schulterte, gewährte interessante Einblicke, die Dr. Evelyn Kade-Lamprecht, Partnerin bei TCP, so zusammenfasst, „wie früher, aber anders ... Versicherte verlangen nach traditionellen Wertemustern – einfach, klar, ehrlich, verlässlich, verbindlich“. Selbstverständlich werden in der Krankenkasse der Zukunft „Apps, Chats und Messengerdienste, Onlinecoachings, intelligente Suchtools, personalisierte Webseiten, Selfservice-Tools und digitale Assistenten“ nicht fehlen, so Kade-Lamprecht. Jedoch ist Individualismus wichtiger denn je: „Der Kunde entscheidet selbst auf seiner Reise“, betont Kade-Lamprecht. Versicherte wünschen sich, dass „die Technik eine ergänzende Möglichkeit zum persönlichen Kontakt ist“, und die Daten der Versicherten nicht zur “Überwachung oder Erstellung von Bewegungsprofilen“ genutzt werden, sondern viel mehr dafür, um auf die besten individuell passenden Behandlungsmöglichkeiten hinzuweisen, zitiert Kade-Lamprecht einige Studienteilnehmer. In ihren Erwartungen an die Krankenkasse der Zukunft sind die Versicherten den Kassen bereits weit voraus. Krankenkassen sollten die Chance nutzen, die Technologiefirmen in der Rolle der „Technologiepioniere, als ‚outgesourcte' Entwicklungsabteilung einer Krankenkasse einzubinden“, so Kade-Lamprecht, um „Innovation in den hochregulierten Markt zu bringen". 

Das Potenzial von E-Health für Krankenkassen

Die Digitalisierung von Leistungsangeboten ist auch aus Sicht von Krankenversicherungen ein Zugewinn. Tanja Obst, Geschäftsbereichsleiterin Gesundheits- und Versorgungsmanagement, DAK-Gesundheit, weiß genau um deren Vorteile: Beispielsweise hilft die Digitalisierung, „Prozesse schlanker zu gestalten, spezifische Gruppen besser zu erreichen, Angebote via Smartphone besser platzieren zu können und Kunden die Möglichkeit zu geben, sich mit ihrer Krankenkasse zu vernetzten,“ was die Schnelligkeit der Kommunikation vervielfacht. Ganz klar ist für sie auch, dass digitale Versorgungslösungen sich nur dann durchsetzen, wenn sie „einen Mehrwert schaffen und helfen, die Versorgungswelt transparenter zu gestalten und einen leichteren Zugang zu Leistungen zu ermöglichen“. Obst betont auch, dass es „schwierig ist, die richtigen Partner zu finden.“ Sie lässt keinen Zweifel daran, dass sie nur an Partnerschaften interessiert ist, die keine Kommerzialisierung der Versichertendaten anstreben. Hindernisse sieht Obst insbesondere im gegenwärtigen rechtlichen Rahmen, der den Handlungsspielraum der Krankenkassen durch Anforderungen insbesondere an den Datenschutz, das Berufs- und Haftungsrecht sowie an die Vergabeverordnung einschränkt. Dieser rechtliche Rahmen wird sich ihrer Einschätzung nach im Diskussionsprozess verändern. Obst erkennt auch, „für Innovation ist die hierarchische Struktur einer Krankenkasse nicht unbedingt hilfreich“, aber auch darauf weiß sie eine Antwort: „Wir haben die Rolle des CIO geschaffen“.

Rezepte der Technologiefirmen

Wie wichtig digitale Angebote für den Gesundheitsmarkt der Zukunft sind, zeigt sich schon in der Tatsache, dass 30% der im Rahmen des Innovationsfonds geförderten Projekte, ein E-Health-Element haben. Manche sehen die Technologiefirmen in der Rolle der „Technologiepioniere, als ‚outgesourcte‘ Entwicklungsabteilung einer Krankenkasse“, so Kade-Lamprecht, um „Innovation in den hochregulierten Markt zu bringen“.

Die auf der Ideenküche anwesenden Technologiefirmen brachten etliche Vorschläge ein, wie das Klima für digitale Innovationen verbessert werden kann. Insbesondere brauchen sie Zugang zu und Zusammenarbeit mit Patienten, Ärzten, Krankenkassen, aber auch Mentoren, Akzeleratoren und Interessensvereinigungen. Sie sollen es ihnen ermöglichen, dass nicht jede Firma selbst das Rad neu erfinden muss. „Wir brauchen Werkzeuge, um Innnovationen auf die Straße bringen zu können, damit z. B. nicht jedes Vertragswesen oder jede Schnittstelle immer wieder neu entwickelt werden muss“, fordert Jörg Land, Geschäftsführer Sonormed GmbH.

Und wie können nun Innovationen umgesetzt werden? Mit Offenheit und der Bereitschaft aller, sich kontinuierlich auszutauschen und gemeinsam zu lernen, zu experimentieren und zu evaluieren.

Cornelia Wels-Maug

erforscht seit 21 Jahren den Einsatz von IT in diversen Industriesektoren und hat sich vor fast zehn Jahren auf den Gesundheitsmarkt spezialisiert. Sie verfasst Artikel, Fallstudien und Weißbücher über den weltweiten Markt für IT im Gesundheitswesen undhält Vorträge und Webinare. Gleichzeitig ist sie auch als Analystin für den internationalen Gesundheitsmarkt bei einer englischen Firma tätig.

Kommentare

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