Digitale Sprechtherapie – einfach und bezahlbar

Evivecare ist Gewinner des von HIMSS Europe veranstalteten „Start-up-Slam: Traut Euch!“, unterstützt von McKinsey & Company.

Von
Susanne
Neumayer-Remter

Seit mehr als 15 Jahren beschäftigt sich Gerd Graumann mit Spracherkennungstechnologien, vor allem im Bereich von Callcentern. Jetzt will der IT-Experte dieses intelligente Werkzeug zusammen mit den beiden weiteren Co-Foundern des Unternehmens Evivecare ins Gesundheitswesen bringen. Mithilfe der Anwendung EviveSpeech, deren erster Prototyp bereits entwickelt ist, können von der Sprechstörung Dysarthrie sowie von Sprechapraxie betroffene Schlaganfall-Patienten intensiv und effektiv trainieren und so ihre Sprache schneller und umfassender wiedergewinnen.

Die Gründer

Gerd Graumann ist Spezialist für Spracherkennungstechnologien. Zusammen mit seinen Partnern Felix Cornelius und Narjeet Soni will er diese nun in den Healthcare-Bereich bringen.

Sprechtraining – viel hilft viel

Nur zehn Prozent der 15 Millionen Menschen, die jährlich weltweit einen Schlaganfall erleiden, erlangen nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO in der Folge ihre volle Gesundheit wieder zurück. „Studien zeigen, dass die ersten sechs Monate nach dem Schlaganfall, in denen das Gehirn besonders aufnahmefähig ist, entscheidend sind”, erklärt Erfinder Graumann – und hier setzt Evive-Speech an. Statt lediglich ein- oder zweimal pro Woche zum Logopäden zu gehen, kann der Patient mit der Applikation zusätzlich mehrmals täglich die Artikulation verschiedener Laute und Wörter selbstständig üben. Die mobile Lösung erkennt per Spracherkennungs­technologie, ob richtig ausgesprochen wird und gibt entsprechendes Feedback. Videos zeigen, wie genau die entsprechenden Laute gebildet werden.
Der besondere Clou: Der virtuelle Logopäde ist über die Vernetzungsmöglichkeit EviveCloud mit dem echten stets verbunden. Übt der Patient tatsächlich? Wo liegen seine größten Schwierigkeiten? Werden Fortschritte erzielt? Übersichtliche Dokumentationen, Analysen und Reports sowie abgespeicherte Audio-Dateien ermöglichen dem Logopäden eine gezielte und deshalb effektive Anpassung der Übungen. Auch Angehörige, Ärzte und Versicherer können über das Cloud-System eingebunden werden.

Überzeugendes Konzept

„Uns haben im Prinzip 3 Dinge überzeugt“, erklärt Sebastian Muschter, Principal beim Beraterunternehmen McKinsey, die Entscheidung der vierköpfigen Jury des Start-up-Slams. „Erstens eine sehr überzeugende Präsentation eines Gründers, der weiß, was er will, und der Erfahrung hat.“ Der wichtigste Grund für die Entscheidung, Evivecare auf Platz Eins zu setzen, war für Muschter aber das Thema selbst. „Das ist ein Produkt, das einer sehr relevanten Zielgruppe extrem helfen kann.“ Die Applikation ermögliche Hilfe zur Selbsthilfe, gerade in den entscheidenden Wochen und Monaten nach dem Schlaganfall – unabhängig von der Verfügbarkeit eines Therapeuten. Und schließlich überzeugte die Juroren die Ausbaufähigkeit. Der gesamte Therapiekontext, etwa auch eine Bewegungstherapie, könne theoretisch über Evivecare als gemeinsame Plattform laufen, meint Muschter, „als Ökosystem für Leute, die akut Pflegebedarf haben.“

Junges Unternehmen

Evivecare ist noch jung und als Unternehmen noch gar nicht offiziell gegründet. Der Prototyp der Anwendung wurde mithilfe des Start-up-Programms des Pharmaunternehmens Bayer, Grant4App, Ende 2014 fertiggestellt und wird jetzt in puncto Usability und Vernetzung weiterentwickelt. Läuft alles rund, dann geht es in etwa einem Jahr um den Markteintritt. In einigen Monaten steht zunächst aber eine erste konkrete Testphase mit Betroffenen an.

Die Berliner Logopädin Nicole Haschemi-Zellmer will dann auf jeden Fall dabei sein. „Ich halte das als zusätzliches therapeutisches Tool für sehr sinnvoll, die Patienten müssen unbedingt zu Hause üben, eine Applikation auf dem iPad ist da natürlich sehr motivierend“, sagt sie. Schließlich sei wissenschaftlich erwiesen, dass Therapien erst richtig wirken, wenn sie fünf bis zehn Mal die Woche stattfinden. In der Früh-Reha-Phase nach einem Schlaganfall seien häufige Therapiestunden auch die Regel, zu Hause angekommen bekämen die Patienten dann aber oft lediglich eine oder zwei Sitzungen pro Woche verschrieben. „Das ist natürlich zu wenig, und alle, die vom Fach sind, wissen das“, betont Haschemi-Zellmer. Mehr wird von der Krankenkasse aber meist nicht finanziert. „Das ist zu teuer.“

Weiterentwicklung angedacht

Die Logopädin merkt aber auch an, dass die Sprechstörung Dysarthrie oft in Verbindung mit der Sprachstörung Aphasie auftritt, dann sind neben der Sprechmotorik auch die Bereiche Sprachverständnis und Sprachproduktion betroffen. „Eine Aphasie kann durch die reine Übung der Artikulation aber nicht behoben werden“, erklärt Haschemi-Zellmer. Und EviveSpeech kann dann, so wie die Anwendung derzeit konzipiert ist, nicht helfen. Dies spricht auch Gisela Kiank vom Berliner Landesselbsthilfeverband Schlaganfall- und Aphasiebetroffener an. „Aphasiker haben aber in erster Linie Behinderungen im Sprachverständnis oder in der Wortfindung, in der Ausdrucksfähigkeit“, sagt die LVSB-Vorsitzende. Graumann versichert, daran zu arbeiten. Eine Lösung für Aphasiker habe hohe Priorität und es könne sogar sein, dass eine solche schon in der Markteintritts-Phase angeboten werden könne.

Investorensuche – die Auszeichnung hilft

Zunächst steht für EviveCare allerdings die Suche nach einem geeigneten Investor an. „Der Stellenwert dieses Preises ist sehr hoch für uns“, freut sich Start-up-Slam Gewinner Graumann über den gewonnenen 1. Platz, der mit einem sechsmonatigen McKinsey-Senior-Coaching dotiert ist. „Wir werden jetzt wahrgenommen und gefunden, in der Folge habe ich bereits mehrere Anfragen von potenziellen Partnern bekommen“, berichtet Graumann. „Das Votum der Spezialisten ist natürlich gerade in puncto Credibility eine tolle Sache.“

Susanne Neumayer-Remter

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